08. Januar 2019, 06:00 Uhr

Wiesecker Friedhof

Ärger um Grabschmuck

Sensibel und pietätvoll soll die Friedhofsverwaltung den Trauernden begegnen und gleichzeitig für Ordnung auf den Friedhöfen sorgen. Das funktioniert nicht immer, wie das Beispiel Wieseck zeigt.
08. Januar 2019, 06:00 Uhr
Baumgräber auf dem Wiesecker Friedhof. Der dort abgelegte Schmuck ist eigentlich verboten. (Foto: mö)

Die Zeit um den Totensonntag und den ersten Advent kann etwas Bedrückendes haben. Vor allem für Menschen, die im Laufe des Jahres einen geliebten Menschen verloren haben. Trauer und Verlustgefühl kehren dann oft mit Wucht zurück. Bei einigen Wieseckern mischte sich Ende vergangenen Jahres in diese Gefühle auch Ärger und Enttäuschung über die Friedhofsverwaltung.

Grund war eine Aufräumaktion der Friedhofsverwaltung, die laut Aussagen von Angehörigen Grabschmuck aus dem Bereich der Baumgräber auf dem Wiesecker Friedhof entfernte. »Es waren Lichter und kleinere Gestecke«, berichtete eine Wieseckerin, deren Mann kürzlich verstorben war. Das Abräumen sei nicht angekündigt worden und von einigen Angehörigen als »extrem verletzend« und »unsensibel« empfunden worden. »Gerade in dieser Zeit braucht man doch diesen Trost«, sagte die Witwe.

Der Hintergrund der Aktion ist den Angehörigen sehr wohl bewusst: Die Gießener Friedhofsordnung verbietet Grabschmuck im Bereich von Baumgrabstätten. Beim Erwerb der Grabstätte habe sie das »auch unterschrieben«, bestätigt die Witwe. Gleichwohl sei dezenter Grabschmuck im November und im Advent bislang immer geduldet worden, fügte die Wieseckerin hinzu.

Sensibles Thema

Der Stadt begegnen solche Vorwürfe immer wieder; Magistratssprecherin Claudia Boje spricht von einem »äußerst sensiblen Thema«. Auf den Baumgrabstätten auf allen städtischen Friedhöfen sowie im Bestattungswald am Schiffenberg gelte diese Vorschrift aus der Friedhofsordnung. »Die ist auch bei jedem Beratungsgespräch Thema, wenn das Nutzungsrecht an einer Baumgrabstätte vergeben wird. Die Angehörigen suchen ausdrücklich pflegefreie Gräber – und wir weisen darauf hin, dass pflegefrei auch bedeutet, dass keine Gestecke etc. dort abgelegt werden dürfen. Dennoch geschieht es leider immer wieder«, erklärt Boje.

Praktischer Hintergrund der Vorschrift ist, dass die Friedhofsverwaltung vor allem in der Pflegesaison immer wieder alles abräumen muss, wenn gemäht wird. Kleine Porzellanfiguren in etwas höherem Gras zum Beispiel würden ein Verletzungsrisiko und das Risiko der Beschädigung von Mähgeräten bergen. Zudem würden Kunststoffgestecke beim Mähen zerfleddert und verunreinigten den Grasschnitt. Boje: »Wir sind deshalb im Sommer sehr konsequent – auch wenn das wiederholt von Kritik begleitet wird, obwohl die Trauernden um die Problematik wissen.« Trotzdem werde aber immer wieder Fingenspitzengefühlt von den Friedhofsgärtnern eingefordert.

 

»Kulant« bis zum Totensonntag

 

Um die stillen Feiertage herum, also bis Totensonntag, sei die Stadt auch durchaus »kulant« und lasse den Schmuck auf den Baumgräbern liegen. Nach dem Totensonntag müsse aber wieder aufgeräumt werden. Alles, was länger liegen bleibe, führt laut Boje bei späterem Abräumen nur doch wieder zu »unschönen Diskussionen«, warum jetzt und nicht später abgeräumt werde. Und es komme zu Nachahmungseffekten, wenn länger nichts getan werde. Zudem gebe es natürlich auch Angehörige, die es ärgere, dass sie sich an die Gestaltungsregeln halten und andere eben nicht. Wie die Stadtsprecherin hinzufügte, werde alles, was abgeräumt werde, aufbewahrt und könne bei der Friedhofsverwaltung abgeholt werden.

Trotzdem geht die Stadt nach eigener Überzeugung sensibel mit dem Thema um. Geduldet würden zum Beispiel einzelne Blumen, die von selbst vergehen. »Und wir respektieren auch Geburts- und Sterbetage – obwohl die Satzungslage eindeutig ist – weil wir natürlich wissen, dass es diese Bedürfnisse gibt. Wir bitten aber auch um Verständnis, dass wir nicht generell und zu allen Zeiten alles zulassen können«, betont Boje. Baumgrabstätten hätten nun einmal einen bestimmten Charakter, der auch erhalten bleiben solle.

Als sich die Gießener Allgemeine dieser Tage auf dem Wiesecker Friedhof umschaute, lagen auf vielen der Baumgräber neben einzelnen Blumen übrigens noch Schmuck mit Adventsbezug.

Zusatzinfo

Aus der Friedhofsordnung

In der Gießener Friedhofsordnung ist für alle städtischen Friedhöfe in Paragraf 26 Abs. 6 festgehalten: »Auf Baumgrabstätten und in Urnengemeinschaftsanlagen sind Grabbeete und Grabeinfassungen unzulässig. Sie werden von der Friedhofsverwaltung als Rasenflächen angelegt. Weitere Bepflanzungen und Grabschmuck sind nicht gestattet.«

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