05. Dezember 2018, 22:04 Uhr

Appartements statt Arztzimmer

Bewegung in der ehemaligen Poliklinik: Nachdem das Gebäude in den vergangenen Monaten entkernt worden ist, könnte der Umbau bald beginnen. Prof. Yasar Bilgin von der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung hat große Pläne. Das Projekt ist für ihn eine Herzensangelegenheit.
05. Dezember 2018, 22:04 Uhr

Von der Decke tropft das Wasser. Große Furchen durchziehen die Wände. Und wer seine Schritte allzu gedankenverloren setzt, läuft Gefahr, in eines der vielen Löcher zu fallen. Für den ungeschulten Blick sieht das Gebäude der ehemaligen Poliklinik an der Friedrichstraße arg ramponiert aus. Trotzdem scheint das Lächeln von Prof. Yasar Bilgin mit jedem Schritt ein wenig breiter zu werden. »Ist das nicht wunderbar?«, fragt der 67-Jährige mehrfach beim Gang durch das Gebäude. Vermutlich liegt es daran, dass Bilgin sieht, wie viel Arbeit hier in den vergangenen Monaten geleistet worden ist. Vor allem aber weiß er, was hier bald entstehen soll. Ein Gästehaus für Professoren und Studenten, aber auch für Angehörige von Patienten mit ausländischen Wurzeln. Das »Willkommenshaus«, wie Bilgin es nennt, ist so etwas wie sein Lebenswerk.

Mit dem Bezug des neuen Klinikum- Hauptgebäudes im Frühjahr 2011 waren die Domizile der Medizinischen Klinik III und Poliklinik in der Rodthohl und der benachbarten Klinik für Nuklearmedizin an der Friedrichstraße überflüssig geworden. Das Klinikum gab die beiden Grundstücke daher an das Land Hessen zurück. Nach langer Verhandlungsphase kaufte die Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung GmbH die leer stehenden Gebäude im Mai 2014. Eine komplizierte Planungsphase schloss sich an, zuletzt folgte die Entkernung.

Bei einem Rundgang durch das Gebäude erzählen Bilgin und Architekt Gottfried Krolikiewicz, was bisher geleistet worden ist. Die Wände wurden freigelegt, große Mengen an Mineralwolle und Asbest mussten entfernt werden, außerdem flogen Sanitäranlagen, Schränke und weiteres Mobiliar aus dem Gebäude. Am Ende sind laut Bilgin 100 Container Schutt zusammengekommen.

»Jetzt ist alles soweit vorbereitet, dass die Ausbauarbeiten beginnen können«, betont Krolikiewicz. Als nächstes wolle man sich Angebote von Generalunternehmen einholen. Leichter gesagt als getan, wie der Architekt erklärt: »Es gibt zwei Probleme. Zum einen haben wir eine Höchstkonjunktur, die Unternehmen können sich die Aufträge aussuchen. Zum anderen hat das Vorhaben ein sehr großes Volumen, das sich viele Firmen nicht antun möchten.«

In der Tat gibt es in der ehemaligen Klinik viel zu tun. Auf 7000 Quadratmetern Nutzfläche sollen 120 Appartements entstehen. Auf dem hinteren Teil des Gebäudes sind zwei weitere Stockwerke geplant, auch der viergeschossige Hauptteil soll um eine Etage wachsen und eine große Dachterrasse erhalten. Im Souterrain sind neben Appartements und Technikräumen auch Coworking-Spaces angedacht. Bilgin rechnet mit einer Investitionssumme im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, die Bauzeit soll 18 bis 20 Monate betragen. In der angrenzenden Villa sollen die Arbeiten wesentlich schneller abgeschlossen sein. Mitte Juni 2019 könnte die Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung hier einziehen, sagt ihr Vorsitzender Bilgin. Das alterwürdige Haus soll der Einrichtung als Geschäftstelle dienen, ein Begegnungscafé ist ebenfalls geplant.

Bilgin streift weiter durch die Gänge. Ab und an schimpft er auf die vielen bürokratischen Hürden, die er in den vergangenen Monaten habe meistern müssen, meistens aber preist er die geleistete Arbeit an. Immer wieder taucht er aber auch in die Vergangenheit ein – in jene Zeit, in der er als Kardiologe selbst hier gearbeitet hat. »Da vorne war mein Büro«, sagt der 67-Jährige etwa, oder »hier haben wir geschlafen, wenn wir Nachtschicht hatten«. Von 1981 an habe er hier gearbeitet, sagt Bilgin und liefert somit auch gleich den Grund, warum das Gebäude für ihn mehr ist als ein Bauprojekt.

Der TDG-Vorsitzende sagt, es gehe ihm nicht um wirtschaftliche Interessen. Er wolle vielmehr einen Beitrag zur Integration und zur Willkommenskultur leisten. »Das Haus soll für Vielfalt stehen, es ist nicht nur für Türken oder Araber gedacht«, betont Bilgin. Natürlich müssten die Gäste des internationalen Hauses ein gewisses Entgeld bezahlen, die Stiftung strebe aber nicht nach Profitmaximierung. In der Tat könnte man mit solch einem Filetstück weitaus mehr Geld verdienen. Zum Beispiel durch Wohnbebauung. Doch darum gehe es ihm nicht, sagt Bilgin. »Ich habe hier als Migrant viel gelernt und Deutschland viel zu verdanken. Jetzt will ich etwas zurückgeben.«

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