12. November 2018, 22:09 Uhr

Gastro-Streit

Ärger im City-Center

Das City-Center ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Maßgeblichen Anteil daran hat die Gastronomie, die dort zum Anziehungspunkt geworden ist. Das gefällt allerdings nicht jedem.
12. November 2018, 22:09 Uhr
Die Gastronomie im City-Center ist bei einigen Anwohnern nicht beliebt. (Foto: Schepp)

Dr. Ingeborg Wolff hat die Nase voll. Seit knapp 40 Jahren wohnt die Juristin nun im City-Center in der Gießener Innenstadt. Sie ist Anwohnerin der ersten Stunde. »Das war immer ein ruhiges, angenehmes Viertel«, sagt Wolff. Doch die schönen Zeiten seien mittlerweile vorbei. Sie klagt über Ruhestörung und Lärmbelästigung, über laute Musik, klirrende Flaschen und schallendes Gelächter bis tief in die Nacht hinein. Ihr Ärger zielt vor allem auf die Betreiber der neuen Gastronomien ab, die im vergangenen Jahr nach und nach im City-Center eröffnet worden sind. Eine Bier-Kneipe, eine Bar, ein Café und ein Restaurant. Vor allem hat sie das Café Lieblingsmensch im Visier. Wolff wohnt direkt gegenüber. An den Wochenende herrsche dort bis weit nach Mitternacht großer Trubel. Die Gießenerin geht mit ihrem Kummer an die Öffentlichkeit, weil andere Mieter und Besitzer von Wohnungen in der Nachbarschaft nur im Stillen schimpfen würden. Der Ärger im City-Center ist groß. Es ist wie immer, wenn verschiedene Interessen aufeinander prallen. Innenstadtlage? Gerne. Innenstadttrubel? Bitte nicht. Dieses Problem kann ohne Kompromisse einfach nicht gelöst werden.

 

Mieter ziehen aus

 

Wolff ist mit ihren Sorgen nicht allein. Immer mehr Anwohner beschweren sich über die Zustände. Es gab bereits eine Unterschriftenaktion. Zwei Mietparteien seien aufgrund des nächtlichen Lärms bereits ausgezogen, heißt es. Auch die Stadt ist mittlerweile alarmiert. »Wir haben ein Auge auf den Betrieb geworfen. Es wurden schon Zwangsgelder gegen die Betreiberin und ihren Geschäftsführer festgesetzt«, bestätigt Claudia Boje, Sprecherin der Stadt.

Das Problem, gegen das die Stadt vorgeht, ist allerdings nicht nur die Lautstärke, über die sich die Anwohner beschweren, sondern das Hinwegsetzen über die genehmigten Öffnungszeiten. »Die Betreiber haben ein Café mit Öffnungszeiten bis 22 Uhr beantragt. Dies wurde auch so – einschließlich der Außengastronomie bis 22 Uhr – genehmigt. Tatsächlich werden die Öffnungszeiten aber leider nicht eingehalten«, sagt Boje. Das Café ist an Werktagen bis 23 Uhr geöffnet, freitags und samstags sogar bis 2 Uhr. Lieblingsmensch-Betreiber Axel Umut sagt, es handele sich dabei um ein Missverständnis. Er habe der Stadt von Anfang an mitgeteilt, dass es sich bei seinem Café auch um eine Bar handele. »Das verrät doch schon unser Claim Kaffe, Gin und Gudes«, sagt Umut. Als Angebot für die Anwohner habe er die Partys an den Wochenenden bereits aufgegeben und verzichte auf laute Tanzmusik«, erklärt der Gastronom.

 

Öffnungszeiten nicht eingehalten

 

Das Problem mit den Öffnungszeiten ließe sich offenbar relativ schnell aus der Welt schaffen, das lässt jedenfalls Boje durchblicken. »Die Betreiberin hat bisher keinen kompletten genehmigungsfähigen Bauantrag mit dem Inhalt der Verlängerung der Betriebszeiten vorgelegt. Der würde ihr nämlich unter Umständen gestatten, innen länger zu öffnen«, sagte Boje vor einigen Tagen. Sie fügte hinzu,dass dies dies unter gewissen Rahmenbedingungen für die Räumlichkeiten vorstellbar sei, aber nicht für die Außengastronomie.

Bis dahin setzt die Stadt auf Zwangsgelder, die in solchen Fällen ein probates Mittel seien, meint Boje. Die Anwohner fühlen sich von der Stadt dennoch alleine gelassen. »Ich kann verstehen, dass sich Anwohner gestört fühlen. Daher achten wir auch darauf, dass in dem Café nur noch Hintergrundmusik gespielt wird«, sagt Boje. Sie schränkt allerdings ein: »Es gibt für die Bewohner keinen Anspruch auf Grabesruhe. Sie sollten mit ihren Ansprüchen nicht überziehen.«

 

Betreiber bietet Kompromisse an

 

Betreiber Umut ist angesichts der Entwicklungen in der Nachbarschaft verzweifelt. Er hat sogar schon darüber nachgedacht, das Lokal aufzugeben. »Ich will keinen Ärger«, sagt er. Er habe die Nachbarn bereits zum Gespräch eingeladen, persönlichen Kontakt gesucht und auf die Partys verzichtet. »Ich kann mir auch vorstellen, bauliche Veränderungen durchzuführen«, sagt Umut. Er denkt an neue Fenster oder einen Schallschutz im Durchgang vor seinem Laden. Die Eigentümerversammlung habe solche Vorschläge aber abgelehnt. »Ich bin trotzdem weiter zu Kompromissen bereit, aber wenn ich um 22 Uhr schließen muss, ist das ein Todesurteil für diesen Laden. Dann kann ich ganz dicht machen«, sagt Umut.

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