18. August 2011, 21:05 Uhr

Alpenverein in Gießen wird 125

Gießen (ta). So manch kleiner Verein ist ständig in der Lokalpresse präsent und hat deshalb einen Namen. Genau umgekehrt ist es ausgerechnet beim größten Verein mit Sitz in Gießen. Das ist nämlich die Sektion-Gießen-Oberhessen des Deutschen Alpenvereins, die kontinuierlich wächst und bei fast 4000 Mitgliedern angekommen ist.
18. August 2011, 21:05 Uhr
Uni-Kanzler Prof. Karl Gareis war der erste Vorsitzende der 1886 entstandenn DAV-Sektion Gießen.

Das wird sich wohl in den kommenden Wochen ein wenig ändern, denn der einst kleine, aber feine Honoratiorenclub, aus dem inzwischen ein moderner Dienstleistungsbetrieb mit einer großen Spannbreite an Aktivitäten geworden ist, feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Bei mehreren Veranstaltungen zu diesem Jubiläum (siehe Kasten rechts) ist auch die Bevölkerung einbezogen, erstmals beim Stadtfest an diesem Wochenende.

Diese Entwicklung nie träumen lassen hätten sich vermutlich die neun Gießener Honoratioren, die am 31. August 1886 – 17 Jahre nach der Entstehung des Deutschen Alpenvereins – die Sektion Gießen gründeten. Zum Vorsitzenden wählten die Akademiker und Kaufleute damals den Kanzler der Universität Ludoviciana, Prof. Karl Gareis.

Bald gibt es offenbar Querelen innerhalb des jungen Clubs, was dazu führt, dass Ende 1896 22 Herren aus der Sektion Gießen unter Führung des Vorsitzenden mit der Gründung der Sektion Oberhessen einen Konkurrenzverein bildeten. Erst 1935 wird diese Zweiteilung durch eine Fusion bendet.

Schon 1899 nimmt die Sektion Gießen die Errichtung einer eigenen Hütte in den Alpen in Angriff, indem sie in einer speziellen »Weg- und Hüttenkasse« dafür zu sparen beginnt. Anfang 1911 wird der Bau einer Hütte schließlich beschlossen und dann gehtes rasch: Im Juni wird der 2230 Meter hoch gelegene Gößbichl am Südhang der Hochalmspitze oberhalb des Maltatals in Kärnten in Absprache mit der Gemeinde Gmünd als Standort festgelegt, 1912 beginnen die Bauarbeiten, am 24. August 1913 wird die Gießener Hütte eingeweiht. »Die Sektion ist schuldenfrei«, merkt die Chronik dazu stolz an.

In den nächsten Jahrzehnten widmen sich die Gießener Alpinisten vorwiegend dem Betrieb ihrer nur per Trampelpfad erreichbaren Hütte während der Sommermonate. Gleichzeitig legen sie Wege für Bergwanderer und Bergsteiger in der Umgebung an und pflegte diese.

Anfang Dezember 1944 gehört die Sektion zu den Leidtragenden der Bombenangriffe auf Gießen, als auch die Geschäftsstelle mit der Bücherei im Adolf-Hitler.Wall zerstört wurde.

Ende 1948 nimmt die Sektion Gießen-Oberhessen ihre Aktivitäten mit Vorträgen und den Edelweißfesten wieder auf. Erst 1956 bekommt die Sektion die Gießener Hütte zurück; sie war in der Nachkriegszeit von den Siegermächten beschlagnahmt und später der Treuhänderschaft des Österreichischen Alpenvereins unterstellt worden.

Eine schweren Rückschlag muss der hiesige DAV am Ostermontag im März 1975 hinnehmen, als eine Schneelawine die Gießener Hütte komplett zerstört; viele Trümmerteile rauschen zwei Kilometer hinunter bis ins Tal. Der Verein handelt aber rasch, beteiligt sich am Bau eins Versorgungswegs zum Gößbichl und errichtet 1976/1977 die Hütte komplett neu, etwa 15 Meter unterhalb des bisherigen Standorts. Ende August 1977 kann nach einem Kraftakt mit Gesamtkosten von 960 000 Mark die »neue« Hütte eingeweiht werden..

In den siebziger Jahren beginnen zugleich erste Aktivitäten außerhalb der Alpen. Etwa Expeditionen nach Grönland und nach Nordafrika. 1977 wird die Grenze von 1000 Mitglieder überschritten. Keine 20 Jahre später sind es bereits über 3000 Mitglieder. Bergwandern und -steigen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit; viele Neuangemeldete wollen die deutlich vergünstigten Preise bei der Nutzung von Alpenvereinshütten in Anspruch nehmen, unterstützen aber auch die ideellen Ziele des DAV.

Nach der Jahrtausendwende reagiert die hiesige Sektion auf den Trend, dass immer mehr und vor allem junge Menschen das Klettern als Sportart betrachten und dies nicht automatisch mit Bergen und Natur in Verbindung bringen. 2001 wird der einstige Spitzbunker in den Pendleton Barracks als Kletterbunker hergerichtet. 2003 wird nebenan in einem m Ernst-Toller-Weg in einem einstigen Kohlenkeller der US Army eine Kletterhalle geschaffen. Weil diese Sportstätte mit rund 350 Quadratmetern künstlicher Kletterflächen inzwischen hoffnungslos überlastet ist, entscheidet sich die Sektion in ihrem Jubiläumsjahr, das größte Projekt in der Vereinsgeschichte in Angriff zu nehmen und ein neues Zentrum zu schaffen (siehe unten).

Dessen ungeachtet bietet die Sektion ihren Mitgliedern alljährlich ein breites Betätigungsfeld an. Unter Leitung von über 70 Fachübungsleitern gibt es Bergwanderungen, Klettertouren, Hochtouren und Skihochtouren in den Alpen und in anderen Gebirgsregionen. Wanderungen im heimischen Raum sind ebenso selbstverständlich wie Skilanglauf und Mountainbiken in den Bergen. Auch das Wettkampfklettern ist eine eigene Sparte.

Der Wandel vom einstigen Gesinnungsverein zu einem zeitgemäßen Dienstleistungsbetrieb lässt sich auch daran ablesen,dass der Frauenanteil in der Sektion mittlerweile bei rund 50 Prozent liegt. Dabei waren bis mindestens 1910 überhaupt keine weiblichen Mitglieder zugelassen worden.

Organisiert wird das alles in der seit 1982 in einem Eigenheim in der Gießener Schillerstraße 34 ansässigen Sektiongeschäftsstelle, zu der auch ein Material- und Kartenverleih gehört, und von einem emsigen Vorstand um die Vorsitzenden Gunnar P. Theiß und Kaus Ehgart.

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