»Mit seinem 1815 gemalten Prospekt der Stadt Gießen hat Friedrich Christian Reinermann ein mit liebevollem Blick gemaltes Bild hinterlassen. Und er hat auch eine neue Sicht in die Landschaftsmalerei eingeführt, denn sein Bild der von den Festungsanlagen befreiten Stadt Gießen bezieht auch das Umfeld mit ein, was bis dahin ungewöhnlich war.« So skizziert Dr. Angelika Müller-Scherf (Biebertal) den 1764 in Wetzlar geborenen Künstler Reinermann, dessen Gießen-Bild noch bis Samstag in einer Ausstellung im KiZ (Südanlage 3) zu sehen ist. Müller-Scherf sprach im Netanya-Saal des Alten Schlosses im Rahmen der Vortragsreihe des Oberhessischen Geschichtsvereins.

Reinermann war nicht nur Maler, Zeichner, Kupferstecher und Radierer, sondern auch Kunsthändler und Verleger sowie ein herausragender Landschaftsmaler. Sein Ruhm sei aber natürlich nicht mit dem seines Zeitgenossen Goethe vergleichbar, sagte Müller-Scherf. Allerdings teilte er mit dem Dichterfürsten eine Reihe von Gemeinsamkeiten, etwa die vom Wasser als Naturgewalt ausgehende Faszination, die Bewunderung für die Naturschönheiten der Schweiz, die Italienreise und die dort gewonnenen Impressionen.

Reinermann lebte in einer Zeit, die wesentlich von der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen geprägt war und erlebte damit auch die ab 1800 verstärkt einsetzende Neugestaltung der Gesellschaft mit dem Niedergang der Bedeutung von Adel und Kirche und dem beginnenden Siegeszug des Bürgertums, hob Müller-Scherf hervor. Von 1788 datieren Reinermanns erste Gemälde mit der für ihn typischen Staffage mit Tier- oder Menschengruppen. Müller-Scherf erwähnte auch die Arbeit des Künstlers in der Werkstatt von Ducroix und seinen zehnjährigen Aufenthalt in Basel. Dort lernte er die Möglichkeit kennen, die Naturphänomene der Schweiz für den Tourismus zu nutzen. Viele der in der Schweiz gefertigten Skizzen setzte der Künstler aus Wetzlar erst nach Jahren in der hessischen Heimat um. In dem mit reichem Bildmaterial illustrierten Vortrag erläuterte Müller-Scherf am Beispiel des Rhone-Gletschers, der viele Maler inspirierte, die Wirkung solcher Eindrücke: »Hier zeigt sich die Kleinheit des Menschen gegenüber der Erhabenheit der Natur«.

Zurück in Deutschland seit 1802, mit einer zweiten Ehe und der Geburt des Sohnes, entwickelte Reinermann die künstlerische Umsetzung seiner Bilderserien über die Flusslandschaften von Lahn, Rhein, Mosel bis hin zum Taunus. Sie begründeten seinen Ruhm hessenweit, wo er neben betuchten Bürgern Adelshäuser zu seinen Kunden zählte. Bilder von ihm fanden sich auch im Nachlass von Englands Königin Elisabeth.

Im Rahmen der Flusslandschaften entstand auch seine Ansicht von Gießen: »Der helle Eindruck, den Gießen nach Abriss der Wälle, an deren Stelle Promenaden traten, macht, weckt mit seinem liebevollen Blick Erwartungen auf weitere Bilder dieser Stadt, die aber nicht erfüllt wurden«.

Zum Abschluss ihrer ebenso informativen wie unterhaltsamen Ausführungen stellte die Referentin fest: »Es ist das Verdienst Reinermanns, die Lahngegend erstmals künstlerisch erfasst zu haben. Die Nachfolger haben sich weitgehend an ihm orientiert.« Geschichtsvereins-Vorsitzender Dr. Michael Breitbach legte den Besuchern noch die Ausstellung über den »Vernichtungsort Malyj Trostenez« ans Herz, die am 4. Dezember in Gießen eröffnet wird. (Foto: has)

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