27. Februar 2019, 15:00 Uhr

Arm trotz Arbeit

Arm trotz Arbeit: Waschen, Schneiden, Fiskus

Seit 18 Jahren betreibt Sabine Engelhardt ihren Friseursalon an der Gießener Ludwigstraße. Dass es ihren Laden noch gibt, hat sie auch der Treuherzigkeit ihrer Kunden zu verdanken.
27. Februar 2019, 15:00 Uhr
Sabine Engelhardt kämpft um ihren Friseursalon an der Ecke Ludwigstraße/Liebigstraße. (Foto: Schepp)

Schon von weitem ist zu erkennen, dass »Sabines Natur Frisör Erlebnis« kein normaler Ort zum Haareschneiden ist. Mit seinem großen Erker, dem darüberliegenden Balkon und der grünen Fassade strahlt der Laden an der Ludwigstraße einen alternativen, sorgenfreien Charme aus. Wer mit Inhaberin Sabine Engelhardt spricht, merkt jedoch schnell: Sorgen hat sie jede Menge. Und ja, auf Auto und Handy verzichtet sie. Das ist aber weniger Ausdruck einer alternativen Lebenseinstellung, sondern vielmehr aus der Not geboren. »Ich könnte mir das gar nicht leisten«, sagt Engelhardt. »Ich lebe von der Hand in den Mund.«

Viele Menschen verbinden Selbstständigkeit häufig auch mit Wohlstand. Doch oftmals ist das Gegenteil der Fall. Rund 80 000 Deutsche, die eine selbstständige Tätigkeit ausüben, müssen durch Hartz IV aufstocken. Das heißt: Jeder 13. Hartz-IV-Bezieher hat einen eigenen Betrieb. Engelhardt könnte eine Aufstockung auch sehr gut gebrauchen. Auf Transferleistungen verzichtet die Gießenerin trotzdem. Aus Prinzip.

Engelhardt wusste, als sie mit 16 Jahren ihre Lehre begann, dass man als Friseurin nicht das große Geld verdient. Sie konnte aber nicht ahnen, dass sie einmal für drei Kinder sorgen musste – ohne Partner an ihrer Seite. »Ich war immer alleinerziehend. Unterhalt haben die beiden Väter nicht gezahlt«, sagt die 53-Jährige. Trotzdem wagte sie 2001 den Schritt in die Selbstständigkeit.

Der kleine Laden an der Ludwigstraße unterscheidet sich nicht nur äußerlich von der Konkurrenz. Hochglanz-Poster sucht man genauso vergeblich wie Dauerwellenhauben oder prallgefüllte Verkaufsvitrinen. Und: In Engelhardts spartanisch eingerichteten Geschäft hängt kein süßlicher Geruch in der Luft. Denn das »Natur Erlebnis« im Firmennamen ist kein Marketingtrick. »Ich bin seit dem dritten Lehrjahr Allergikerin. Bei mir gibt es nur Naturkosmetik-Produkte.« Der Verzicht auf »Schnickschnack« scheint ihren Kunden zu gefallen, er bedeutet aber auch eine fehlende Einnahmequelle. Und Einnahmen könnte sie gut gebrauchen.

Während die Frau vom Finanzamt da war, kam eine Kundin. Ich habe mich geschämt

Sabine Engelhardt

Engelhardt hatte große Hoffnung in ihren Salon gesteckt, die Probleme ließen aber nicht lange auf sich warten. Bereits 2005 drohte die Pleite. Den damals aufgenommenen Kredit hat die Gießenerin inzwischen abgestottert, auf den grünen Zweig ist sie seither aber nicht mehr gekommen. »Seit damals habe ich Rückstände beim Finanzamt«, sagt Engelhardt. »Immer, wenn ich den offenen Betrag abgestottert habe, flattert die nächste Einkommenssteuernachzahlung ins Haus.«

Die Schulden beim Fiskus sind für die Gießenerin sehr belastend. Besonders schlimm wurde es im vergangenen Jahr, als plötzlich eine Mitarbeiterin der Behörde in der Tür stand. »Sie hat gedroht, mir das Gewerbe zu entziehen.« Man merkt Engelhardt an, dass es ihr schwer fällt, darüber zu sprechen. Immer wieder knetet sie ihre Finger. »Während die Frau vom Finanzamt da war, kam eine Kundin herein. Ich habe mich geschämt.«

Zwischenzeitlich war der Druck so hoch, dass Engelhardt überlegte, alles hinzuschmeißen. 900 Euro betrug der Rückstand. Stattdessen schluckte sie ihren Stolz herunter und stellte im Salon eine Spendenbox auf. Knapp 800 Euro kam so zusammen. »Die Kunden haben mir gesagt, dass sie gerne spenden. Weil sie meine Arbeit schätzen und wollen, dass es den Laden auch weiterhin gibt«, sagt Engelhardt und fügt an, dass die fehlende Summe ihre Tochter beigesteuert habe.

 

Problem ist nur verschoben

Engelhardt hat es also der Treuherzigkeit von Kunden und Familie zu verdanken, dass sie ihren Salon weiterhin betreiben kann. Das Problem ist jedoch nicht gelöst, sondern bestenfalls verschoben. Die Gießenerin weiß, dass sie ihren Laden eigentlich schließen müsste. Er wirft einfach nicht genug ab. Als Hartz-IV-Bezieherin hätte sie weniger Sorgen, aber nicht weniger Geld. Das will Engelhardt jedoch nicht. »Ich hänge an meiner Kundschaft, an dem Laden. Er ist mein viertes Kind.« Ihre Sturheit hat aber auch noch einen anderen Grund: Zu ihrem Selbstverständnis gehört, anderen nicht auf der Tasche liegen zu wollen. »Ich arbeite aus Überzeugung. Wir können dankbar sein, dass wir ein gutes Sozialsystem haben. Aber es sollte für Menschen sein, die es benötigen.«

Engelhardt fordert daher eine Reform der Steuerpolitik und Entlastungen für Kleinbetriebe. »Es kann doch nicht sein, dass die da oben sich die Taschen voll machen, und Betriebe wie meiner den Bach runtergehen.« Wenn sie zum Beispiel einen Jahresbruttoumsatz von 25 000 Euro habe, ziehe das Finanzamt 10 000 Euro fürs Geschäft ab. Von den verbliebenen 15 000 Euro müsse sie Miete, Versicherungen und ihren Lebensunterhalt bezahlen. Zur Einordnung: Mit einem Nettoeinkommen von 781 Euro gilt eine alleinstehende Person in Deutschland als arm.

Es wäre töricht, auf eine Gesetzesänderung zu hoffen, das weiß Engelhardt. Und da Aufgeben für sie keine Option ist, hat sie für sich eine andere Alternative gewählt: Eine Kundin hat ihr eine Aushilfsstelle in einem Labor angeboten. Aufräumen, Gläser spülen, Müll rausbringen. Für Engelhardt kein Problem, für Arbeit war sie sich noch nie zu schade. Außerdem weiß sie: Die nächste Steuernachzahlung ist schon auf dem Weg.

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