15. Oktober 2010, 18:48 Uhr

Afrikanische Klänge mit der hr-Bigband im Stadttheater

Für Furore sorgte Chris McGregor vor allem mit seiner 1970 gegründeten Bigband Brotherhood of Breath. Fast 20 Jahre später war als junger britischer Musiker auch Julian Argüelles am Tenorsaxofon dabei - eben jener, der seit 2006 in der hr-Bigband das 2. Tenorsax bläst und das »Afrika im Exil«-Projekt in Gießen am Donnerstag im leider nicht ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters präsentierte.
15. Oktober 2010, 18:48 Uhr
Axel Schlosser, Martin Scales und Julian Argüelles (v. l.) sorgen für lockere Stimmung im Stadttheater. (Foto: axc)

Die Rassentrennung in Südafrika, die sich in den 50er und 60er Jahren - wie zuvor schon in den USA - auch auf das praktische Leben von Musikern auswirkte, sorgte dafür, dass mancher Jazzer die Reise zu einem Auslandsauftritt nutzte, um gar nicht wieder in das von der Apartheid geprägte Land am Kap zurückzukehren. So war es auch mit dem Pianisten Chris McGregor und seiner trotz aller Widerstände gemischtrassigen Gruppe Blue Notes. 1964 blieben sie nach einem Auftritt in Antibes in Europa und zogen dann nach London. Für Furore sorgte McGregor vor allem mit seiner 1970 gegründeten Bigband Brotherhood of Breath. Fast 20 Jahre später war als junger britischer Musiker auch Julian Argüelles am Tenorsaxofon dabei - eben jener, der seit 2006 in der hr-Bigband das 2. Tenorsax bläst und das »Afrika im Exil«-Projekt in Gießen am Donnerstag im leider nicht ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters präsentierte.

Die politischen und historischen Hintergründe wurden zweckmäßigerweise in einem ansprechend gestalteten, umfangreichen Programmheft erklärt - auf der Bühne regierte mit sparsam dosierten Erläuterungen zu den einzelnen Stücken die Musik. Und die ging vom ersten Moment an in die Beine. Ganz im Sinne der Brotherhood of Breath hatte die hr-Bigband ihre übliche klassenraumartige Sitzordnung aufgebrochen. Mitreißende Titel wie »Mama Marimba« spielen sich eben lockerer, wenn die Bläser um die Rhythmusgruppe herum stehen - und zwar nicht nur bei ihren Soli.

Zwar waren Exilafrikaner wie McGregor oder der Altsaxofonist Dudu Pukwana von amerikanischen Jazzgrößen wie etwa Thelonious Monk beeinflusst, aber das afrikanische Element blieb doch immer deutlich hörbar. Aus diesem Grund durfte die hr-Bigband Steve Argüelles, Julians Bruder, am zweiten Schlagzeug als Gastmusiker begrüßen. Und so wurden etliche Titel mit doppelten Drums mächtig groovend vorangetrieben. Höhepunkt war sicherlich »Mra Khali«, eine Nummer, die mit E-Bass (Thomas Heidepriem) und E-Gitarre (Martin Scales) sowie gelegentlichen Einsätzen der Trillerpfeife (Steve Argüelles) etwaige Trägheit nach der Pause einfach wegblies.

Bei Scales’ Gitarrensolo und dem doppelten Schlagzeug kam tatsächlich Jam-Atmosphäre wie damals bei den Allman Brothers auf. Mut bewies die hr-Bigband mit der gleich anschließenden Nummer »Amabutho«. Denn die stammt von der berühmten Männergesangsgruppe Ladysmith Black Mambazo und wurde von Julian Argüelles für eine reine Bläsergruppe, unter anderem mit zwei Bassklarinetten und einem Flügelhornsolo (Axel Schlosser), arrangiert - ein faszinierender Ruhepunkt mit traditioneller afrikanischer Harmonik.

Arrangeur Julian Argüelles dirigierte die gewohnt präzise und mitreißend spielende Bigband sowohl vom Dirigentenplatz als auch aus der Reihe der Saxofonisten heraus. Für den Abend hatte er vom Tenor- an das Altsaxofon, das Instrument Dudu Pukwanas, gewechselt und spielte etliche Soli, teilweise gemeinsam mit Kollegen an Trompete, Saxofon oder Posaune. Für weitere Abwechslung war durch die Abdullah- Ibrahim-Ballade »The wedding« und Miriam Makebas »Retreat song« mit seiner unheimlich entspannten, fast südamerikanisch anmutenden Lockerheit gesorgt.

Die normalerweise geltende Kleiderordnung war übrigens für den südafrikanischen Abend aufgehoben. Die Farbvielfalt der Hosen, Hemden und Jacketts entsprach auf schönste Weise der musikalischen Buntheit. Und viele hätten sicher Argüelles’ verspäteter Einladung zum Tanzen Folge geleistet. Aber dazu ist das Große Haus nun leider wirklich nicht geeignet.

Axel Cordes

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