21. Dezember 2017, 06:00 Uhr

Weihnachten

Angst vor einsamen Feiertagen in Gießen

Freude auf Weihnachten? Viele Menschen haben eher Angst vor einsamen Feiertagen und allzu schönen Erinnerungen. Ein Besuch in der »Brücke« des Diakonischen Werks Gießen.
21. Dezember 2017, 06:00 Uhr
Ausgeschlossen vom Weihnachtstrubel fühlen sich nicht nur Menschen, die offensichtlich wohnungslos sind. (Symbolfoto: dpa)

Weihnachten. Na und? Der schmächtige Mann richtet sich auf. »Für mich ist das ein ganz normaler Tag.« Na gut, »früher, als ich klein war, war Freude.« Die Einladung des CVJM unter dem Motto »Wohin am Heiligen Abend?« wird der Gießener auch dieses Jahr dankbar annehmen. Aber sonst? Nichts Besonderes... Einige am Tisch nicken forsch, andere wirken beklommen. »Außen läuft vielleicht alles ab wie immer«, wirft der Sitznachbar ein, »aber innerlich...« Hier in der Tagesaufenthaltsstätte »Brücke« ist die Stimmung im Advent »speziell«, sagt Mitarbeiterin Gertrud Monninger-Wolff.

 

Nicht nur Wohnungslose zum täglichen Frühstück

»Die Weihnachtszeit ist emotional beladen«, findet Monninger-Wolff. »Man spürt, dass die Leute sehr feinfühlig sind, auch traurig. Manche sprechen darüber, andere schieben das eher weg. Das ist wahrscheinlich Selbstschutz.« »Die Menschen wollen beieinander sein, um der Einsamkeit aus dem Weg zu gehen«, ergänzt ihre Kollegin Jessica Schmidt. Sie empfindet diese Atmosphäre als »sehr bereichernd«.

Zum täglichen Frühstück kommen nicht nur Wohnungslose in die Brücke. »Damit ich sozialen Kontakt finde«, sagt ein gepflegter 54-Jähriger. »Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so tief runterfalle.« Was dazu geführt hat, erklärt er vage. Eine schwere Krankheit. Die Trennung von seiner Frau. »Irgendwie bricht eine Welt zusammen.« Mit seinen beiden Kindern habe er leider kein enges Verhältnis. »Ich war schon immer ein bisschen ein Einzelgänger. Wenn dann noch das Finanzielle wegfällt, wird es ganz schwierig.«

Was bedeutet ihm Weihnachten? Der Mann schluckt, nimmt die Brille ab, seine Stimme bricht. »Ich versuche mich krampfhaft an Anlaufstellen festzuhalten. Es ist ja bekannt, dass einige an diesen Tagen Suizid... Wenn ich den 24. mal rum habe, ist das Schlimmste vorbei.« Heiligabend geht er wie die meisten hier zur CVJM-Feier in der Pankratiusgemeinde. Zuvor und an den Feiertagen ist die Brücke geöffnet. Dank nebenamtlicher Mitarbeiter kann man im Winter täglich von 8 bis 16.30 Uhr Gemeinschaft finden.

Ein Rettungsanker für viele. »Es wäre gut, wenn es abends hier noch länger ginge«, meint eine 64-Jährige. »Weihnachten, das ist für mich Jesus Christus. Und die Erinnerungen. Da hat mir meine Mutter immer vorgelesen.« Die eigene Tochter habe sie »ins Heim geben müssen«, Tränen treten ihr in die Augen. Eine 39-Jährige findet: »Die Leute denken nur an Geschenke. Für mich ist Weihnachten, wo du zusammensitzen kannst.«

 

Am 25. ist das Schlimmste vorbei

Für einen 56-Jährigen verlor Weihnachten seinen Zauber, »als ich ungefähr zwölf war«. Ein anderer hat »überhaupt keine schönen Erinnerungen«. Er wuchs mit zehn Geschwistern und einem prügelnden Vater auf. Für ihn ist das Schönste am Advent: »Es tut gut, dass man viel Licht sieht.« Für andere liegt das letzte glanzvolle Weihnachtsfest im Kreis der Familie nicht so lange zurück. Zum Beispiel für einen ehemaligen Lehrer, den eine Trennung und der Alkohol – »ich war selber schuld« – haben abrutschen lassen. Zur Zeit lebt er im Männerwohnheim am Falkweg. Sein größter Wunsch: »Eine Wohnung.«

Info

Was sich die »Brücke« wünscht

50 bis 70 Menschen suchen täglich die »Brücke« in der Dammstraße auf. In der Tagesaufenthaltsstätte des Diakonischen Werks finden sie Gemeinschaft, Fachberatung, eine Küche, Waschmöglichkeiten und medizinische Betreuung. Spenden sind willkommen, nicht nur in der Weihnachtszeit. Geld wird beispielsweise für Ausflüge und Notlange ausgegeben. »Für viele Dinge haben wir leider keinen Platz, zum Beispiel für Kleidung«, erklären die Mitarbeiter. Lebensmittel dürfen sie wegen der Hygienevorschriften nur eingeschränkt annehmen. Begehrt ist zum Beispiel Marmelade. Den wichtigsten Wunsch der Mitarbeiter für ihre Klienten kann jeder kostenlos erfüllen: Respekt im täglichen Umgang. »Schon ein freundlicher Blick macht viel aus.«

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