Stadt Gießen

Als Flüchtling in der Kirche willkommen

Für uns ist Religionsfreiheit normal. Für Iraner nicht. Nicht für Moslems, erst recht nicht für Christen. Viele finden in deutschen Kirchengemeinden eine neue Heimat, etwa in der Johannesgemeinde.
14. Oktober 2018, 15:00 Uhr
Christine Steines
Pfarrer Michael Paul mit Klaus Busch und Ali  (beide im Kirchenvorstand) in der Johanneskirche. 	(Foto: Schepp)
Pfarrer Michael Paul mit Klaus Busch und Ali (beide im Kirchenvorstand) in der Johanneskirche. (Foto: Schepp)

Durch die Fenster der Johanneskirche fällt sanftes Herbstlicht. Der Organist probt für den Gottesdienst am nächsten Sonntag. Ali lächelt, seine Augen leuchten. Seine linke Hand liegt auf einem Stapel Bibeln, mit der rechten beschreibt er einen Kreis. »Hier wird Gottes Liebe gespiegelt«. Der 23-Jährige meint das schöne, soeben renovierte Gotteshaus, aber er meint noch viel mehr: Er hat in der Johannesgemeinde Menschen gefunden, die ihm Heimat geben.

»Ich habe mich einsam und verloren gefühlt, das ist nun vorbei«. Was ihm die Gemeinde bietet, gibt er zurück: Seit einigen Monaten ist der Iraner Mitglied des Kirchenvorstandes und engagiert sich in vielfältiger Weise. »Er ist unglaublich aktiv«, sagt Pfarrer Michael Paul. Er freut sich über die Tatkraft und Leidenschaft des jungen Mannes: »Da brennt etwas in ihm. Er überwindet seine Ängste, weil er die Liebe Christi entdeckt hat«.

Im Gemeindeleben aktiv

Ali, dessen vollständigen Namen wir auf seinen Wunsch nicht nennen, ist einer von mehreren Dutzend Iranern, die in den vergangenen Jahren zur Johannesgemeinde gestoßen sind. Sie bilden keinen isolierten Kreis, sondern nehmen aktiv am Gemeindeleben teil. In den Gottesdiensten werden Bibeltexte nicht nur auf deutsch, sondern auch auf persisch vorgelesen. Es gibt Bibel-, Mal- und Bastelkreise, im Garten der Gemeinde wird gegrillt, Fußball gespielt, miteinander gelacht und gefeiert. Der lebendige Austausch ist ein Gewinn für alle. »Die Iraner sind eine Bereicherung für uns«, bringt es Klaus Busch, ebenfalls Mitglied im Kirchenvorstand, auf den Punkt.

Die Johannesgemeinde mit ihren etwa 1500 Gemeindemitgliedern ist zwar durch die weithin sichtbare Kirche sehr präsent in der Stadt, doch die Innenstadtlage ist auch dafür verantwortlich, dass es wenig Bewegung in der Mitgliederstruktur gibt. Junge Familien mit Kindern beispielsweise ziehen oft in Wohnquartiere am Stadtrand. Die Iraner sorgen für Zuwachs und frischen Wind. Für den Pfarrer ein ganz besonderes Geschenk: »Eine solche Gemeinde wünscht man sich«. Viele Kirchengemeinden in Deutschland verzeichnen großen Zulauf von Iranern. Flüchtlinge, die vom Islam zum Christentum übertreten, haben bessere Chancen, bleiben zu dürfen. Ist der Wunsch nach der Taufe also weniger religiöser als asyltaktischer Natur? Entspringt er gar nicht der Liebe zu Jesu, sondern einer Strategie?

Natürlich, das mag es geben. Und kann man es den Menschen verdenken, die darin eine Chance sehen? Busch und Paul kennen die Kritik nur zu gut. Aber vorschnelle Urteile schmerzen sie, denn sie kennen auch die andere Seite. Sie kennen die Angst und Verzweiflung vor dem Urteil der Richter, denn sie begleiten Geflüchtete zu ihrer Anhörung. Dort haben sie schon dramatische Szenen miterlebt, schildert Paul. Wenn Flüchtlingen aufgrund ihres Glaubenswechsels im Heimatland Verfolgung droht, wird ihnen in Deutschland grundsätzlich Schutz gewährt. Eine Taufbescheinigung allein reicht aber nicht. Sie müssen ihren Übertritt überzeugend darlegen können. Und das ist nicht so einfach. Wie erklärt man einem Fremden, der vielleicht selbst keinen Zugang zu Religion hat, was einem Gott bedeutet? Einem ihrer »Schäfchen« ist das vor kurzem nicht gelungen, seine Zukunft ist ungewiss.

Ich habe mich einsam und verloren gefühlt. Das ist nun vorbei

Ali, Kirchenvorstandsmitglied

Viele der hier gestrandeten Flüchtlinge fallen unter das Dublin-Abkommen. Ihnen droht die »Rückführung« in Länder, in denen es ihnen nicht gut ergangen ist. Aus Rumänien oder Griechenland berichten die Flüchtlinge Bedrückendes, sagt Busch. Demütigende Haft im Gefängnis und Internierung in Lagern unter katastrophalen Bedingungen; während monatelangen Wartens auf die Anhörung bekommen die Geflüchteten mitunter weder Geld noch Essen. Zahlen, wie oft ein Glaubenswechsel zu einem erfolgreichen Asylverfahren führt, gibt es nicht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfasst die Gründe, die Asylsuchende vortragen, statistisch nicht.

 

Doch auch jene, die bleiben dürfen, sind nicht unbedingt in Sicherheit. Ali weiß das. In seinem Heimatland ist es Muslimen nicht gestattet, die Religion zu wechseln. Richter können einen solchen Schritt mit dem Tod bestrafen. Immer wieder werden lange Haftstrafen gegen Christen verhängt. Konvertiten müssen mit Festnahmen und Razzien rechnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass seine Familie wegen ihm Repressalien erleidet, und ob man ihn hier in Ruhe lässt, ist ungewiss. Dennoch geht er mit seinem Glauben offensiv um. »Ich kann nicht anders«, sagt er. »Ich hatte eine solche Sehnsucht, dann hat Gott sich mir gezeigt. Das Christentum ist für mich so, als wäre ich endlich nach Hause gekommen«.

Der 23-Jährige studiert an der THM Maschinenbau, später möchte er gerne bei einer großen deutschen Firma Autos konstruieren. Er ist ein Technik-Freak und gleichzeitig ein emotionaler, empathischer Typ. Derzeit beschäftigt er sich viel mit dem Bibelstudium – ihm ist es wichtig, die gemeinsamen Wurzeln der Religionen heraus zu arbeiten. Neben dem intellektuellen Diskurs kommt aber die praktische Arbeit in der Gemeinde nicht zu kurz. Die große Mehrheit der Iraner innerhalb der Johannesgemeinde hat sich dafür ausgesprochen, dass er als ihr Vertreter in den Kirchenvorstand geht. Und auch die »alteingesessenen« Gemeindeglieder heißen ihn willkommen, was nicht zuletzt an seinem strahlenden Lächeln und seinem Optimismus gelegen haben mag.

Die Angst vor der Anhörung ist groß.Wie soll man seine Liebe zu Gott erklären

Michael Paul, Pfarrer

Während Ali und die anderen Iraner sonntags mit Freude den Gottesdienst feiern, gibt es Landsleute in der Gemeinde, die weder in die Kirche noch auf die Straße gehen können. Die Johannesgemeinde gewährt einem Ehepaar Asyl in der Kirche. Das bedeutet, sie macht von ihrem Sonderstatus Gebrauch und gewährt ihnen Schutz vor der Abschiebung. Auch zu ihnen hat sich eine enge Freundschaft entwickelt. Dem Paar ging es in der Heimat materiell gut. Aber zu seinem Glauben konnte es sich nicht bekennen, es lebte in ständiger Angst vor der Willkür des Staates. Der seien alle ausgesetzt – Moslems, aber erst recht die Christen. Benachteiligungen am Arbeitsplatz oder in der Schule sind für Christen im Iran an der Tagesordnung. Das Leben in Gießen ist für die Gäste auch eine Art Gefangenschaft - und doch ganz anders. »Die Menschen der Gemeinde kommen zu uns, wir sind von Herzlichkeit und Liebe umgeben, alles andere ist unwichtig«, sagt die Frau.

 

Wie es für die Freunde weitergeht, weiß auch Pfarrer Paul nicht. Ebenso wie Busch macht er sich Sorgen um ihre Zukunft. Die Gemeinde tut alles, um den in Not geratenen Menschen beizustehen. Das ist der Kern des Christentums. Einerseits. Andererseits umgeht die Gemeinde geltendes Recht, denn eigentlich wäre ein anders EU-Land für die Flüchtlinge zuständig. »Gott sucht nach uns wie ein Hirte nach einem verlorenen Schaf. Seine Liebe trägt uns«, sagt Ali. Die Zuversicht des 23-Jährigen ist groß. Sie hilft ihm und anderen über dunkle Momente hinweg.

Zusatzinfo

Christen im Iran

Im Iran leben Schätzungen zufolge etwa 800 000 Christen. Die Schia, eine der beiden Hauptströmungen des Islams, ist im Iran Staatsreligion. Eine große Mehrheit ist muslimisch. Anderen Religionen hängen insgesamt nur rund 0,3 Prozent der Bevölkerung an. Christen, Juden und Zoroastrier – Anhänger einer alten persischen Religion – erkennt die iranische Verfassung offiziell als religiöse Minderheiten an. Artikel 13 garantiert ihnen, ihren Glauben im Rahmen der iranischen Gesetze frei praktizieren zu können. Religionsfreiheit herrscht im Iran jedoch nicht. (Quelle: evangelisch.de/ www.opendoors.de)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Als-Fluechtling-in-der-Kirche-willkommen;art71,498966

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