Stadt Gießen

Apfelessen gegen die NPD

Gießen (mö/ck). »Was redet der denn für bescheuertes Zeug. Ich zahle Steuern und bilde junge Leute aus.« Aber Sefika Celik ist nicht nur sauer auf den NPD-Bundesvorsitzenden Holger Apfel, der gerade in ohrenbetäubender Lautstärke seine Tiraden gegen Ausländer auf dem Katharinenplatz loslässt.
13. September 2013, 18:58 Uhr
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Gegenkundgebung auf dem Katharinenplatz. (Foto: Schepp)

Die Geschäftsfrau, die einen Laden in der Katharinengasse betreibt, hat auch eine coole Idee, wie man diesen Apfel madig macht. Celik und ihre Freunde stehen dem Redner direkt gegenüber und essen Äpfel, die ziemlich sauer sind.

Die Migrantin und ihre Freunde zählen zu den wenigen Personen, die sich direkt am Kundgebungsort aufhalten. Die Zugänge zum Katharinenplatz sind von der Polizei abgeriegelt worden. Die NPD-Karawane, bestehend aus einem Lkw und zwei Kleinbussen, macht Wahlkampf unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch alle Geschäfte in der Umgebung haben geschlossen. Die Schaufenster in der Löwengasse sind von den Ladeninhabern demonstrativ abgeklebt worden. Hinter der Polizeisperre an der Ecke Löwengasse/Seltersweg stehen mehrere hundert, vorwiegend junge Leute, die gegen die auf volle Lautstärke gestellten Lautsprecher der NPD anschreien: »Nazis raus, Nazis raus, haut ab, haut ab«. . Vom Band dröhnt noch Hitlers Lieblingsstück, der »Badenweiler Marsch«, durch die leere Fußgängerzone, dann fährt die NPD über die Bahnhofstraße davon.

+++ Bilder von der Gegendemonstration in der Galerie

Nach den Neonazis übernehmen die Vertreter der demokratischen Gruppen den Katharinenplatz. Nicht ohne zuvor die Fläche kräftig vom »braunen Schmutz« befreit zu haben. Von Flüchtlingspfarrer Hermann Wilhelmy (»Hier ist in den zurückliegenden Minuten so viel Dreck rausgekommen«) ermuntert, greift auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz zum Besen. Eigentlich hatte die Gegendemo am Kirchenplatz stattfinden sollen. Kurzfristig wird sie auf den Katharinenplatz verlegt. Wilhelmy zeigt sich erfreut und stolz, dass man den NPDlern wieder einmal gezeigt habe, »dass für sie kein Platz in Gießen ist«. Traurig ist er darüber, »dass wir nach 2011 wiederkommen mussten. Und wir werden es erneut tun, sollten die Nazis noch einmal in Gießen erscheinen.«

Grabe-Bolz, die aus rechtlichen Gründen (Neutralitätspflicht) als Privatperson und nicht als OB spricht, erinnert an das . »Wir knüpfen an eine wertvolle Tradition in Gießen an. Seit Jahrzehnten nehmen wir Migranten und Asylanten auf, und das soll auch so bleiben.«

Für Landrätin Anita Schneider ist es »nicht nachvollziehbar«, dass diese volksverhetzenden Plakate in einer Stadt hängen dürfen. Wie auch andere Redner plädiert sie dafür, gegen die NPD ein Parteiverbot auszusprechen. In diesem Zusammenhang kritisiert sie die Bundesregierung, die andere diese Dinge für sie richten lässt.

Worte an die Demonstranten richten zudem Dr. Martin Hofmann (in Vertretung für den verhinderten RP Dr. Lars Witteck), Uwe Wallbrecher (IG Metall), MdL Gerhard Merz (SPD), Christian Otto (Grüne), Gerhard Schulze-Velmede (ev. Dekanat Gießen), ein Sprecher vom »Bündnis gegen Rechts« sowie für den Mitveranstalter Matthias Körner. Der Geschäftsführer des DGB Mittelhessen lebt seit 21 Jahren gerne in Gießen – »und seit heute noch ein bisschen lieber«.

Hunderte protestierten gegen NPD-Auftritt Parteienbündnis präsentiert Gegenplakat zur NPD

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Apfelessen-gegen-die-NPD;art71,84760

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