06. April 2018, 21:14 Uhr

Alles Goldt, was ätzt

Sturm Friederike hatte ihn im Januar noch von einer Lesung in Gießen abgehalten. Nun stand einer Begegnung des Gießener Publikums mit dem »Titanic«-Kolumnisten Max Goldt zum Glück nichts mehr im Wege. Fast zweieinhalb Stunden lang begeisterte er auf Einladung des LZG rund 250 Zuschauer im Rathaus.
06. April 2018, 21:14 Uhr
Alles andere als ein harmloser Plauderer: Max Goldt. (Foto: ks)

Wer beim Anblick eines kostbaren Zuchtfalkens in Katar und eines Originalmanuskripts von Franz Kafka im Marbacher Literaturarchiv gleichermaßen mit dem Gedanken spielt »Ich könnte da jetzt draufspucken«, dessen Humor tendiert eindeutig nicht zum Mainstream. Max Goldt hat diese besondere Gabe. Seine launigen Prosatexte mit bizarren Überschriften wie »Lippen abwischen und lächeln« und seine »Katz und Goldt«-Comic-Skripts haben den Schriftsteller bekannt gemacht.

Warum er dennoch als »sanfter Satiriker« gilt, erlebten nun die Besucher seiner Lesung auf Einladung des Literarischen Zentrums. Goldt, schon vom Augenschein her eher der Typ untersetzter Weinliebhaber denn ätzender Einschenker, las im stark abgedunkelten Hermann-Levi-Saal ein Best of seiner Texte mit sonorer, der nachtschlafenen Atmosphäre im Saal angepasster Stimme. Doch von harmlosen Gute-Nacht-Geschichten keine Spur.

Schleimvideos und Sauerkraut

Als »Charlys Tante in der Wüste« plauderte Goldt zum Auftakt über seinen Besuch als Gattin-Ersatz eines Sportfunktionärs in Katar. Er erzählte von feisten Betten im Luxushotel, zivilisationsatmenden Buchregalen voller schwedischer Folianten und wilden Autofahrerinnen mit Burka-Sehschlitzen. Dass er mit seiner leichten westeuropäischen Plauderei bei seiner arabischen Aufpasserin nicht punkten konnte, kann man sich nach diesem Exkurs gut vorstellen. Doch zum Glück hatte Goldt nicht seinem ersten Impuls nachgegeben, eben jenen kostbaren Falken zu bespucken, der ihm im VIP-Programm der Gastgeber voller Stolz präsentiert wurde. Kaum auszudenken, wenn der Meister der kunstvollen Satire danach nur noch die Wände eines katarischen Knastes als Inspiration gehabt hätte. Schließlich ist es das pralle Alltagsleben, das ihn vor Einfällen nur so strotzen lässt.

»Titanic«-Kolumnist Goldt servierte seinem Publikum im aufreizend unaufgeregten Grundton noch so manchen glänzend fomulierten Nadelstich ins Herz der europäisch-bürgerlichen Befindlichkeit. Von Teenagerinnen, die Schleimvideos auf YouTube hochladen und so den Tod sehbehinderter Mädchen in Indien auslösen, ist die Rede. Ebenso vom Unvermögen der öffentlich-rechtlichen Fernsehmoderatorin Petra Gerster, in ihrem Nachruf die Größe eines David Bowie zu begreifen und der trügerischen Suche nach dem Glück in der Altbauwohnung eines »urban, idealdurchmischten Stadtviertels«. Wenn Goldt über teure Cappuccinos in London und teure Döner in Zürich lästert oder die »Renaissance des Kleingedruckten« auch auf Sauerkrautdosen wegen seiner nachlassenden Sehkraft bedauert, dann ist das weit entfernt von harmloser Plauderei. Denn mit Formulierungen wie der »dezent, aber gewinnbringend berufstätigen Frau« oder seiner Collage aus »fast 40 zum Teil coolen Interview-Antworten ohne die dazugehörigen Talkshow-Fragen« eröffnet sich ein ganzer Kosmos von satirischen Rundumschlägen.

Es sind die scheinbar so belanglosen Dinge aus der Wirklichkeit, die Goldt mit feinem Humor und brillantem Schreibstil seziert. Als »unaufdringlichster Moralist«, wie ihn Schriftsteller Daniel Kehlmann lobt, ist der Endfünfziger Meister der subtilen Untertöne und ihm zuzuhören ein köstliches Vergnügen. Ein Glück, dass diesmal kein Sturmtief aufkam und ein Glück auch, dass der katarische Zuchtfalke nicht von Spucke benetzt wurde.

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