24. November 2008, 21:40 Uhr

Arbeitsmarkt sendet widersprüchliche Signale

Gießen (si). Vom heimischen Arbeitsmarkt kommen derzeit widersprüchliche Signale wie lange nicht mehr. Das gilt zumal für die besonders konjunktursensible Zeitarbeitsbranche. Gering qualifizierte Mitarbeiter können sie kaum noch vermitteln. Andererseits suchen die Firmen immer noch Fachkräfte.
24. November 2008, 21:40 Uhr

Gießen (si). Vom heimischen Arbeitsmarkt kommen derzeit widersprüchliche Signale wie lange nicht mehr. Das gilt zumal für die besonders konjunktursensible Zeitarbeitsbranche. Gering qualifizierte Mitarbeiter können sie kaum noch vermitteln. Andererseits suchen die Firmen immer noch Fachkräfte. Das ergab gestern eine Umfrage der »Allgemeinen Zeitung« unter Gießener Zeitarbeitsfirmen. Entlassungen hat es demnach - auch bei den »Ungelernten« - nur in kleinem Umfang gegeben. Stattdessen werden, soweit wie möglich, Überstunden abgebaut. Die Verunsicherung bei den ausleihenden Unternehmen in Industrie und Handel sei groß, hieß es.

Auch die Zeitarbeitsbranche selbst ist stark verunsichert - das zeigte sich gestern schon daran, dass sich etliche Firmen gar nicht äußern wollten, nach einer Zusage einen Rückzieher machten oder ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollten: Von den drei größten Anbietern beispielsweise kam nur eine Stellungnahme: »Der Gießener Markt ist noch stabil«, hieß es bei Randstad in der Frankfurter Straße. Grund sei unter anderem der relativ starke Anteil von qualifizierten Mitarbeitern im kaufmännischen Bereich. Personal sei hier noch nicht angebaut worden - im Gegensatz zu anderen Randstad-Standorten mit starken Verbindung zu den Automobilzulieferern wie beispielsweise Dillenburg, sagte die Gießener Niederlassungsleiterin Tanja Mueller-Eckleben. Überprüft würden befristete Arbeitsverträge. Bei Entscheidungen werde der Betriebsrat so weit wie möglich beteiligt. Facharbeiter und Kaufleute würden auch jetzt noch gesucht - »da geht immer was«, sagte Mueller-Eckleben.

Am meisten optimistisch äußerte sich gestern »abakus Personal«, das Unternehmen hat nach eigenen Angaben bei seinen Mitarbeitern einen Facharbeiteranteil von fast 100 Prozent. Entlassungen seien dort »überhaupt kein Thema«, sagte Niederlassungsleiterin Dorothée Butzek. Industriemechaniker, Fräser oder Dreher beispielsweise würden noch »händeringend« gesucht. Bei »Jobs in time« in der Plockstraße - bei dem Unternehmen beträgt der »Ungelernten«-Anteil rund 80 Prozent - hat es dagegen schon Entlassungen gegeben. Nach Angaben von Geschäftsführer Hans-Joachim Nowak waren 25 der vormals 135 Mitarbeiter betroffen; alle seien zuvor wenigstens zeitweilig bei einem Zulieferer beschäftigt gewesen. Im hochqualifizierten Bereich seien Vermittlungen auch jetzt noch möglich, bestätigte Nowak. Dass die Nachfrage nach Zeitarbeit »quer durch alle Branchen« nachgelassen habe und auch Fachkräfte betreffe, sagte Ingo Kreuder für »K+S« in der Liebigstraße. »Wir müssen sehen, wie wir über den Winter kommen«. Ohne Kündigungen werde es wohl nicht gehen. Facharbeiter aus dem »High-quality-Bereich« beispielsweise mit CNC-Spezialkenntnisse hätten auch jetzt noch gute Vermittlungschancen, so der Geschäftsführer.

Die IG Metall Mittelhessen schätzt, dass die Unternehmen ihres Bezirks bislang etwa 1000 Zeitarbeitnehmer in die Verleihfirmen zurückgeschickt haben. Vor allem einige Automobilzulieferer hätten die Zahl der Leiharbeitnehmer »über Nacht auf null gefahren«. Weiterhin boomende Branchenteile wie die Vakuumtechnik (Pfeiffer in Asslar) würden auch jetzt noch Fachkräfte nachfragen, sagte Daniel Müller, politischer Sekretär bei der Gewerkschaft, die auch die Sparten Elektro und Holz einschließt. Nach Angaben Müllers plant die IG Metall für das kommende Jahr eine neue Erhebung zu den Leiharbeitern.

Wieviele »zurückgeschickte« Zeitarbeitnehmer inzwischen entlassen worden sind, wird offenbar nirgendwo zentral erfasst - auch nicht bei der Gießener Agentur für Arbeit, die am kommenden Donnerstag ihre aktuellen Zahlen für den heimischen Arbeitsmarkt vorlegt. Pressesprecher Horst Hahn sagte gestern, dass die Zeitarbeitsfirmen zuletzt etwa 25 Prozent weniger Vermittlungsaufträge erteilt hätten. Die von ihnen gemeldeten rund 250 offenen Stellen lägen jedoch immer noch weit über dem langjährigen Mittel.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos