02. Dezember 2018, 14:00 Uhr

Porträt

Auch Blinde wollen lachen

Alexander Engelhardt ist seit seiner Geburt sehbehindert. In Watte gepackt werden will der 39-Jährige deshalb aber nicht. Der Gießener sagt: »Nicht jedem Behinderten geht es schlecht.«
02. Dezember 2018, 14:00 Uhr
Alexander Engelhardt ist ein entspannter, humorvoller Gesprächspartner, der auch über sich selbst lachen kann. (Foto: Schepp)

W enn Alexander Claudius Engelhardt ins Kino geht, verweigert er die 3 D-Brille. Menschen, die ihn nicht kennen, wundern sich dann. Nicht unbedingt, weil er keine Lust auf räumliche Tiefe auf der Leinwand hat. Sondern deshalb, weil der 39-Jährige einen Blindenstock benutzt. Engelhardt ist seit seiner Geburt stark sehbehindert, juristisch gesehen blind. Schränkt er sich deshalb ein? Ein klares, offensives Nein. Genauso geht der Gießener mit seiner Behinderung um – und mit der Tatsache, dass er bis ins frühe Erwachsenenalter Claudia hieß.

Engelhardt arbeitet seit fünf Jahren am Landgericht Gießen. Als Protokollführer sitzt er in Zivil- und Strafprozessen und schreibt mit. Er liebt seinen Beruf. Weil es dem nahe kommt, was er eigentlich werden wollte: Psychologe. »Man lernt bei Gericht viel darüber, wie Menschen funktionieren, vor allem wenn sie Schwierigkeiten haben.«

Engelhardt kam stark sehbehindert zur Welt. Bei seiner Geburt wurde er mit zu wenig Sauerstoff versorgt. Als Folge prägte sich der Sehnerv nicht vollständig aus. Mit rechts kann er nur hell und dunkel sowie große Flächen erkennen, mit links Menschen, Kleidung, Haare, aber keine Details.

Mehrere Augenkrankheiten verschlechterten seine Sehkraft. Trotzdem spricht Engelhardt von »Dusel«, weil ihn sein Umfeld immer gefördert habe. Seine Eltern akzeptierten früh, dass ihr Sohn auf Hilfe angewiesen sein wird. »Und wenn man Hilfe bekommt, dann kann man viel retten«, sagt Engelhardt.

Er besuchte von der ersten bis zur siebten Klasse eine Förderschule für Blinde. Sein Stiefvater glaubte aber, er sei dort unterfordert und schickte ihn auf die Realschule, nach der Mittleren Reife aufs Gymnasium.

Hier gelang ihm das Abitur trotz widriger Umstände. So musste er innerhalb eines Jahres den Stoff von vier Jahren Latein nachholen. Wer sich jahrelang bis zum Latinum gequält hat, weiß, was das heißt. Seine einzigen Hilfsmittel: Vergrößerte Kopien. Er bekam mehr Zeit bei Klausuren, nahm die aber die nie in Anspruch.

Als erstes Hindernis erwies sich das Psychologie- und Anglistikstudium: In den 2000ern gab es nicht genug elektronische Literatur, die ihm das Lesen erleichtert hätte. Er musste abbrechen.

Früher hieß er Claudia

Engelhardt machte trotzdem weiter – und ließ sich zum Übersetzer ausbilden. Im Anschluss fand er aber keine Stelle. Dass er – wohl wegen seiner Behinderung – nie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, ärgert ihn bis heute. Über den Integrationsfachdienst Gießen erhielt er schließlich das Angebot, als Protokollant beim Landgericht zu arbeiten.

Nehmen Richter dort mehr Rücksicht auf ihn? Engelhardt schüttelt mit dem Kopf. »Wenn jemand zu schnell ist, mache ich meinen Mund auf. Wenn ich etwas nicht schaffe, biete ich an, dass es jemand anderes macht.« Er macht eine kurze Pause, bevor er sagt: »Ich kann nicht immer nur einfordern.« Auch deshalb ist es für ihn eine glückliche Fügung, im Staatsdienst zu arbeiten. Als Mensch mit Behinderung komme er im Sozialstaat in den Genuss staatlicher Hilfeleistungen. »Mit meiner Arbeit kann ich etwas zurückgeben, trage als kleines Rädchen zum Funktionieren des Rechtsstaates bei.«

Hinzu kommt: Als Engelhardt 2013 beim Landgericht anfing, tat er das mit einem neuen Namen und einem anderen Geschlecht. Denn vorher war er eine Frau und hieß Claudia. »Als Kind habe ich gemerkt, dass es mit mir und dem Mädchensein nicht so passt«, sagt Engelhardt. Mit 26 Jahren entschloss er sich zu einer Therapie. Dort konfrontierte ihn sein Psychologe mit der Frage: »Sind Sie transsexuell?« Engelhardt erzählt mit einem Schmunzeln im Gesicht, er habe sich erstmal schlau machen müssen, was das Wort eigentlich bedeutet.

Wer eine sogenannte Personenstandsänderung beantragen, also das Geschlecht wechseln will, muss vorher seine Therapie fortsetzen. Um zu vermeiden, dass es sich nur eine Phase handelt. Es folgt ein Realitätstest: Mit dem anderen Geschlecht leben, ohne medizinische Eingriffe vornehmen zu lassen. Bevor es zur medikamentösen Behandlung und zum operativen Eingriff kommt, muss ein Sachverständiger mit einem Gutachten die Personenstandsänderung absegnen. Seit mittlerweile neun Jahren ist Engelhardt mit seiner Frau verheiratet. Und dann sagt er einen für ihn typischen Satz, augenzwinkernd, und mit einem herzlichen Lachen: »Sie hat sich sehenden Auges für mich entschieden.«

Engelhardt ist ein einnehmender Mensch. Wenn er lacht, und das tut er viel und gerne, dann steckt er seine Gesprächpartner an. »Ich will nicht ständig darüber nachdenken müssen, ob mit mir etwas nicht stimmt.« Das Blindsein werde für ihn erst zum Thema, wenn er seinen weißen Stock in die Hand nehme. Deshalb mag er es auch nicht, wenn Minderheiten »in Watte gepackt werden«. Man könne doch Gießen nicht auf den Kopf stellen, nur weil Blinde dort leben.

Studium an der Fernuniversität

Natürlich sei es schön, dass es in der Nachbarstadt Marburg zahlreiche Hilfsmittel und Institutionen für Blinde gebe. »Aber wer immer nur dort lebt, der kommt wenige Kilometer weiter nicht mehr so gut zurecht. So funktioniert die Welt einfach nicht.« Der 39-Jährige will nicht falsch verstanden werden: Natürlich sei es gut und wichtig, dass es diese Hilfen gebe. »Aber man sollte sich nicht darin fallen lassen.«

Auch deshalb will Engelhardt an einer Fernuniversität seinen Studienabschluss nachholen: den Bachelor in Psychologie. Nicht, weil er genug von seinem Job als Protokollant hätte. Im Gegenteil, den will er unbedingt weitermachen. »Ich mache es, weil ich endlich Hilfsmittel zur Hand habe, mit denen ich das Studium abschließen kann.« Er überlegt kurz. Ein spitzbübisches Lächeln huscht über sein Gesicht, bevor er sagt: »Und natürlich für mein Ego.«

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