06. Mai 2019, 11:00 Uhr

Polizeipräsidium

Als Seiteneinsteiger in Gießen Extremisten auf der Spur

Lennart Biskup ist eigentlich Politikwissenschaftler. Seit vier Monaten ist er im Polizeipräsidium Mittelhessen angestellt. Seine Aufgabe ist es unter anderem, Extremisten auf die Spur zu kommen.
06. Mai 2019, 11:00 Uhr
Lennart Biskup sagt, wer die Ideologien von Extremisten verstehe, könne sie auch bekämpfen. (Foto: khn)

Bei der Polizei arbeiten Polizisten. Klingt logisch. Ist aber nicht richtig. Neben Technikern, Informatikern und Sekretären finden sich in der Behörde immer mehr Mitarbeiter, die keinen polizeilichen Hintergrund haben. So sucht das Polizeipräsidium Mittelhessen aktuell einen Islamwissenschaftler. Und seit Januar ist die Ferniestraße der Arbeitsplatz von Lennart Biskup. Der 34 Jahre alte Politikwissenschaftler arbeitet in der Abteilung »Einsatz – E4 – Prävention«. Sein Posten soll Schnittstelle sein zwischen Polizei und Zivilgesellschaft. Seine Aufgabe: Extremismus erkennen, Betroffene beraten und präventiv tätig werden.

Obwohl Biskup bald in die Karl-Benz-Straße umziehen wird, hat er sich in seinem Büro im Polizeipräsidium eingerichtet. Doch anstatt Dienstwaffe, Pfefferspray und Handschellen sind seine Arbeitsmaterialien Telefon, Bücher und DVD. Sie liegen auf seinem Schreibtisch. Es geht darin um Identitäre, Rechtsextreme und das globale Kalifat. Biskups Aufgabenfeld umfasst Extremismus aller Art: Von rechts, links über Islamismus bis zum ausländischen Extremismus. Darunter versteht man vor allem kurdischen und türkischen Nationalismus.

 

Über Islam in Deutschland geforscht

Biskups Lebensweg war nicht gradlinig, hat ihm aber viel Lebenserfahrung beschert: Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Zivildienst mit schwer erziehbaren Jugendlichen, die Arbeit als Jugendtrainer im Basketball, das Politikstudium in Marburg. Danach arbeitete er an der Goethe-Uni Frankfurt. Sein Forschungsthema: Islam in Deutschland. Dazu war er viel in Moscheen im Rhein-Main-Gebiet unterwegs. Vom Wissen und den Kontakten dieser Zeit profitiert er noch heute.

Über einen Newsletter stieß Biskup auf das Stellenangebot der Polizei, im Januar dann der Dienstantritt. »Die Neugierde der Kollegen war anfangs sehr groß«, sagt Biskup, »die Offenheit auch.« Der 34-Jährige absolvierte in den ersten drei Monaten mehrere Hospitationen: Er war im Schichtdienst, begleitete eine Streife, war beim Kriminaldauerdienst eingesetzt oder im Rahmen der Verkehrssicherheit. »Ich treffe jeden Tag Leute mit viel praktischer Erfahrung. Von Extremismus bis zum Nachbarschaftsstreit. Davon kann ich nur profitieren«, sagt Biskup.

 

Neue Stellen nach Kritik an Arbeit der Sicherheitsbehörden

In allen sieben Polizeipräsidien in Hessen sollen Politikwissenschaftler die Ermittlerteams verstärken; sechs sind mittlerweile eingestellt. Die Stellen sind neu geschaffen worden – wohl auch, nachdem Kritik an der Arbeit der Sicherheitsbehörden nach dem Auffliegen des NSU oder nach dem Weihnachtsmarkt-Attentat in Berlin laut geworden war. Biskup sagt, es sei wichtig, die unterschiedlichen extremistischen Ideologien zu verstehen – um sie zu bekämpfen. Auch in Mittelhessen. Seine Arbeit vergleicht er mit einem Puzzle. »Anfangs mag es frustrierend sein, wenn man nur wenige Teile hat und versucht, die zusammenzufügen.« Je klarer aber das Bild werde, desto mehr bekomme die Arbeit eine andere Qualität.

Dafür liest Biskup sehr viel – aktuelle Forschungsliteratur zum Beispiel. Er netzwerkt aber auch, ist im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums unterwegs. Zum Beispiel trifft er sich mit den Mitgliedern der Partnerschaft für Demokratie im Lumdatal. Die war vor einigen Jahren gegründet worden, nachdem eine Clique extremer Rechter für Unruhe im Landkreis gesorgt hatte. Die Polizei will präsent sein, mit den gesellschaftlichen Akteuren im Gespräch bleiben, Veranstaltungen anbieten.

 

Prävention und Repression zusammen denken

Ein Beispiel: Einem Lehrer fällt ein Schüler auf, der sich wiederholt antisemitisch äußert. Er kann sich direkt an den Staatsschutz wenden – oder er meldet sich bei Biskup. »Wir stellen dann fest, in welchem Stadium der Radikalisierung sich der Jugendliche befindet«, sagt der Politikwissenschaftler. Lehrer und Schüler könnten in Workshops gestärkt werden, wie sie sich in solchen Situationen und gegenüber Menschen mit solchen Einstellungen verhalten. Gleichzeitig dürfe der Druck der Ermittler nicht vernachlässigt werden. »Prävention und Repression müssen zusammen gedacht werden«, betont er.

Deswegen sucht Biskup Kontakt zu Kindergärten, Vereinen, Verbänden, Kirchen, Moscheevereinen, zur kommunalen Verwaltung, zu Jugendämtern und Betrieben. Orte des täglichen Zusammenlebens, in denen Menschen mit extremistischen Ansichten früher oder später auffallen. Sie alle will Biskup durch gezielte Prävention stärken. Sein Ziel: Kommunen, die in Sachen Extremismus widerstandsfähig sind. »Das macht es Rattenfängern schwerer, erfolgreich zu sein.«.

Gleichzeitig will er auch als Schnittstelle zwischen Polizei und Zivilgesellschaft dienen. Es gehe darum, Mauern abzubauen, für die Arbeit der Polizei zu werben – und um Verständnis. »Ich will zeigen, vor welchen Herausforderungen Polizisten jeden Tag stehe und welche Belastungen damit einhergehen.« Die Beamten übernähmen viel Verantwortung, damit Menschen jeden Tag friedlich und ohne Angst leben könnten.

Info

Fachtagung Antisemitismus

Lennart Biskup organisiert am 12. Juni eine Fachtagung im Polizeipräsidium Mittelhessen in Kooperation mit der Jugendkoordination der Polizei und der Uni Gießen. Thema: Antisemitismus an Schulen auf Grundlage der Forschungsergebnisse der Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth von der Uni Gießen. Zielgruppe sind Polizisten, Lehrkräfte und Jugendarbeiter. Anmeldung und Info per Mail an Praevention.ppmh@ polizei.hessen.de.

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