02. März 2012, 20:28 Uhr

Abschied von einem »Weltbürger« – und »vom Horst«

Gießen (mö). Rund zweieinhalb Monate nach seinem Tod hat die Stadt Gießen am Freitag ihrem im Dezember im Alter von 88 Jahren verstorbenen Ehrenbürger Prof. Horst-Eberhard Richter gedacht. Im Beisein der Familie nahmen auf Einladung des Magistrats rund 250 Gäste im Atrium des Rathauses Abschied von »einem Weltbürger«, wie OB Dietlind Grabe-Bolz sagte.
02. März 2012, 20:28 Uhr
Im Atrium des Rathauses fand am Freitagnachmittag eine Gedenkveranstaltung zu Ehren von Prof. Horst-Eberhard Richter statt. OB Dietlind Grabe-Bolz begrüßte die Gäste.

An die Witwe Bergrun Richter übergab Grabe-Bolz zwei Kondolenzbücher.

Mit Landrätin Anita Schneider, den Parlamentsvorstehern von Stadtverordnetenversammlung und Kreistag, Egon Fritz und Karl-Heinz Funck, mit IHK-Präsident Dr. Wolfgang Maaß sowie Polizeipräsident Manfred Schweizer nahmen hochrangige Repräsentanten des öffentlichen Lebens der Universitätsstadt an der rund zweistündigen Veranstaltung teil, die das Duo Movimento (Susanne Oehler, Cordula Poos) mit Stücken von Bach und Debussy begleitete.

Hauptredner war mit Prof. Hans-Jürgen Wirth ein Schüler, jahrzehntelanger Weggefährte und schließlich der Verleger des Verstorbenen. Richter sei in all seinen Rollen, ob als Wissenschaftler, als Friedenskämpfer, als Sportler oder beim Einsatz am Gießener Eulenkopf »authentisch« geblieben, sagte Wirth, der Richters Fähigkeit zum Diskurs betonte. »Das dialogische Prinzip war sein Lebenselixier«, sagte der Verleger des Gießener Psychosozial-Verlags. Die Stadt Gießen, in die Richter Anfang der 60er Jahre kam, sei für ihn so etwas wie das »Basislager« für seine Exkursionen in die weite Welt der Wissenschaft und Politik gewesen. »Sein Verhältnis zu Gießen war weniger ambivalent als es das für manche Gießener selbst war«, so Wirth. Als »Verkünder des Prinzips Hoffnung« und mit seinem »praktischen Optimismus« habe Richter vielen Menschen Halt gegeben. Er sei stets »am Puls der Zeit und ihr voraus« gewesen.

Für Theo Strippel, den Vorsitzenden des Athletik Clubs Eulenkopf (ACE), war der verstorbene Ehrenbürger immer »der Horst«. Für den Verein vom Heyerweg, der im Zuge der sozialen und baulichen Sanierung der Siedlung unter Richters Federführung gegründet worden war, sagte Strippel: »Der Horst hat viel für uns gemacht. Wir vermissen ihn sehr.« Am 25. Mai werde auf dem ACE-Gelände ein Fußballturnier zu Ehren Richters stattfinden, kündigte Strippel an.

Im Anschluss zeigte Charly Weller, Chef des bei der Gießener Allgemeinen beheimateten Mittelhessen TV, den Zusammenschnitt eines Interviews, das er im vergangenen Sommer mit Richter geführt hatte.

Für die Justus-Liebig-Universität würdigte Präsident Prof. Joybrato Mukherjee die Lebensleistung Richters auf dem Feld der Gesellschaftspolitik. »Richter ist aus den gesellschaftlichen Bewegungen der Bundesrepublik nicht wegzudenken«, so Mukherjee, der Richter unter anderem einen »psychoanalytischen Volksaufklärer« nannte. Von einem »großen Anreger, Förderer und Lehrer« sprach Prof. Trinad Chakraborty, Dekan des Fachbereichs Medizin der Universität. Die Psychosomatik als eigenes Gebiet zu etablieren, sei die große wissenschaftliche Leistung Richters gewesen, sagte der amtierende Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Prof. Johannes Kruse. Neben vielen anderen bahnbrechenden Forschungen, darunter zur Familientherapie, habe Richter die Bedeutung der Arzt-Patient-Beziehung und die der Selbsthilfegruppen früher als andere erkannt. An die Tatsache, dass Richter 1985 Mitträger des Friedensnobelpreises war, den die Ärzteorganisation gegen den Atomkrieg (IPPNW) damals erhielt, erinnerte Dr. Hans-Martin Jung für die Gießener Sektion der IPPNW. In seinem Engagement gegen die nukleare Überrüstung der 80er Jahre sei Richter nie parteiisch gewesen. Jung: »Die seelische Krankheit Friedlosigkeit hat er immer blockübergreifend gesehen.«

Zu Beginn hatte Oberbürgermeisterin Grabe-Bolz den Verstorbenen als »Pazifisten und Humanisten« gewürdigt, der »streitbar und unbequem« gewesen sei. Als Mahner und Ideengeber würden ihn nicht nur die Gießener vermissen. »Sein Rat wird mir auch persönlich fehlen«, sagte Grabe-Bolz.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Anita Schneider
  • Athletik
  • Atomkriege
  • Auto Club Europa
  • Claude Debussy
  • Dietlind Grabe-Bolz
  • Egon Fritz
  • Ehrenbürger
  • Familientherapie
  • Forschung
  • Friedensnobelpreis
  • Gesellschaftspolitik
  • Hans Martin
  • Horst-Eberhard Richter
  • Interviews
  • Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Karl Heinz
  • Optimismus
  • Pazifisten
  • Prof. Dr. Joybrato Mukherjee
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen