05. Mai 2013, 21:38 Uhr

400 Fachleute bei Ernährungs-Tagung

Gießen (if). Das Bild ist jedes Mal das gleiche. Ob Uni-Aula oder Kongresshalle: Wann immer der UGB – der vor rund 30 Jahren in Gießen gegründete »Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung« – zu einer Tagung einlädt, ist diese lange im Voraus ausgebucht.
05. Mai 2013, 21:38 Uhr
Wie unabhängig sind von Lebensmittelherstellern bezahlte Studien? Darüber diskutierten (v. l.) Prof.Claus Leitzmann, Prof. Mathilde Kersting, MdB Bärbel Höhn und Prof. Michael Krawinkel. (Foto: Schepp)

Fragen um die richtige Ernährung sind ein Dauerbrenner. Die breite Öffentlichkeit – vom Privatmann in der Küche bis hin zur EU-Politikerin in Brüssel – ist von wachsender Verunsicherung befallen. Der Orientierungsbedarf steigt. Vor rund 400 Teilnehmern schnitten in der Uni-Aula namhafte Referenten am Freitag und Samstag eine breite Skala fesselnder Ernährungsthemen an.

Sie reichten von neuesten Erkenntnissen zur Bedeutung sekundärer Pflanzenstoffe und die Qualität von Bio-Nahrungsmitteln über die Frage »was ist eigentlich low carb« bis hin zu der Befürchtung, dass Mütter ihre Kinder ungewollt in der Schwangerschaft auf späteres »Dicksein« programmieren.

In einer von Klaus Pradella (Hessischer Rundfunk) moderierten Podiumsdiskussion kamen am Freitagabend Fragen nach der Unabhängigkeit der Ernährungsforschung zur Sprache – ausgehend von der ernüchternden Vermutung, dass vom Hersteller bezahlte Studienergebnisse erheblich günstiger ausfallen als anders finanzierte Untersuchungen. Die Grünen-Politikerin MdB Bärbel Höhn plädierte für Verbraucheraufklärung. Prof. Mathilde Kersting, Stellvertretende Leiterin des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund, bezog Position aus der Perspektive der Forschungspraxis. Der Mediziner Prof. Michael Krawinkel, Professor für Ernährung des Menschen (Justus-Liebig-Universität Gießen) betonte, dass die Unabhängigkeit über die Einhaltung der Richtlinien der »guten wissenschaftlichen Praxis« definiert werde. Dabei räumte er ein, dass die angesichts unzureichender Forschungsfinanzierung nötige Einwerbung von Drittmitteln zugleich die Preisgabe eines Stücks Unabhängigkeit bedeuten könne.

Der »Doyen« der Gießener Ernährungswissenschaften, Prof. Claus Leitzmann, betrachtet das Problem der Verbraucher-Verunsicherung aus einem pragmatischen Blickwinkel. Wenn jede eigentlich für die wissenschaftlicher Welt bestimmte Veröffentlichung aus der Forschung unverzüglich in Massenmedien aufgegriffen werde, müsse dies zwangsläufig zu Missverständnissen führen.

In seinem faszinierenden Auftaktreferat hatte nach der Begrüßung durch Thomas Männle der Begründer der Vollwerternährung und Autor zahlreicher Bücher die Zusammenhänge zwischen Evolution und Ernährung beleuchtet. Essen »wie zu Zeiten der Sammler und Jäger« sei nur in den Anteilen pflanzlicher und tierischer Kost möglich, kaum aber, was den Anteil an Protein und Fett ausmacht, so Leitzmann. Sein Resümee: »Eine überwiegend pflanzliche Ernährung kann als artgerecht und damit optimal für die Gesundheit bezeichnet werden. Dabei sollte die Nahrungsenergiezufuhr der körperlichen Aktivität angepasst werden.«

Mehr und mehr rückt die Vielfalt »sekundäre Pflanzenstoffe« (SPS) in den Mittelpunkt des Interesses. Ihr reichhaltiges Vorkommen in Gemüse, Obst und Vollkorn ist, so die Experten, wahrscheinlich die Ursache für deren gesundheitsfördernde Wirkung. Ein Beispiel dafür erwähnte Prof. Bernhard Watzl, Experte im Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe: Ein bestimmtes »Flavonoid«, das in vielen Pflanzen, beispielsweise in Zwiebeln, vorkommt, ist imstande, über eine Reduzierung der Blutplättchen-Aggregation das Risiko einer Thrombose zu verringern. »Kaum erforscht«, so Watzl, »ist allerdings die Frage nach der Wirkung zusätzlich verabreichter SPS«. Sie könne, so habe sich im Tierversuch gezeigt, beispielsweise den Schutzeffekt von gleichzeitig verabreichtem Obst gegen Lungenkrebs abschwächen. Während in den USA bereits Kapseln mit Flavonoiden aus Trauben in Drogerien zu kaufen sind, lautet daher die klare Devise der Karlsruher Lebensmittelforscher: »Zurückhaltung bei ›funktionellen» Lebensmitteln – aber ›freie Fahrt» für den Verzehr der Vielfalt an Gemüse, Obst, Nüssen, Hülsenfrüchten und Vollkorn.«

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