06. Mai 2009, 22:34 Uhr

Appell: Sprösslinge nicht als Partner betrachten

Gießen (srs). Nach Beobachtung des Kinderpsychiaters Dr. Michael Winterhoff hat die Zahl von Mädchen und Jungen, die sich ihrer Umwelt gegenüber wie »Tyrannen« benehmen, in den letzten fünfzehn Jahren dramatisch zugenommen. Seine zwei Bücher zu dem Thema sind inzwischen über eine halbe Million Mal verkauft worden. Am Dienstagabend referierte er in der ausverkauften Uni-Aula vor 480 Menschen. Sein erster Rat: »Hinterfragen Sie die Beziehung zu Ihrem Kind.«
06. Mai 2009, 22:34 Uhr
Auf großes Interesse stieß der Vortrag des Bestsellerautors Dr. Michael Winterhoff. (Foto: srs)

Gießen (srs). In seiner Praxis in Bonn treffe er zunehmend auf ratlose Eltern aus bürgerlichen Kreisen, deren Sprösslingen die psychische Reife fehle. Als Ursache macht Winterhoff eine fehlerhafte Beziehung der Eltern, Lehrer und Erzieher zu den Kindern aus. »Kinder werden nicht mehr als Kinder betrachtet, sondern als Partner.«

Seit 26 Jahren arbeitet Winterhoff als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Unterschiede zwischen damals und heute seien eklatant. »Wenn ich im Wartezimmer meiner Praxis eine Mutter und ihr Kind begrüßen will, bleibt das Kind oft einfach sitzen. Es nimmt mich als Person gar nicht wahr.« Auf dem Weg ins Sprechzimmer lasse er die Kinder immer vorangehen. »Sechzig Prozent gehen betont langsam, um mein Tempo zu bestimmen.« Im Gespräch schließlich wirke ein beträchtlicher Teil der Kinder »wie behindert«. Jegliche Begeisterungsfähigkeit fehle. »Die Kinder sind erzogen. Trotzdem stellen sie sich nicht auf ihr Gegenüber ein, sind respektlos auf indirekte Weise.« Bei den verhaltensauffälligen Kindern handle es sich zu 60 Prozent um Jungen, zu 40 Prozent um Mädchen.

Drei fehlerhafte Beziehungsmodelle zwischen Erwachsenen und Kindern hat Winterhoff als Ursachen festgestellt. So sei es zum einen modern geworden, selbst Kleinkinder als gleichberechtigte Partner zu betrachten und in jede Entscheidung mit einzubeziehen. »Viele Eltern glauben heute daher, dass man Kindern etwas nur einmal zeigen oder sagen muss.« Dabei müssten Nervenzellen in Hunderten von Durchläufen angeleitet werden. Kleinkinder seien beispielsweise beim Zähneputzen jahrelang zu führen. »Es bringt nichts, sie in Worten über die Gefahr von Karies aufzuklären.« Insbesondere in Kindergärten hält Winterhoff es für absurd, Mädchen und Jungen entscheiden zu lassen, was sie wann lernen wollen.

Als zweite Ursache definiert Winterhoff die Strategie von Eltern, Konflikte zu vermeiden, weil sie von ihren Kindern unbedingt geliebt werden wollen. Zunehmend stellt er bei Erwachsenen ein Bedürfnis nach Orientierung, Anerkennung und Sicherheit fest: »Wenn mich draußen keiner liebt, soll mich mein Kind lieben.« Kinder als Orientierungshilfen zu betrachten komme jedoch »emotionalem Missbrauch« gleich. »Es spricht nichts dagegen, die Liebe der Kinder zu genießen«, betonte der Referent. »Aber Erwachsene lassen sich zunehmend von ihren Sprösslingen führen und verlieren damit die Erzieherposition.«

Ein weiteres fehlerhaftes Beziehungsmodell zwischen Erwachsenen und Kindern sei die »Symbiose«, das heißt die Verschmelzung der Erwachsenen mit dem Kind. »Wenn Eltern keine Grenzen aufzeigen, alles entschuldigen, dann lernt die Tochter oder der Sohn nicht, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen.«

Winterhoff rät, das Verhältnis zu den Kindern zu hinterfragen. Vor allem Klarheit und Struktur sei in der Beziehung erforderlich, sowohl innerhalb von Familien als auch an Kindergärten und Schulen. Letzterem Feld will sich Winterhoff in Zukunft stärker widmen. Zwei Drittel der Sechsjährigen verfügten über keine Grundschulreife, schätzt er.

Der Kinderpsychiater empfiehlt Familien darüber hinaus »Entschleunigung«. »Umgeben von negativen Schlagezeilen lebt man heute leider nur noch im Moment, im Hamsterrad.« Er schlägt Waldspaziergänge mit den Kindern vor. Nach zwei bis drei Stunden verschwinde der Drang, ständig etwas tun oder konsumieren zu müssen.

Winterhoff stellte sich im Anschluss an seinen Vortrag zahlreichen Fragen des Publikums. Psychische Reife sei auch im Erwachsenenalter zu erlernen, antwortete er einer Zuhörerin, wenn auch mit ungewöhnlichen Methoden. So erzählte er von einem 18-Jährigen mit einer narzisstischen Störung, der in Kanada in der wilden Natur gemeinsam mit einem Indianer Zeit verbracht habe. »Der Junge war nach drei Monaten geheilt. Er hat irgendwann gemerkt, dass er angewiesen war auf seine Begleitperson. Der Indianer wiederum hat den Nörgeleien des 18-Jährigen überhaupt keine Beachtung geschenkt.«

Winterhoff war auf Einladung der Buchhandlung »Alpha« und des Medienmagazins »pro« nach Gießen gekommen.

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