17. Dezember 2017, 14:00 Uhr

Porträt

Anna Günther ist die älteste Gießenerin

Als junge Frau durchlitt Anna Günther Bombennächte, ein Bruder fiel in Stalingrad. Dennoch sagt die Seniorin: »Es war ein glückliches Leben«. Ein Porträt.
17. Dezember 2017, 14:00 Uhr
Anna Günther ist auch mit 103 Jahren noch flink im Kopf. (Foto: Schepp)

Die Sonne scheint, die alte Dame hat es sich im Sessel am Fenster bequem gemacht. Im Winterlicht umrahmt ihr weißes Haar das feine, von Falten durchzogene Gesicht wie ein leuchtender Kranz. Die hellblauen Augen blitzen. Anna Günther geht es gut an diesem Morgen, sie hat soeben eine Krankheit auskuriert und ist in Plauderlaune. »Dazu kann ich einen Roman erzählen«, sagt sie mehrfach und lacht verschmitzt.

Und tatsächlich: Dieses lange Leben steckt voller Geschichten. Auch wenn die 103-Jährige niemals Weltreisen unternommen oder je im Rampenlicht gestanden hat. »Aber ich hatte viel Glück im Leben, dafür bin ich dankbar«.

Sie war wie viele Frauen ihrer Generation Hausfrau und Mutter, nach der Geburt ihres Sohnes Werner gab sie die Berufstätigkeit als kaufmännische Angestellte auf. Dabei war sie immer gern ins Büro gegangen. Buchhaltung lag ihr, sie war flink im Kopf und hat gerne gelernt. In der Schule bekam sie einmal ein in Leinen gebundenes Buch geschenkt. »Der Schülerin Anna Rausch. Zur Anerkennung treuen Strebens«, hat der Lehrer lobend hineingeschrieben. 1928 war das. Das Buch besitzt sie heute noch.

Immer ein »braves Mädchen«

Hat sie es später bereut, den Beruf aufgegeben zu haben? Die Seniorin überlegt. »Nein. Das war einfach so. Mich hat auch niemand gefragt«, erinnert sie sich. Auch diesen Satz hört man öfter, er zieht sich durch ihr ganzes Leben: »Mich hat nie jemand gefragt«. Sie sagt ihn ganz ohne Groll.

Weil sie so ein braves Mädchen war, fragte sie nie nach oder forderte etwas: Sie fragte nicht, ob sie nicht ebenso wie die Schwester an einem Tanzkurs teilnehmen dürfe, sie fragte später nicht, ob sie nicht auch den Führerschein machen solle. Oft war es die neun Jahre ältere Schwester, die die Richtung vorgab und entschied. »Leni konnte einfach alles, die war couragiert, das war ich nie«, sagt Anna. Helene war es auch, die zur Schere griff, ihr die Mädchenzöpfe abschnitt und ihr einen schicken Pagenschnitt verpasste. Unerhört. Das hätte sie nie gewagt. Sie war das umsorgte, folgsame Nesthäkchen der Familie, die vier Geschwister waren deutlich älter als sie. Noch heute sind die Familienbande eng, auch die weit verzweigte Verwandtschaft kommt regelmäßig zu Besuch. Ein einziges Mal hat Anna als junge Frau allen Mut zusammengenommen und allein an einer Reise teilgenommen, an einer »Kraft-durch-Freude«-Schiffsreise nach Norwegen. Dabei lernte sie ihren Mann Walter kennen, der 1986 gestorben ist. In der NSDAP war sie aber nie. Die Familie, die in Frankfurt lebte, wollte mit Politik nichts zu tun haben, in ihrem Alltag gab es bis zum Krieg kaum Berührungen mit dem Nazi-Regime.

Seit fünf Jahren im Alloheim

Seit fünf Jahren lebt sie im Alloheim in der Moltkestraße, zuvor hatte sie im Hause des Sohnes gelebt. Eigentlich wollte die Seniorin nicht in ein Pflegeheim ziehen. »Wer gibt schon gerne seine Wohnung auf?«, sagt sie. Aber die körperlichen Beeinträchtigungen wurden immer hinderlicher, und mittlerweile sieht sie auch die Vorteile. Sie nimmt gerne an den Aktivitäten im Haus teil und hat jeden Tag etwas vor: Gymnastik, Singen, Basteln, Backen. Zu ihrem Lieblingsprogramm gehört Gedächtnistraining. Kein Wunder, denn da ist sie nach wie vor Spitze, die grauen Zellen sind absolut intakt.

Sehr gerne geht die 103-Jährige zu den Nachmittagen des Seniorentreffs in der Alfred-Bock-Straße und früher auch in der Luthergemeinde. Als sie Mitte der 90er Jahre von Frankfurt nach Gießen gezogen ist, fiel es ihr zunächst schwer, sich in eine fremde Gruppe zu wagen. »Ich musste mir ein Herz fassen«, gibt sie zu. Man kann auch im hohen Alter noch schüchtern sein. Doch sie fühlte sich dort bald sehr wohl. Weil die Menschen so liebenswürdig sind - und weil eine Runde Rummikub für die leidenschaftliche Zahlenfüchsin immer verlockend ist.

Langes Leben

15 Hundertjährige in Gießen>

In der Stadt Gießen mit ihren rund 84 700 Einwohnern leben derzeit 15 Personen, die bereits ihren 100. Geburtstag feiern durften. Zwölf davon sind Frauen. Am 18. Dezember kommt eine weitere Seniorin hinzu.

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