13. Mai 2009, 21:34 Uhr

»Als Industriebau ist das vielleicht akzeptabel«

Gießen (mö). Der Arzt und ehemalige Stadtverordnete Dr. Siegfried Kaus hat sich auf ungewöhnliche Weise in die Debatte um das geplante Großkino am Berliner Klotz eingemischt: Er schaltete zwei großformatige Anzeigen in den beiden hiesigen Tageszeitungen, in denen vor einem "neuen Betonklotz für Gießen« warnt.
13. Mai 2009, 21:34 Uhr
Für Architektur-Kritiker Kaus ein Vorbild ist das Marburger »Cineplex«, dessen gegliederte Gestaltung er betont. (Foto: Cineplex)

Am Donnerstagabend soll die Stadtverordnetenversammlung den Entwurf des städtebaulichen Vertrags zum Großkino am Berliner Platz beschließen. Im Vorfeld der Entscheidung hat es in Gießen eine rege außerparlamentarische Debatte zu dem Vorhaben gegeben. Das Meinungsspektrum reicht von klarer Ablehnung des Standorts bis zu großer Zustimmung. Auffallend dabei ist, dass viele Gießener, die sich zu Wort gemeldet haben, das Projekt zwar grundsätzlich gutheißen, an der konkreten Planung aber heftige Kritik üben. Zu ihnen gehört der Gießener Arzt Dr. Siegfried Kaus, der in den letzten Tagen eine ungewöhnliche Aktion gestartet hat. Kaus schaltete zwei großformatige Anzeigen in den beiden Gießener Tageszeitungen, in denen er seine ablehnende Haltung gegen einen »neuen Betonklotz für Gießen« deutlich machte.

Für langjährige Beobachter der Gießener Kommunalpolitik ist Kaus kein Unbekannter. Der Mediziner gehörte zur Gründergeneration der Gießener Grünen und war Anfang der 80er Jahre Mitglied der ersten grünen Stadverordnetenfraktion. Parteipolitisch sei er schon lange nicht mehr gebunden, sagte Kaus gestern im AZ-Gespräch. »Als die Grünen damals Frau Hagemann auf den Schild gehoben haben, nur weil sie Häuser besetzt hatte, was das Thema Grüne für mich erledigt«, erzählte der Ex-Stadtverordnete.

Seine Kritik an dem geplanten Kinobau, gestern auf Seite 31 der AZ nachzulesen, formuliere er in seiner Funktion als »Gießener«. Kaus: »Ich bin Gießener, und mich stört einfach, wie die Stadt verschandelt wird.« Aus Sicht von Kaus gelingt es in Gießen nämlich nicht, zeitgemäß und gleichzeitig ästhetisch zu bauen. Eine Ausnahme sei die KfZ-Zulassungsstelle des Landkreises im Bachweg.

Dagegen stört ihn die »montone« Architektur des Großkinos am Berliner Platz gewaltig. »Als Industriebau ist das vielleicht akzeptabel«, sagte Kaus, der gleichzeitig bekräftigte, nichts gegen ein Kino zu haben. »Das Argument, dass der Platz belebt werden soll, ist ja nicht von der Hand zu weisen, aber es braucht einfach ein besseres Konzept und mehr Raum«, findet Kaus, der sich Ende April auch bei der Bürgerinformationsveranstaltung zu Wort gemeldet hatte. Den Gießener Verantwortlichen empfiehlt er, sich das Marburger »Cineplex«-Kino mit seiner »gegliederten Fassade« genau anzuschauen und zum Vorbild zu nehmen. Die Stadtpolitiker warnte er davor, am Berliner Platz nach dem - aus seiner Sicht - überdimensdionierten Rathaus dort ein weiteres Großgebäude zu platzieren, denn man könne »nicht alles an einem Platz haben«.

Nach Angaben von Kaus hat er nach Schaltung der ersten Anzeige bereits 200 Coupons mit zustimmenden Reaktionen zu seiner Aktion zugeschickt bekommen. Darunter befänden sich durchaus auch junge Leute. Die Mehrheit indes seien Leute wie er. Kaus: »Das sind Gießener wie ich, die sich Gedanken machen, wie ihre Stadt in der Zukunft aussehen wird.«

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