15. September 2011, 20:15 Uhr

Anwalt muss Doktortitel endgültig aufgeben

Gießen (si). Ein heute 50-jähriger Rechtsanwalt, der 2003 an der Universität Marburg promoviert worden ist, muss sich wohl endgültig von seinem juristischen Doktortitel verabschieden. Vor dem Verwaltungsgericht Gießen scheiterte er gestern mit seiner Klage gegen die Hochschule, die ihm den Titel im Sommer 2009 entzogen hatte.
15. September 2011, 20:15 Uhr

Auf die Schliche kam ihm - lange bevor Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg mit seinem Plagiat für Schlagzeilen sorgte - ein Wissenschaftler aus Zürich, der in der Doktorarbeit zahlreiche Passagen aus seiner eigenen Habilitationsschrift entdeckt hatte, viele wörtlich abgeschrieben und ohne Hinweis auf die Quelle. Genau so, wie es andere Trickser versucht haben, die in den letzten Monaten aufgeflogen sind.

Der Anwalt wollte ursprünglich in München promovieren (wo er heute lebt und eine Kanzlei betreibt). 1995, damals schon Mitte 30, begann er mit der Arbeit, kam aber nicht recht voran. Im Jahre 2000 starb dann sein Doktorvater.

Daraufhin versuchte er es an der Philipps-Universität Marburg. Die ließ ihn als externen Doktoranden zu, mit einer Sondergenehmigung, weil er kein Prädikatsexamen vorweisen konnte (auch dies eine Parallele zum »Fall Guttenberg«). 2002 reichte er seine »Untersuchungen zur Dogmatik und den Erscheinungsformen ›modernen» Strafrechts« ein. Die mündliche Prüfung folgte 2003, und im Jahre darauf erhielt er die Urkunde, die ihm den begehrten »Dr. jur.« einbrachte.

2007 wurde der Schweizer Wissenschaftler auf die Dissertation aufmerksam. Er informierte die Universität Marburg, die Untersuchungen einleitete. Ergebnis: Es handele sich zweifelsfrei um ein Plagiat. 38 Passagen – jeweils zwischen vier und 33 Zeilen lang – hatte der Münchner aus der Schweizer Habilitationsschrift wortwörtlich oder mit geringen Änderungen übernommen und dies nicht kenntlich gemacht. Das genügte der Hochschule (ob der Münchener auch noch bei anderen Autoren abgeschrieben hatte, untersuchte sie gar nicht mehr). Im Juni 2009 entzog der Fachbereichsrat den Titel. Der Jurist legte Widerspruch ein, den wies die Universität im Februar 2010 zurück, und so kam der Fall an das zuständige Verwaltungsgericht in Gießen.

Der Münchener war am Montag nicht selbst zur Verhandlung erschienen. Sein Anwalt konnte nicht viel für ihn in Waagschale werfen. Er verwies darauf, dass der Doktorvater die Einarbeitung der Habilitationsschrift ausdrücklich empfohlen habe, sie sei in der Doktorarbeit ja auch genannt worden. Zudem sei seit dem Promotionsverfahren schon viel Zeit vergangen. Der Entzug des Doktortitels müsse deshalb zurückgenommen werden, meinte der Rechtsbeistand.

Die Kammer war anderer Ansicht. Als »starken Tobak« bezeichnete der Vorsitzende Richter Nobert Debus den Umgang des Klägers mit fremden Quellen und Zitaten. Der Mann habe nicht schludrig gearbeitet, sondern mit Vorsatz getäuscht, so die 3. Kammer. Bei der Arbeit handele es sich über weite Strecken um ein Plagiat. Die Universität habe den Titel zu Recht entzogen. Für die Kammer war nicht einmal ausschlaggebend, dass der Doktorand ausdrücklich versichert hatte, jede übernommene Stelle kenntlich gemacht zu haben – eine Falschangabe, wie sich mit den unterschlagenen Zitaten belegen lässt. Ein Dissertation sei immer eine eigene wissenschaftliche Leistung. Deshalb müssten fremde Quellen grundsätzlich genannt werden, heißt es im Urteil.

Der Münchener kann gegen die Entscheidung noch Berufung beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel beantragen. Dass sich der VGH des Falles annehmen wird, gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich.

Wie die Universität Marburg auf Anfrage der Gießener Allgemeinen Zeitung mitteilte, sind dort in den letzten zwölf Monaten etwa ein halbes Dutzend Verfahren zum Entzug des Doktortitels eingeleitet worden – ein sprunghafter Anstieg. Früher habe es nur ganz vereinzelt solche Fälle gegeben, oft jahrelang gar keine, hieß es. Die Justus-Liebig-Universität arbeitet gerade an einer Aufstellung, Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Dass Täuschungsversuche jetzt eher auffliegen, liegt zum einen an den Plagiatsjägern, die sich im Internet auf Spurensuche machen. Zum anderen haben auch die Hochschulen selbst erkannt, dass sie dem Problem nachgehen müssen. Sie setzen dabei immer häufiger Spezialsoftware ein, die offenbar Wirkung zeigt.

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