29. Oktober 2019, 21:28 Uhr

Archiv der Überlebenden

29. Oktober 2019, 21:28 Uhr
Nachlass-Übergabe im Stadtarchiv (v. l.): Monika Graulich, Ludwig Brake, Christel Buseck und Dow Aviv. (Fotos: Schepp)

»Globus worldwide« steht in blau-weißer Schrift auf den gut verklebten Kartons. Sieben Stück sind es, die im Spätsommer von einem israelischen Logistikunternehmen am Berliner Platz in Gießen abgegeben wurden. Am Dienstag sind die Kartons im Stadtarchiv für ein Pressefoto aufeinandergetürmt worden. Ihr Inhalt: Aktenordner, die ein Archiv der Überlebenden aus dem Nachlass des in Gießen geborenen Israeli Jossi Stern bilden. »Dieser Bestand ist unglaublich wertvoll, weil es Gießener sind, die in alle Welt zerstreut waren und mit denen Jossi Stern korrespondiert hat«, sagt Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake.

Im vergangenen Januar war der am Gießener Marktplatz geborene Stern in seiner zweiten Heimatstadt Haifa im Alter von 97 Jahren gestorben. Bis zu seiner Auswanderung aus Nazi-Deutschland nach Palästina im August 1936 hatte er in Gießen gelebt. Seine Eltern und seine Schwester kamen in Auschwitz um. Obwohl durch das Schicksal seiner Familie geprägt, hing »Jossi« Stern an der Heimat seiner Kindheit. Gemeinsam mit seinem Onkel Fritz Kaminka knüpfte er schon bald Kontakte nach Gießen. In Haifa gründeten beide 1963 den »Verein ehemaliger Gießener und der Umgebung«, der zeitweise über 200 Mitglieder hatte; ehemalige Juden aus Gießen, die die Naziverfolgung auf alle Kontinente verstreut hatte. Die Korrespondenz mit ihnen hat Stern, der ab 1982 die in Gießen stattfindende Begegnungswoche initiierte, in chronologischer Reihenfolge aufbewahrt. Nun befindet sich sein Vermächtnis, zu dem auch einige Bücher gehören, im Stadtarchiv.

Wie Archivar Brake, Christel Buseck (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit), Monika Graulich (Initiative Stolpersteine) und Dr. Dow Aviv (Jüdische Gemeinde) berichten, habe man sich seit 1999 bemüht, den Schriftverkehr fürs Stadtarchiv zu sichern. Zuletzt habe es Probleme gegeben, da Stern seine Akten lieber der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem überlassen hätte. Dort indes zeigte man kein Interesse, da die Briefe erst nach 1945 geschrieben wurden. »Für uns in Gießen ist der Nachlass eminent wichtig, für Yad Vashem hatte er keine Relevanz«, erläutert Christel Buseck.

Dow Aviv erinnert daran, mit welcher Beharrlichkeit Stern sein Ziel verfolgt habe, alle Überlebenden unter den 1200 Juden ausfindig zu machen, die vor 1933 in Gießen gelebt hatten. »Über 200 hat er gefunden.«

Die Schriftwechsel reichen bis ins Jahr 2018, auch ausgedruckte E-Mails sind dabei. Brake hält es für denkbar, dass die Auswertung in Form eines wissenschaftliches Projekts vorgenommen wird. Monika Graulich hat Kontakt zur Arbeitsstelle für Holocaustliteratur an der Universität aufgenommen, die über viel Erfahrung im Umgang mit biografischem Material verfüge. »Ich bin selbst total neugierig, neue Dinge zu erfahren«, sagt die Stadträtin.

Die Kosten für den Transport der Kartons in Höhe von 2000 Euro hatte zum Großteil die Stadt übernommen, 200 Euro steuerte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit bei.

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