07. November 2017, 20:51 Uhr

»Auch rechte deutsche Jungs sind so!«

07. November 2017, 20:51 Uhr
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Von Doris Wirkner
Ahmet Toprak

Leben und Lernen ist der Titel einer Vortragsreihe des Staatlichen Schulamtes Gießen. Gewaltphänomene bei männlichen, muslimischen Jugendlichen und wie damit umgegangen werden kann, nahm im dritten Vortrag am Montagabend der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Dr. Ahmet Toprak in den Blick.

Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht scheinen es nahezulegen: eine hohe Gewaltbereitschaft männlicher, muslimischer Jugendlicher. Gut 30 Prozent, knapp 17 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, haben keinen deutschen Pass oder einen sogenannten Migrationshintergrund: sie sind zwar deutsche Staatsbürger, aber mindestens ein Elternteil kam erst nach 1949 ins Land. Anders als die sogenannten Gastarbeiter und deren Kinder sei für die Flüchtlinge heute auch der Zugang zu Arbeit schwierig und Asyl der einzige legale Weg ins Land zu kommen. Die Migranten gebe es daher nicht. Vielmehr handle es sich um eine äußerst heterogene Gruppe, in der es sowohl bezüglich Herkunft, Aufenthaltsstatus, sozioökonomischem und Bildungshintergrund, Aufenthaltsdauer, Sprachkenntnissen, Migrationsmotiv und Religiosität eine große Vielfalt gebe, stellte der Erziehungswissenschaftler fest. Integration sei ein Anliegen, das erst in den letzten Jahren Eingang in den politischen Diskurs gefunden habe. Spätestens mit den Kölner Ereignissen werde auch dies hinterfragt.

Im Auftrag der Bundesregierung hat Toprak eine Studie erstellt, aus der er eine Reihe von Präventionsmaßnahmen ableitet. Insgesamt vier Mal hat der Wissenschaftler innerhalb von elf Jahren 30 Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren befragt, um Motive und Hintergrund für ihr Verhalten zu ermitteln. Alle Jugendlichen waren Muslime und mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestraft.

Für ihre Gewaltbereitschaft liefert die Studie eine Reihe von Gründen: ein geringes Bildungsniveau, das auch die Chance auf Arbeit verhindere; eine Erziehung, die auf Autorität und Gewaltanwendung beruhe; eingeschränkte verbale Fähigkeiten, die dazu führten, dass Gewalt ein Mittel der Kommunikation werde. Hinzu komme ein Verständnis von »Ehre« und »Männlichkeit«, die umso wichtiger würden, je weniger Bildung, sonstige Erfolge und je mehr Diskriminierungserfahrungen die Jugendlichen hätten. Doch dies, so bekräftigte der Pädagoge, sei kein Phänomen der Migrationsgesellschaft. »Rechte deutsche Jungs sind auch so!«

Einen Zusammenhang mit religiösen Einstellungen sieht Toprak nicht, denn Männlichkeitsnormen würde inszeniert und instrumentalisiert, um sich von privilegierten Milieus abzugrenzen. Das zeige sich immer dann, wenn diese Statements hinterfragt werden. Gerade der vielzitierte Begriff der »Ehre« erweise sich als undefinierbar, und von denen, die ihn verwenden, als nicht erklärbar.

Dennoch seien die Verflechtungen mit tradierten, unhinterfragten Verhaltensweisen komplex. Topraks Präventionsliste ist daher lang. Neben Frühförderung der Kinder, interkulturellem Training für Schule, Polizei und Justiz, setzt er vor allem auf Zusammenarbeit und Training der Eltern. Denn Vorurteile gebe es auf beiden Seiten. Während Polizei und Justiz viel zu schnell Menschen mit Migrationshintergrund unter Generalverdacht stellten, was er auch selbst schon erlebt habe, sei vielen migrantischen Eltern die Rolle und Bedeutung von Schule nicht bewusst. »Reden Sie mit den Eltern«, forderte er daher die Zuhörer, unter denen sich auch viele Lehrer befanden, auf. (Foto: dw)



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