19. Dezember 2018, 13:43 Uhr

Wohnbau Gießen

Ärger an Gießener Wohnbau-Spitze

Knirscht es in der Führung der Wohnbau? Ja, vermittelte kürzlich ein Gütetermin am Arbeitsgericht. Eigentlich nicht, meint Geschäftsführer Reinhard Thies, um dann etwas einzuräumen.
19. Dezember 2018, 13:43 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Reinhard Thies ist seit 2013 Wohnbau-Geschäftsführer. (Fotos: Schepp/dpa)

Wer gehört zur Führungsspitze bei der Wohnbau Gießen? Das soll derzeit vor dem Arbeitsgericht geklärt werden. Hinter der formalen Frage, ob die zwei Prokuristinnen und der Prokurist »Leitende Angestellte« sind, schwelen Konflikte. Eigentlich arbeite man »in aller Freundschaft« zusammen, sagt Reinhard Thies, Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft. Nur wegen der anstehenden Statusklärung hätten zwei der drei Prokuristen seinen Führungsstil »zum Problem gemacht«, und dies vermutlich aus eigenen Interessen heraus. Beim Gütetermin vor dem Arbeitsgericht entstand jedoch ein anderer Eindruck. Ein »sehr konfliktbelastetes Verhältnis« sei ans Licht gekommen, sagt Claudia Schymik, Vorsitzende Richterin der Zweiten Kammer.

Von »Angst vor Repressalien« und Bedenken, sich offen zu äußern, habe einer der beiden lang gedienten Prokuristen gesprochen, als es um die vom Chef gewünschte Mediation ging. Auch die Betriebsratsvorsitzende habe vermittelt, dass das Arbeitsklima gestört sei, so Schymik. Thies seinerseits beklagte, die beiden Mitarbeiter – die eine seit 1981, der andere seit 1992 bei der Wohnbau – »missbrauchten« ihre »Erfahrungsmacht«, um Mitarbeiter auf ihre Seite zu ziehen. Das bestätigte er am Montag im GAZ-Gespräch.

Seinen Mitarbeitern hat Thies untersagt, sich gegenüber der Presse zu äußern. Die Betriebsratsvorsitzende sei ausgenommen, erläuterte er auf Nachfrage; doch sie wollte zunächst keine Fragen beantworten. Im GAZ-Gespräch beschreibt der 66-Jährige seinen Führungsstil so: »Ich bin verantwortlicher Geschäftsführer – derjenige, der den Kopf hinhält. Aber das tue ich kollegial gemeinsam mit einem Geschäftsleitungsteam.« Er sei eine Art »Kanzler« und sehe die Prokuristen als »Minister«, die in ihren Bereichen – Kundenservice, Bauen, Finanzen – jeweils eigene Verantwortung trügen. Vor Gericht äußerten die beiden Prokuristen, sie empfänden die Zusammenarbeit eher als »Präsidialsystem«. Der Geschäftsführer höre sich ihre Meinung zwar an, entscheide dann aber alleine und setze sich dabei immer wieder über ihre Empfehlungen hinweg.

 

Knackpunkt Kündbarkeit?

Thies bezeichnet sein Verhältnis zur insgesamt 80-köpfigen Belegschaft als »im Durchschnitt gut«. Das gelte grundsätzlich auch für die Prokuristen. Im Mai dieses Jahres sei freilich die »Statusfrage« aufgebrochen, die ihm schon bei seiner Amtsübernahme aufgestoßen sei. Die Prokuristen gelten seit jeher formal nicht als Leitende, sondern als gewöhnliche Angestellte. Das berge seiner Ansicht nach Loyalitätsprobleme. So könnten diese Führungskräfte der zweiten Ebene theoretisch an Betriebsversammlungen teilnehmen, von denen er selbst ausgeschlossen wäre. »Unterminieren sie dort womöglich Dinge, die wir besprochen haben?«

Der Anlass für das jetzt laufende Verfahren sei für ihn die Betriebsratswahl im Mai dieses Jahres gewesen. Einer der Prokuristen habe erklärt, kandidieren zu wollen. Leitende Angestellte dürften das nicht. Thies verlangte eine Klärung. Eine außergerichtliche Mediation hätten die Mitarbeiter abgelehnt, erklärt er. Deshalb zog er vor das Arbeitsgericht. Eine Klärung der Verantwortlichkeiten sei auch für den Nachfolger wichtig.

Die Frage, ob jemand Leitender Angestellter ist, bestimme nicht nur über Wahlrecht und Wählbarkeit für den Betriebsrat, sagt der Geschäftsführer. Sie sei auch bedeutsam bei einer etwaigen Kündigung: Die sei bei einem derart langjährigen normalen Angestellten fast unmöglich. Ein Leitender Angestellter genieße weniger Privilegien. Ein weiterer Punkt: »Dinge aus der Vergangenheit, die Haftungsfragen nach sich zögen«, würden unterschiedlich bewertet, je nachdem, wie viel Verantwortung jemand offiziell trägt. Anscheinend wollten die Prokuristen »ihren Besitzstand wahren« und konstruierten daher einen Konflikt, meint Thies.

Beim Gütetermin vor dem Amtsgericht willigten die Prokuristen in der vergangenen Woche schließlich in eine außergerichtliche Mediation ein. Ein erstes Gespräch ist für Januar anvisiert. Thies: »Ziel ist, den Betriebsfrieden zu erhalten oder, falls er gestört sein sollte, wiederherzustellen – vor allem aber, unser gemeinsames Bild von Unternehmensleitung zu klären.«

Info

Thies galt als Kommunikator

Als der Diplom-Pädagoge Reinhard Thies – Spezialist für Gemeinwesenarbeit in sozialen Brennpunkten – vor fünf Jahren Wohnbau-Chef wurde, lobte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz als Aufsichtsratsvorsitzende seine »Kommunikationsstärke«. Vorgänger Volker Behnecke versicherte, Thies werde »eine gute Mannschaft vorfinden«, und sagte »ein »hohes Maß an Kontinuität« voraus. Die stadteigene Gesellschaft, die 7000 Wohnungen betreut, hat rund 80 Mitarbeiter. Der Vertrag des 66-Jährigen läuft bis Ende 2019.



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