04. Mai 2010, 23:32 Uhr

AZ-Leser wundert sich über Ansammlung toter Lurche im Stadtwald

Gießen (kw). Zuletzt hatte der Gießener vor 30 Jahren im Odenwald einen Feuersalamander in »freier Wildbahn« gesehen. Am Montag fand der AZ-Leser im Stadtwald nahe dem Philosophikum II nun gleich acht dieser vermeintlich seltenen Tiere.
04. Mai 2010, 23:32 Uhr
Teilweise zerquetscht waren die fünf Feuersalamander, die ein AZ-Leser am Montag im Wald unterhalb des Schiffenbergs gefunden und fotografiert hat. Ob sie überfahren, zertreten oder vorsätzlich getötet wurden, ist unklar.

Gießen (kw). Zuletzt hatte der Gießener vor 30 Jahren im Odenwald einen Feuersalamander in »freier Wildbahn« gesehen. Am Montag fand der AZ-Leser im Stadtwald nahe dem Philosophikum II nun gleich acht dieser vermeintlich seltenen Tiere. Sie alle lagen tot und teilweise zerquetscht auf dem Waldweg. Möglicherweise wurden sie dort überfahren: Diese Vermutung äußerte auf Anfrage Harald Voll, Leiter des Forstamts Wettenberg. Feuersalamander seien rund um den Schiffenberg in der Ausbreitung begriffen, sie lebten allerdings in der Regel gut versteckt.

Beim Spaziergang auf dem Alten Steinbacher Weg in Richtung Schiffenberg fand der 67-Jährige kurz hinter dem Durchgang unter der Autobahn das erste der markant schwarz-gelb gefärbten Tiere. Es schien überfahren worden zu sein. »Ich war gerade zehn Meter gegangen, da lag ein zweiter Salamander - ebenfalls tot - auf dem Weg. Kopfschüttelnd ging ich weiter - die Sache wurde immer rätselhafter.« Nach weiteren 50 Metern stieß der Gießener auf den dritten leblosen Lurch, schaute dann aufmerksam hin und wurde noch weitere fünfmal fündig - und das auf einer Strecke von etwa 500 Metern. Als er nach gut einer Stunde mit dem Fotoapparat zurückkam, waren noch sechs Tiere da. »Zwei waren wohl inzwischen von Krähen oder anderen Aasfressern geholt worden«, meint der Leser und rätselt über die Hintergründe.

Das Wetter habe dabei eine große Rolle gespielt, sagt Waldexperte Harald Voll. Feuersalamander bräuchten Feuchtigkeit. In der langen Trockenperiode hätten sie sich kaum bewegt. Als am Wochenende endlich Regen einsetzte, seien die nachtaktiven Amphibien wohl massenhaft aktiv geworden. Gern setzten sie sich auf Wege und Straßen, die von der Sonne noch warm sind, denn die wechselwarmen Tiere könnten ihre Körpertemperatur nicht ohne Hilfe von außen steigern. Zugleich seien Salamander in einer solch kühlen Nacht wie der von Sonntag auf Montag nicht in der Lage, sich schnell zu bewegen. Sie könnten, ebenso wie Kröten oder Frösche, nicht schnell genug fliehen, wenn sich etwa Fahrzeuge nähern. »Dabei sind Feuersalamander im Scheinwerferlicht gut zu sehen«, appelliert Voll an Autofahrer, gerade in solchen Nächten vorsichtig durch Waldgebiete zu fahren.

Auf diesem Teil des Alten Steinbacher Wegs - der zur Stadt hin abgesperrt ist - seien allerdings in der Regel nur Forstfahrzeuge unterwegs, weiß der 67-Jährige, und dies nicht gerade häufig. Offen bleibt, ob vielleicht Radfahrer oder Fußgänger die Tiere im Dunkeln getötet haben. Möglicherweise hat jemand auch irgendeine Form von vorsätzlichem »Salamandermord« verübt, rätselt der Gießener. Zudem fragt er sich, ob am Schiffenberg so viele dieser Tiere leben können.

Sie seien in recht großer Zahl vorhanden, erklärt dazu Voll. Der Mensch bekomme sie selten zu sehen - kurz nach Regengüssen jedoch seien die Chancen gut. Während die Lebensräume von Amphibien vielerorts verschwinden, seien die Bedingungen im Gießener Stadtwald gut: Feuersalamander seien gebunden an Laubwälder mit sauberen kleinen Bächen ohne Fische, die die Larven fressen könnten. Auch dass verhältnismäßig viel Totholz auf dem Waldboden liegt, sei günstig. Die Tiere könnten sich dort tagsüber selbst verbergen, zugleich fänden sie in solchen Lebensräumen Nahrung, etwa Schnecken. »Wir wissen aus Larvenfunden, dass die Salamander sich zur Zeit in Richtung Linden weiter ausbreiten.«

Um ihnen das Leben leichter zu machen, wollten Forstmitarbeiter in diesem Sommer einige Bachläufe renaturieren.

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