16. Mai 2008, 15:08 Uhr

»68« in Gießen - Protest und Aufbruchstimmung

Gießen (si). 1968 ist als Jahr des Umbruchs in die bundesdeutsche Geschichte eingegangen. Damals treten auch in Gießen vor allem junge Menschen selbstbewusst an die Öffentlichkeit und erschrecken brave Bürger mit ihren Forderungen nach mehr Demokratie und einem selbstbestimmten Leben. Die Notstandsgesetze, der Krieg in Vietnam, die Hochschulreform stehen im Mittelpunkt vieler Demonstrationen. Auch das Alltagsleben verändert sich.
16. Mai 2008, 15:08 Uhr
Als Ende Mai 1968 die Notstandsgesetze verabschiedet wurden, gab es auch in Gießen Proteste. Auf dem Foto, das vermutlich in der Südanlage entstand, ist der heutige Grünen-Stadtrat Heinrich Brinkmann zu sehen (mit Transparent »Notstand über alles«). Er war damals im SDS aktiv und ist heute einer der wenigen, die sich mit der hiesigen Studentenbewegung auch wissenschaftlich beschäftigt haben. (Foto: Uni-Archiv)

»68« beginnt in der Lahnstadt - wie anderswo - spätestens im Sommer 1967. Auslöser ist der Tod von Benno Ohnesorg. Als bekannt wird, dass der Student bei einer Demonstration gegen den persischen Schah von einem Polizisten hinterrücks erschossen worden ist, formieren sich in Gießen 2000 Menschen - vor allem Studenten - zu einem Trauermarsch. Nicht nur die Linke ist vertreten, auch der konservative RCDS macht mit, Professoren reihen sich ein, und der damalige Rektor Heselhaus gibt die Empfehlung aus, während der Gedenkveranstaltung alle Vorlesungen ausfallen zu lassen.

Der Protestzug, der still und friedlich verläuft, wird - aus heutigen Sicht überraschend - die größte Demonstration über das Jahr hinaus bleiben. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Ostern 1968 gehen in Gießen ganze 50 Studenten auf die Straße. Erst die Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag wenige Wochen später sorgt wieder für eine größere Mobilisierung - Studenten, Gewerkschafter und kritische Bürger fürchten, dass die Bundesregierung Grundrechte außer Kraft setzten könnte. Nach einigen Demonstrationen, die teils gemeinsam mit den Gewerkschaften durchgeführt werden, besetzen Studierende am 30. Mai 68 das Uni-Hauptgebäude, die Hochschule benennen sie symbolisch in »Georg-Büchner-Universität« um. Der neue Rektor Weyhl droht mit Räumung, das Haus bleibt bis zum Abend geschlossen. Am nächsten Tag werden zusätzliche Polizeieinheiten nach Gießen beordert. In den kommenden Monaten zeigt sich der Widerstand vor allem in der Hochschule: Bei »Teach-ins« und anderen neuen Aktionsformen wird der »herrschaftsfreie Diskurs« geprobt.

Bei den Studierenden, den Hochschulangehörigen und auch in der Öffentlichkeit hinterlassen die turbulenten Monate großen Eindruck - obwohl »Spektakuläres, das auch woanders wahrgenommen wurde, nicht stattgefunden hat«, wie Heinrich Brinkmann heute sagt. Der Grünen-Stadtrat und außerplanmäßige Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Justus-Liebig-Universität kommt 1965 als 23-Jähriger von Münster nach Gießen, um sein Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik fortzusetzen und ist dann aktiv im sozialistischen SDS; als einer der wenigen hat er später Schriften über die Gießener Studentenbewegung veröffentlicht. Auch für Brinkmann ist der 2. Juni 1967 »die entscheidende Schnittstelle«. Seiner Erinnerung nach setzt mit diesem Datum »ein Ansturm« auf die linken Gruppen ein, vor allem auf den SDS, den dieser fast nicht verkraftet. Marxistische Literatur habe es zunächst kaum gegeben, auch nur wenige linke Professoren; sie seien zudem nicht so »orthodox marxistisch« - wie beispielsweise Wolfgang Abendroth in Marburg - gewesen. Die Juristen Helmut Ridder und Spiros Simitis oder die Soziologin Helge Pross gehören zu der Minderheit der Hochschullehrer, die mit der linken Studentenbewegung offen sympathisiert. Hinzu kommt eine größere Zahl wissenschaftlicher Assistenten.

Dass sich die Studenten damals mehrheitlich der Linken zugehörig fühlten, ist für Brinkmann sicher. Burschenschaften und RCDS hätten bei den studentischen Wahlen keine Rolle mehr gespielt. Die breite Bevölkerung aber sei den Studenten gegenüber skeptisch geblieben. »Manche hätten uns am liebsten über die Mauer geworfen«, erinnert er sich. Oft fällt der Satz »geht doch rüber«.

Das Ende der Studentenbewegung beginnt nach Einschätzung Brinkmanns in Gießen - wie andernorts - noch im Jahre 1968. Mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze sei klar geworden, dass man eine Niederlage erlitten habe und der erhoffte »Aufstand der Proletariats« ausbleiben werde. Etliche suchen ihre politische Heimat nun in der SPD. Andere treten kommunistischen Kadergruppen bei, die sich jetzt gründen und wahlweise den Zentralen in Peking, Moskau oder auch Tirana verbunden fühlen. Innerhalb der radikalen Linken gibt es nur noch wenig Solidarität. Als im August 1968 sowjetische Panzer in Prag einrollen, bezeichnen »Genossen der gerade gegründeten DKP« eine für den Abend angesetzte Demonstration als »Verrat am Sozialismus«, erzählt Brinkmann. Und auch das ist Geschichte: »Die SDS-Kasse wurde geklaut und diente dem Aufbau der KPD/ML«.

Sein Fazit über diese Zeit fällt zwiespältig aus. »Eine tiefgreifende Veränderung der politischen Machtstruktur hat die Studentenbewegung nicht erreicht, obwohl das ihr Ziel war«, sagt der Zeitzeuge und Sozialwissenschafter. Allerdings hätten sich mit 68 »der Lebensstil, die Kommunikationsformen, die politische Praxis und die Erziehung« geändert. Auch in Gießen gründen sich damals die ersten Kommunen, später Wohngemeinschaften genannt, in denen neue Formen des Zusammenlebens geprobt werden. Frauen formieren sich in eigenen Gruppen wie dem »Weiberrat«, in dem sie die Dominanz der Männer - auch in den linken Gruppen - thematisieren. Die ersten Gießener Kinderläden stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Letztendlich hätten die Studierenden einen »Modernisierungsschub« mit ausgelöst, der bis heute nachwirke, sagt Brinkmann. »Eine Frau als Bundeskanzler wäre vermutlich ohne «68» nicht denkbar«.

 

Zeitzeugen gesucht!

Um das Jahr 1968 ranken sich viele Mythen. Jeder, der dabei war, hat eigene Erinnerungen. Wie war das damals an der Universität? An den Schulen? Zu Hause? Gab es Ärger, weil man zur Demo wollte? Oder lange Haare hatte? War die Musik viel wichtiger als die Politik? Wer sah die Protestler kritisch? Und wie denken die Menschen von damals heute über »68«? Schreiben Sie, am besten per Mail an die Adresse: redaktion@giessener-allgemeine.de oder per Brief: Gießener Allgemeine Zeitung, Stadtredaktion, Marburger Straße 20, 35 390 Gießen. Fotos von damals sind ausdrücklich erwünscht! (si)

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