01. Februar 2019, 22:16 Uhr

Adoptierte Glückskinder

Familien dürfen in unserer Gesellschaft heute vielfältig und bunt sein. Eines hat sich jedoch nicht geändert. Eine Frau, die ihr Kind weggibt, gilt als Rabenmutter. Völlig falsch, sagen Expertinnen. Die Entscheidung ist immer schwer und verdient Respekt. Denn sie ermöglicht dem Kind die Chance auf ein gutes Leben. Warum Adoption neu bewertet werden sollte, erklärt Bianca Cinka vom Jugendamt.
01. Februar 2019, 22:16 Uhr
Vater, Mutter, Kinder. Der Weg zur Wunschfamilie ist lang. (Foto: Fotolia)

Über dem Bett hängt das Foto einer jungen Frau. Es zeigt die »Bauchmama« des kleinen Mädchens, das in diesem Kinderzimmer wohnt. Es ist drei Jahre alt. Als es wenige Wochen alt war, kam es in diese Familie. Zu Mama und Papa. Aber von Anfang an wurde auch über die »Bauchmama« gesprochen, das ist die Frau, die das Baby geboren hat. Auch sie gehört zu ihrem Leben.

Es war ein langer Weg, bis die kleine Familie zusammengefunden hat. Ein hoch emotionaler Prozess für alle Beteiligten. Schmerz und Trauer auf der einen, Hoffnung, Angst und Glück auf der anderen Seite. Und mittendrin das Kind, um dessen Schicksal gerungen wird. Bianca Cinka ist in der Adoptionsstelle tätig, einem kleinen Teilbereich des Jugendamtes. Sie ist gemeinsam mit zwei Kolleginnen und der Abteilungsleiterin zuständig für die Stadt und den Landkreis Gießen sowie den Wetteraukreis. Sie muss allen im »Adoptionsdreieck« gerecht werden: Den abgebenden Eltern, den annehmenden Eltern und den Kindern. Ihre Aufgabe ist es, Eltern für Kinder zu suchen, nicht umgekehrt. Das ist ein großer Unterschied: Immer steht das Wohl des Kindes im Vordergrund. Die Wünsche und Vorstellungen der zukünftigen Eltern finden zwar Berücksichtigung, die Bedürfnisse des Kindes stehen jedoch an erster Stelle. Die Zahl der Adoptionen ist in Deutschland rückläufig. Von 2004 bis 2014 ging sie um 25 Prozent zurück. Es gibt auch weniger Bewerber als früher, aber immer noch gibt es viel mehr Adoptionswillige als Kinder. Bundesweit ist das Verhältnis 1:10. Die Verfahren bis zur endgültigen Adoption ziehen sich manchmal über Jahre hin, 2017 wurden vier abgeschlossen, insgesamt gab es zehn »Fälle«. Grund für Veränderungen im Adoptionswesen ist ein verändertes Familienbild, aber vorrangig haben sie mit Fortschritten in der Geburtenkontrolle und in der Fortpflanzungsmedizin sowie mit dem Ausbau von Hilfesystemen zu tun. Ein Problem ist, dass die Weiterentwicklung des Adoptionswesens und des Adoptionsrechts lange kein Schwerpunkt in der fachlichen, juristischen und politischen Diskussion gewesen ist. Damit die Gestaltung des Adoptionsverfahrens an die heutige Zeit angepasst werden kann, wurde vor einigen Jahren das Expertise- und Forschungszentrum (EFZA) gegründet. Es ist beim Bundesfamilienministerium angesiedelt und erarbeitet mithilfe von Zahlen, Fakten und Erfahrungen neue Strukturen.

Ein extrem wichtiger Aspekt in ihrer Arbeit, betont Cinka, ist die Wertschätzung der abgebenden Mütter. Diese werden noch immer stigmatisiert. Ein Kind abzugeben, ist eines der großen Tabus in unserer Gesellschaft. Der »Muttermythos« von unbedingter Liebe zum Kind ist tief verwurzelt, alles andere wird nicht verziehen. Das führt nicht nur dazu, dass die Frauen verachtet werden und noch schlechter mit ihrer Scham und Trauer umgehen können, sondern bedeutet auch, dass die Frauen aus Angst vor der Ausgrenzung nicht immer im Sinne des Kindes handeln. Auf diese Weise wird den Kindern möglicherweise die Chance auf ein behütetes, umsorgtes Leben genommen. »Keiner Frau fällt die Entscheidung leicht, ein Kind abzugeben«, betont Cinka. Sie rät zu einem Perspektivwechsel. Statt Verachtung seien Respekt und Wertschätzung angebracht. »Die Frauen übernehmen Verantwortung und gehen für das Wohl ihres Kindes einen schweren Weg.«

Die Gründe für die Freigabe zur Adoption sind unterschiedlich: Überforderung, wirtschaftliche Not, Drogen- oder Alkoholsucht, eine eigene Krankheit oder die Krankheit des Kindes sind einige davon. Sowohl vor als auch nach der Geburt hat eine Frau Zeit, den Entschluss reifen zu lassen. Beim Jugendamt erfahren sie nicht nur das Prozedere, sondern werden auch über alle Hilfsmöglichkeiten informiert. Oft wissen die Frauen zu wenig über unterstützende Einrichtungen wie den Sozialdienst katholischer Frauen, über Angebote von Diakonie, Caritas und Lebenshilfe. Manchmal ändert sich auch die Einstellung zum Kind durch die Geburt, weiß Cinka. Daher darf bei Neugeborenen die Einwilligung erst erteilt werden, wenn das Kind acht Wochen alt ist. Liegt die Einwilligung schließlich vor, folgt die Adoptionspflegezeit, in der das vermittelte Kind und seine Adoptiveltern einander kennenlernen und eine Beziehung aufbauen. Grundsätzlich gilt, erklärt die Fachfrau, dass die Pflegezeit sich verlängert, je älter das Kind ist. Erst nach der gelungenen Pflegezeit spricht das Gericht die Adoption eines Kindes aus.

Ebenso wenig wie das Bild von der Rabenmutter zutrifft, stimmt das Bild, das viele von Adoptiveltern haben. Es ist keinesfalls so, dass sich wählerische Paare aus einer süßen Schar kleiner Kinder das niedlichste Kind aussuchen dürfen. Sie müssen vielmehr bereit sein, ihre eigenen Träume und Wünsche hintan zu stellen.

In intensiven Gesprächen wird geklärt, was sie sich zumuten und zutrauen: Welche Erwartungen haben sie? Können sie Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen akzeptieren? Bei ungewollt kinderlosen Paaren ist es wichtig, dass sie die eigene Trauer und ihre Verletzungen verarbeitet haben. Die potenziellen Mütter und Väter müssen an vorbereitenden Schulungen und Gesprächskreisen teilnehmen, das alles ist aufwendig und belastend. Cinka: »Auch diese Eltern haben großen Respekt verdient.« Sie stellen ihr Leben komplett auf den Kopf, sie sind risikobereit, sie müssen mit Enttäuschungen und Zurückweisungen rechnen. Ohne ein großes, mitfühlendes Herz und den innigen Wunsch, einem Kind ein Zuhause zu geben, ist das nicht möglich.

Und die Kinder? Auch hier stimmen Vorstellungen nur bedingt. Die meisten Adoptivkinder wissen, dass Mama und Papa – oder bei gleichgeschlechtlichen Paaren ihre Mamas bzw. Papas – nicht die leiblichen Eltern sind, man spricht von offener Adoption. Sie hatten vielleicht einen schlechten Start ins Leben, aber das bedeutet nicht, dass sie für immer Traumata herumtragen. Da man erkannt hat, wie wichtig es ist, dass ein Mensch seine Wurzeln kennt, erfährt das Kind im Idealfall so viel wie möglich, erläutert die Sozialpädagogin. Und zwar nicht mit einem Paukenschlag im Erwachsenenleben, sondern von Anfang an. Es fühlt sich geliebt und geborgen in seiner Familie und weiß, dass die »Bauchmama« ihm ein gutes Leben ermöglichen wollte. Und wenn alles gut geht, ist die Sicht der adoptierten Glückskinder so: »Andere Eltern mussten nehmen, was kommt. Meine haben mich ausgesucht.«

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