Lesen bildet, den Einzelnen immer und manchmal sogar ein echtes Kollektiv. Folgt man Prof. Peter-André Alt, wäre im Fall Europas mit sechs Werken schon ein Anfang gemacht. Den »Kanon europäischer Texte«, den er am Montagabend bei der Ringvorlesung des JLU-Präsidenten »Europa. Eine Welt von gestern?« in der Uni-Aula vorstellte, wollte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz jedenfalls als Instrument verstanden wissen, den in seinem Vortrag anvisierten »Universitäten für Europa« ein Stück näherzukommen. In diesem Sinne stehe der Sechserpack für ihre notwendige »Ausrichtung am europäischen Wertekanon«, erklärte der Literaturwissenschaftler.

Von Platons »Symposion« über Jean-Jacques Rousseaus »Vom Gesellschaftsvertrag« bis zu Hannah Arendts »Wir Flüchtlinge«: Wenn »der Physiker in Nantes« sie in seinem Studium ebenso verpflichtend rezipiere wie »die Politikwissenschaftlerin in Warschau« und »der Historiker in Stockholm« – dann dokumentiere dies beispielhaft, dass Hochschulen aktiv eine europäische Identität ausbildeten, sagte Alt. Um seine Vision eines Europas der Wissenschaften zu entfalten, griff er Ideen von Emmanuel Macron auf, die der französische Staatspräsident erstmals Ende September 2017 an der Pariser Sorbonne entwickelt hatte. Zuvor blickte der Experte aber zurück auf die Anfänge europäischer Universitäten im Mittelalter. Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts habe sich auf dem Kontinent eine spezifische Hochschulkultur etabliert, berichtete er. Sie habe von Beginn an auf einem »Querschnitt der europäischen Identitäten« gefußt und Männer aus aller Herren Länder unter dem Dach der Universität vereint. Allerdings sei jene »Kohäsion« teuer erkauft gewesen: Die mittelalterliche Wissenschaft habe sich oft abgeschottet und Erkenntnisse als unkritisierbar verstanden.

Heute mache man eher den gegenteiligen Befund, meinte Alt. Unis hätten sich zu allen Seiten geöffnet, Wissenschaft lebe ohnehin von Offenheit – und zugleich fehle den Hochschulen »eine Idee von Europa«. An dieser Stelle kam Macron ins Spiel. In seiner vielzitierten Rede hatte der Politiker die Einrichtung europäischer Universitäten gefordert – mindestens 20 bis 2024. Als transnationales akademisches Netzwerk sollten sie Orte sein, an denen Studenten ähnliche Inhalte lernen, verpflichtend einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen und mindestens zwei europäische Sprachen fließend beherrschen, so Macrons Vision.

Zwar wiesen diese Punkte den richtigen Weg, sagte Alt. Eine bahnbrechende Reform existierender, meist zweckorientierter europaweiter Uni-Verbünde seien sie aber nicht. Um »Universitäten für Europa« zu schaffen, brauche es eine von Ideen geleitete Kooperation und die Orientierung an »europäischen Werten« wie Toleranz, Freiheit und Solidarität. Als »symbolische Orte« könnten derart über Grenzen hinweg verbundene Universitäten eine neue Identität stiften. An die Historie anknüpfend, wollte Alt sie »stärker an die Integrationsleistung binden«, die darin bestehe, Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenzubringen.

Wissenschaft als Vorbild

Wissenschaft lebe von »Diversität als Quelle intellektueller Produktivität« und eigne sich gut zum »Vorbild für eine Gesellschaft der gelungenen Vielfalt«. Nebenbei erwachse aus den steigenden Studentenzahlen, die zulasten der »Exklusivität« wissenschaftlicher Bildung gingen, umso mehr »soziale Produktivkraft«. Solch eine Entwicklung dürfe nicht an den Campusgrenzen haltmachen: »Sie entbindet uns nicht von der Verpflichtung, ein freies und solidarisches Europa jenseits der Wissenschaft zu bauen.« Aber sie macht Hochschulen zum Motor des gesellschaftlichen Fortschritts. Und warum sollte der nicht mit genau sechs Texten beginnen, die jeder Student liest? (Foto: csk)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Emmanuel Macron
  • Gießen
  • Hannah Arendt
  • Hochschulrektorenkonferenz
  • Jean-Jacques Rousseau
  • Kunstwerke
  • Lesen
  • Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler
  • Platon
  • Ringvorlesungen
  • Universität von Paris
  • Vorträge
  • Gießen
  • Christian Schneebeck
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen