01. Mai 2017, 09:00 Uhr

Unternehmerin

Annette Pascoe – die Außenministerin

Was ist da los im Schiffenberger Tal? Was hat die 43-Jährige, das andere Chefs nicht haben? Die GAZ hat mit Annette Pascoe gesprochen.
01. Mai 2017, 09:00 Uhr
Annette Pascoe im Gespräch mit ihren Mitarbeitern. In diesem Kreis fühlt sich die Chefin wohl. (Foto: Schepp)

Es ist fast ein bisschen unheimlich. Überall freundliches Lächeln. Am Empfang, auf dem Flur, in den Büros, im Labor. Haben die was genommen? Kann sein. Hochdosiertes Vitamin C gibt es auf Wunsch für die Mitarbeiter kostenlos, aber das wird nicht der Grund sein für die gute Stimmung. Wenn man in Annette Pascoes Büro sitzt, bekommt man eine Ahnung. Pastellfarbener Teppichboden, Pflanzen, eine Wassersäule. »Ich brauche eine energiereiche Umgebung«, sagt die 43-Jährige. Energie ist ein gutes Stichwort. Die Unternehmerin – schlank, langes blondes Haar, eine fast ätherische Schönheit – hat jede Menge davon. Das liegt daran, dass sie liebt, was sie tut, sagt sie. Sie ist überzeugt von Naturmedizin, Ganzheitlichkeit ist für sie ein zentraler Ansatz. Gesunde Ernährung, Sport, sich in Familie oder Freundeskreis aufgehoben fühlen, eine sinnstiftende Arbeit haben – das zusammen macht Lebensqualität aus. Und weil Menschen nur dann leistungsfähig sind, wenn ihre Lebensqualität stimmt, will Pascoe, dass ihre Mitarbeiter glücklich sind im Unternehmen. Der Wohlfühlfaktor ist also auch unternehmerisches Kalkül. Die Ansprüche sind hoch in der Firma, aber dafür gibt es – neben dem Gehalt – auch viel zurück. Wertschätzung, Interesse und die Einladung, sich als Teil des Ganzen zu fühlen. »In unserem Haus weht der Geist der Nächstenliebe«, sagt Pascoe. Das klingt ein bisschen aus der Zeit gefallen und passt auf den ersten Blick so gar nicht zu dem Betrieb mit modernster Technik, ausgeklügelten Marketingkonzepten und Unternehmensstrategien. Auf den zweiten Blick schon, denn im Prinzip weist er auch wieder auf den Ansatz der fürsorglichen Verantwortung eines Arbeitgebers hin.

Annette Pascoe leitet das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann. »Ich bin Innenminister, sie Außenministerin«, sagt Jürgen F. Pascoe und lacht. Eine absolute Symbiose, freut sich seine Frau, es passt perfekt. Sie ergänzen sich wunderbar, bestätigt auch Stefanie Wagner-Suske, die für die Unternehmenskommunikation zuständig ist. Er ist der eher introvertierte, konsequente, sie ist die extrovertierte, milde, emotionale – aber durchsetzungsstark und strukturiert sind sie beide. »Er ist der Baum, ich bin der Schmetterling«, findet Annette Pascoe ein fast lyrisches Bild.

Als Annette Pascoe 2002 in die Firma kam, wollte sie auf gar keinen Fall in die Rolle einer Chefin geraten, deren Qualität darin besteht, die Frau des Chefs zu sein. Die Betriebswirtin hatte zuvor im Management einer großen Versicherung gearbeitet. Als sie dann der Liebe wegen nach Gießen kam, war dies zunächst eine große Umstellung. Doch da sie schon immer eine große Anhängerin der Naturmedizin war, machte es ihr große Freude, sich schnell mit der Produktpalette vertraut zu machen. Das Familienunternehmen Pascoe gibt es schon seit 1895, aber niemand hatte sich bisher besonders darum bemüht, die Tropfen und Globuli einem breiteren Kundenkreis bekannt zu machen, das Interesse für Marketing war gering. In den Laboren im Schiffenberger Tal arbeiteten hervorragende Wissenschaftler mit den Schätzen der Natur – aber keiner merkte es so richtig. Das änderte die neue Chefin. Im Laufe der Jahre entwickelte das Ehepaar gemeinsam ein neues Strategiekonzept. Dieses besteht aus drei Säulen. Einem Beteiligungsprozess, in dessen Verlauf ein Leitbild erarbeitet und ein Jahreszielplan erstellt wurde, dem Aufbau einer Kommunikationsstruktur, die jeden Mitarbeiter mit ins Boot holt und schließlich dem Gesundheitsmanagement mit Sport- und Entspannungsangeboten. Die Erfolge stellten sich bald ein. Die Steigerung der Jahresumsätze liegen im zweistelligen Bereich, das Unternehmen wurde soeben im Wettbewerb »Great place to work« als bester Arbeitgeber ausgezeichnet.

Die Chefin freut sich jeden Morgen auf die Arbeit. »Diese Aufgabe ist ein großes Geschenk«, sagt Pascoe und strahlt. Sie freut sich auch jeden Tag auf die Umsatzzahlen. »Das ist so spannend«. Mittlerweile schauen die Mitarbeiter in allen Abteilungen morgens gespannt auf die großen Monitore, auf denen ihnen die neusten Zahlen präsentiert werden. »Das sind wir, das haben wir geschafft«, mit diesem Bewusstsein halten sie sich über alle Entwicklungen auf dem Laufenden. Corporate identity nennt man das wohl.

Wenn Pascoe von ihrem Konzept erzählt, gerät sie ins Schwärmen. Sie wünscht sich, dass jeder Mitarbeiter so viel Freude an seiner Arbeit hat wie sie an ihrer. Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass jeder Mensch schlechte und gute Phasen hat und Fehler macht. »Das ist völlig okay, solange wir offen darüber reden können«. Immer wieder das Gespräch suchen, niemals schlechte Gefühle längere Zeit mit sich herum tragen – das ist der 43-Jährigen wichtig.

Sie ist glücklich darüber, einen wunderbaren Platz zum Arbeiten und Leben gefunden zu haben. Annette und Jürgen Pascoe haben eine große Patchworkfamilie: Sieben Kinder gehören dazu, die Ältesten sind schon erwachsen, das Nesthäkchen ist sechs und die Zwillinge neun Jahre alt. »Wir bekommen das gut hin, weil wir die Aufgaben gut verteilt haben«. Auch hier ist »gemeinsam« das Zauberwort. Soziale Verantwortung übernehmen die Pascoes auch in der Stadt. Sie unterstützen verschiedene Projekte, beispielsweise die Behindertenseelsorge. Nach anfänglichem Fremdeln ist Annette Pascoe mit Gießen schon lange versöhnt. »Es gibt so herrliche Orte hier«, sagt sie. Den Botanischen Garten, das Liebigmuseum, das Mathematikum. Und natürlich die Universität. »Davon könnte die Stadt noch viel mehr profitieren«, ist sie sich sicher.

Annette Pascoe findet, dass sie es sehr gut getroffen hat im Leben. Manchmal hält sie innere Zwiesprache mit ihrer Mutter. Die ist vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, der Vater wurde schwer verletzt. Die junge Annette bewahrte die Handtasche ihrer Mutter sorgfältig auf, sie klammerte sich an diese Erinnerung. In der Tasche war ein Fläschchen mit Tropfen von Pascoe. Den Mann, der diese Medizin herstellte, lernte sie kurze Zeit später kennen. Heute sagt sie lächelnd: »Meine Mutter hat mich gut untergebracht«.

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