12. Juli 2019, 22:11 Uhr

Ärzte mit »Pioniergeist«

12. Juli 2019, 22:11 Uhr
19 Nierentransplantationen gab es bisher in diesem Jahr in Gießen, die Hälfte davon von lebenden Spendern. (Symbolfoto: dpa)

Die Öffentlichkeit erfuhr erst im Nachhinein davon. »Erste Nierentransplantation in Gießen«, meldete die GAZ am 27. Juni 1969. Eine 40-Jährige habe zwei Tage zuvor das Organ eingepflanzt bekommen, das über die internationale Organisation Eurotransplant organisiert und von der niederländischen Luftwaffe eingeflogen wurde. Weitere Details wollte die Urologische Universitätsklinik nicht nennen: »Kein Kommentar.« Der 50. Jahrestag ist am Uniklinikum in keiner Weise begangen worden. Dort datiert man den eigentlichen Beginn der Nierentransplantationen in Gießen auf das Jahr 1993. Doch die Ärzte, die die ersten Versuche unternahmen, hätten »Hochachtung« verdient, betont im GAZ-Gespräch Prof. Rolf Weimer, Nephrologischer Leiter am Gießener Transplantationszentrum.

Nach Versuchen an Tieren war 1936 in der Ukraine die erste Niere eines verstorbenen Menschen einer Kranken eingesetzt worden. Die Patientin überlebte nur wenige Tage. Die erste längerfristig erfolgreiche Transplantation 1954 fand in Boston zwischen eineiigen Zwillingsbrüdern statt. Dem Team um den Operateur Joseph Murray - der 1990 den Nobelpreis für Medizin erhielt - gelang 1962 dank der Unterdrückung der Abwehrreaktion (Immunsuppression) die erste Verpflanzung bei genetisch unterschiedlichen Personen. Die erste Transplantation in Deutschland folgte 1963 in Berlin.

Rätselhafte Unterbrechung

Sechs Jahre später wagte der Gießener Urologie-Chef Prof. Carl-Friedrich Rothauge den Eingriff. »Dazu brauchte man durchaus Pioniergeist«, würdigt Weimer den Mut der damaligen Kollegen. Sie hätten verantwortungsvoll im Sinne der Patienten gehandelt. Für diese »ging es um Leben und Tod«, zumal die Dialyse damals noch nicht so weit entwickelt war und bei längerer Dauer mit erheblicher Sterblichkeitsquote einherging.

Innerhalb weniger Monate transplantierten die Gießener Mediziner neun Nieren; diese Zahl nannte Rothauge 1973 im Gespräch mit der GAZ. Er kündigte an, dass der Eingriff bald auch in Gießen wieder aufgenommen werde. Einer der Patienten von 1969 sei noch am Leben, sagte Rothauge. Warum die Urologen das Programm gestoppt hatten, blieb rätselhaft. Die GAZ berichtete wolkig von »organisatorischen« und »technischen« Gründen.

Weimer und auch dem aktuellen Urologie-Chef Florian Wagenlehner liegen dazu keine belegbaren Informationen vor. In Marburg und anderen Kliniken habe es keine Pause gegeben. In Gießen begann das Klinikum 1993 wieder mit den Operationen und feierte im vergangenen Jahr das 25-Jährige und drei weitere Jubiläen: 900 Nierentransplantationen, 300 von Lebendspendern und 50, bei denen die Blutgruppen nicht zusammenpassen. In diesem Jahr gab es laut Weimer bisher 16 Transplantationen, acht davon von lebenden Spendern. »In Anbetracht des Mangels an Organspendern ist das einigermaßen gut.«

Die Aussichten für die Patienten haben sich seit 1969 deutlich gebessert, schildert der Experte. Damals funktionierten nur noch die Hälfte der transplantierten Nieren nach einem Jahr, heute sind es 95 Prozent. Zu verdanken ist das vor allem neuen Medikamenten zur Immunsuppression. Studien zeigen, wie gesund und glücklich die Patienten mit ihrem neuen Leben ohne Dialyse sind.

Im April griff eine Gesetzesänderung, die »wichtige Verbesserungen« gebracht habe, so Weimer. So sei die Finanzierung der Untersuchungen am Spender geregelt; bisher hätten die Kliniken oft »draufgelegt«.

Noch viel mehr Schwerkranken könnte geholfen werden, wenn es mehr Organspender gäbe. Die geringe Bereitschaft sei »weiter ein Riesenproblem«, so der Fachmann. Die derzeit im Bundestag debattierte Widerspruchslösung - jeder gilt als Organspender, wenn er nicht ausdrücklich abgelehnt hat - fände er »fair«. Nach mehrfacher Befragung den eigenen Willen zu dokumentieren, sei »für jeden zumutbar«. Schließlich warteten rund 10 000 Patienten auf ein Organ, die ansonsten auf der Warteliste versterben. Zudem müssten sonst die Angehörigen die Entscheidung treffen - eine »extrem schwierige Situation«.

Auch Senioren kommen noch als Spender in Betracht, betont Weimer. Gerade Nieren, aber auch Leber oder Lunge würden mitunter von Verstorbenen transplantiert, die 80 oder älter waren.

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