18. November 2018, 09:00 Uhr

Radioaktivität in Gießen

An 48 Stellen in Gießen ist Strahlung erlaubt

Radioaktivität ist ein Reizwort. Es klingt gefährlich. Doch in der Medizin und an Hochschulen in Gießen wird Radioaktivität an 48 Stellen verwendet, um Menschen zu helfen. Wir nennen Beispiele.
18. November 2018, 09:00 Uhr
Dagmar Steiner und Martin Preiß schauen sich das Ergebnis der Szintigraphie an.

Die Radioaktivität kommt per Knopfdruck. Aus dem Schuhkarton-großen Reaktor fährt ein kleines Fläschchen nach oben. Darin: Mit Kochsalzlösung vermischtes Technetium 99 m. Ein Nuklid, radioaktives Material. »Das können sie jetzt in eine Spritze füllen«, sagt Dr. Martin Preiß. Nein, der Gießener ist keine Figur aus einem Agenten-Krimi, er hat auch nichts Böses im Sinn. Im Gegenteil: Preiß ist Physiker und als Strahlenschutzbeauftragter in der Nuklearmedizin der Gießener Uniklinik tätig. Hier werden radioaktive Stoffe eingesetzt, um Menschen zu helfen.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die Störfälle in Fukushima haben bei den Menschen große Ängste ausgelöst. Über die gesundheitlichen Folgen streiten sich die Wissenschaftler noch heute. Manche sprechen davon, die Krebsrate in der Region rund um Tschernobyl sei um 40 Prozent gestiegen, andere Experten dementieren das. Während die WHO die Strahlenfolgen nach Fukushima als gering einschätzt, geht die Vereinigung der Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) von einem Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern aus. Wer auch Recht haben mag: Der Ruf der Atomenergie ist ruiniert. Doch in anderen Bereichen wird Radioaktivität weiterhin eingesetzt. Manch einer trägt sie zum Beispiel am Handgelenk, die Ziffernblätter einiger Uhren leuchten dank radioaktiver Stoffe. Laut Regierungspräsidium haben zudem allein in Gießen 48 Einrichtungen eine Genehmigung zum Umgang mit radioaktiven Stoffen. 35 gehören der Uni an, fünf weitere der THM. Einer Firma für Betriebssicherheitstechnik ist der Umgang ebenfalls erlaubt. In der Industrie werden die Stoffe zum Beispiel zur Feststellung von Rissen in Pipelines, Druckbehältern, Rohrleitungen oder Betonfundamenten eingesetzt. Sieben Genehmigungen entfallen zudem auf den Medizin-Sektor, alleine fünf davon auf das UKGM. So paradox es klingt: Die krebserregende Strahlung hilft dabei, den Krebs zu besiegen.

Dr. Dagmar Steiner sitzt am Computer. Der Bildschirm ist zweigeteilt: Auf der linken Seite ist das CT-Bild einer Leber zu sehen. »Die Patientin hatte schwarzen Hautkrebs. Durch das bei Nierenleiden ohne Kontrastmittel durchgeführte CT wollte man sehen, ob er gestreut hat.« Doch das Bild zeigte keine Auffälligkeiten. Dann klickt die Direktorin der Klinik für Nuklearmedizin mit der Maus auf die rechte Bildschirmhälfte. Ein Bild mit zwei leuchtend gelben Punkten erscheint. »Das sind Metastasen. Der Krebs hat gestreut.« Sichtbar ist das nur, weil der Patientin ein Nuklid gespritzt worden ist.

 

Geigerzähler immer dabei

 

So komplex die sogenannte Szintigraphie auch ist, so einfach lässt sich das Prinzip zusammenfassen: Die Mediziner bringen radioaktive Stoffe in den Körper ein, um den Stoffwechsel sichtbar zu machen. Da Metastasen eine deutlich höhere Stoffwechselaktivität aufweisen, sind die betroffenen Regionen auf dem Bildschirm gut zu identifizieren. Laut Steiner werden auf diesem Wege vor allem das Skelett, die Schilddrüse, die Nieren und die Lunge untersucht. »Ein Vorteil ist, dass bei der Szintigraphie keine Kontrastmittel eingesetzt werden müssen.« Somit würden zum Beispiel Allergiker profitieren, vor allem aber Patienten mit einem Nierenleiden. Während die Nuklide in Gießen vorwiegend zur Diagnose eingesetzt werden, dienen sie den Kollegen in Marburg auch zur therapeutischen Behandlung. Mit ihrer Hilfe können Metastasen zerstrahlt werden. Die dabei eingesetzten Stoffe haben daher auch eine längere Halbwertzeit.

In der Nuklearmedizin sind sie hingegen sehr gering. »Technetium hat eine Halbwertzeit von sechs Stunden. Bei Fluor 18, das wir auch verwenden, sind es nur 110 Minuten«, erklärt Preiß. Zum Vergleich: Uran hat Halbwertzeiten von mehreren 10 000 bis zu Milliarden von Jahren. Trotz der vergleichsweise geringen Belastung – bei einem Flug über den Atlantik wird ein Mensch in der gleichen Größenordnung bestrahlt wie bei einer Schilddrüsenuntersuchung – gelten für den Umgang mit radioaktiven Stoffen strenge Regularien. Sowohl Steiner als auch Preiß tragen zum Beispiel einen auffälligen blauen Ring am Finger. Kein modisches Accessoire, sondern ein Messgerät, das am Ende eines jeden Monats ausgelesen wird.

Besucher der nuklearmedizinischen Abteilung müssen ebenfalls ein Dosimeter tragen, im Grunde nichts anderes als ein Geigerzähler. »Nuklide, die wir nicht verwendet haben, aber auch eingesetzte Spritzen, werden zudem gesammelt. Strikt getrennt vom anderen Müll, aber auch von anderen Nukliden«, sagt Preiß. Dieser als hygienisch bedenklich eingestufte Müll werde sowohl beim Einlagern als auch beim Abtransport auf Strahlung untersucht. Bei kurzlebigen Nukliden wie Technetium und Fluor muss das RP am Jahresende, bei allen anderen Nukliden vor der Entsorgung informiert werden. Nach der Freigabe landet der luftdicht verpackte Abfall in die Müllverbrennungsanlage.

Ein Teil der Strahlung, die die Klinik verlasse, gehe jedoch nicht vom Müll, sondern von den Patienten aus, sagt Preiß. »Sie haben zwar im Laufe der Behandlung den größten Teil der Nuklide wieder ausgeschieden. Mit dem Rest gehen sie aber nach Hause.« Schmunzelnd fügt der Physiker hinzu: »Im Zweifel sitzt der Patient Ihnen dann im Bus gegenüber und strahlt sie buchstäblich an.« Die Menge sei aber absolut unbedenklich und liege deutlich unter den Grenzwerten.

Das gilt übrigens auch für die Ärzte und Mitarbeiter der Nuklearmedizin. Wer Preiß auf der Straße begegnet, muss also keinen Bogen um ihn machen.

Radioaktivität ist ein Reizwort. Besonders nach den Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima. Doch so schlecht der Ruf bei der Energiegewinnung auch ist, so wichtig ist der Einsatz von nuklearen Stoffen in anderen Bereichen. In Gießen gibt es 48 Orte, an denen mit Radioaktivität gearbeitet werden darf. Vor allem in den Hochschulen und der Medizin.

 

Von Christoph Hoffmann

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