08. Oktober 2017, 09:00 Uhr

Entführte Gießenerin

40 Jahre nach der Landshut-Entführung: Gießenerin kehrt in Bauch des Terrors zurück

1977 entführten RAF-Terroristen die "Landshut". Die Gießenerin Diana Müll war als Passagier an Bord. 40 Jahre später ist sie an den Ort des Schreckens zurückgekehrt.
08. Oktober 2017, 09:00 Uhr
Co-Pilot Jürgen Vietor (3.v.l), Stewardess Gabriele von Lutzau (l) und Diana Müll (2.v.l). Foto: dpa
War es die richtige Entscheidung, an diesen Ort zurückzukehren? Diana Müll ist unsicher. Die Gießenerin sitzt in einem kleinen Bus, der über den Flughafen im brasilianischen Fortaleza rollt. Ihre Gedanken rasen: Wie wird es sein, dort zu stehen, wo einst das Terrorkommando sie und 86 weitere Menschen als Geiseln genommen hat? Wo »der Hübsche« und »die Dicke« mit den Handgranaten drohten, wo Pilot Jürgen Schumann kaltblütig erschossen wurde – und wo »Captain Mahmud« ihr den Lauf seiner Pistole an die Schläfe drückte? Müll ist aufgewühlt.

Tränen im kümmerlichen Rest

Doch jetzt ist es zu spät. Noch eine letzte Kurve, dann ist sie am Ziel. Die Gießenerin steigt aus – und ist irritiert. Das soll sie sein? Müll kann es nicht glauben. Die Hülle ist abgeschliffen, das Innere entkernt. Nichts erinnert mehr an die dramatischen Tage aus dem Herbst 1977. Müll steigt die Treppe hinauf, ihre Hände berühren das Metall. Nichts. Kein Auflodern der Bilder, die sich vor 40 Jahren in ihren Kopf gebrannt haben. Trotzdem kommen ihr die Tränen. Das Wissen genügt. Müll steht im kümmerlichen Rest der Lufthansa-Maschine »Landshut«. Der Ort, der ihr die schlimmsten Stunden ihres Lebens bereitet hat.

Grafik: Dengl, Reschke & Brühl, Redaktion: J. Schneider / M. Beils


Gießen, einige Wochen später: Müll hat es sich im Wintergarten ihres Wochenendhäuschens gemütlich gemacht. Hinter den Fenstern erstreckt sich ein großer Garten, Bordeauxdogge Otto schlendert über den Rasen. Wer genau hinhört, kann das Plätschern der Lahn vernehmen. Es ist ein kleines Idyll, dass sich Müll und ihr Lebensgefährte hier geschaffen haben. Und ein Rückzugsort. Den kann sie momentan gut gebrauchen. »Ich habe derzeit sehr viele Anfragen«, sagt die 59-Jährige. Am Morgen sei schon ein Fernsehteam dagewesen, für den Abend habe sich ein Mitarbeiter einer Talkshow angekündigt. Müll ist in diesen Tagen eine gefragte Gesprächspartnerin. Nicht nur,
weil sich die Entführung der »Landshut« am 13. Oktober zum 40. Mal jährt, sondern auch, weil das Wrack aus der brasilianischen Einöde nach Deutschland transportiert worden ist.

Günther Eckhold: Der Gießener flog der entführten "Landshut" hinterher

Flugzeug soll ausgestellt werden

In den Dornier-Werken in Friedrichshafen soll es in den Zustand aus dem Jahre 1977 versetzt und ausgestellt werden. Zuvor hatte der Axel-Springer-Verlag Müll und weitere Zeitzeugen aber noch einmal zu einer Reise nach Fortaleza eingeladen. »Früher habe ich gesagt: Nicht für eine Millionen Euro würde ich die ›Landshut‹ noch einmal betreten. Doch dann hat die Neugierde gesiegt«, sagt die Gießenerin. Sie zeigt dabei ein einnehmendes Lächeln, das schon die Lippen ihrer Mutter zierte. Die vollen schwarzen Haare und den dunklen Teint hat sie ihrem mexikanischen Vater zu verdanken. Auch 40 Jahre später braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um zu verstehen, warum Müll als 19-Jährige nach Mallorca eingeladen wurde. Der 13. Oktober 1977: Acht junge Frauen und ein Mann preschen mit einem Transporter über die Straßen Palma de Mallorcas. Er ist Betreiber der angesagten Discothek »Graf Zeppelin«, sie sind Schönheitsköniginnen, die in der vergangenen Woche auf seine Einladung die Besucher unterhalten sollten.

Foto: dpa


Die letzte Nacht haben sie durchgemacht, für den Rückflug sind sie viel zu spät dran. Dank ihrer Überredungskünste, schaffen es die Frauen trotzdem noch in die Maschine. Und mit ihnen das palästinensische Pärchen, das ebenfalls zu spät auftaucht. Müll und ihre Freundinnen machen sich auf der Gangway noch über das unmodische Sakko des Mannes lustig. Doch das Lachen wird ihnen schnell vergehen.

Extreme Brutalität

An Bord bestellen sich die Frauen einen Sekt, die Stimmung ist ausgelassen. Plötzlich zieht der Palästinenser eine Pistole und stürmt mit seiner Begleiterin in die erste Klasse. Zusammen mit zwei weiteren Terroristen, Müll und ihre Sitznachbarn werden sie fortan nur »die Dicke« und »der Hübsche« nennen, entführen sie die »Landshut«. Sie wollen die im Gefängnis Stammheim einsitzenden RAF-Terroristen freipressen, gleichzeitig fordern sie die Entlassung zweier Gesinnungsgenossen aus türkischer Haft sowie 15 Millionen Dollar. Ihr Ziel verfolgen sie mit extremer Brutalität. »Ich kann die Grausamkeiten an Bord gar nicht alle aufzählen«, sagt Müll. Und trotzdem stechen zwei  hervor. Die »Landshut« steht am Flughafen von Dubai.

Seit drei Tagen halten die Terroristen die Geiseln nun schon gefangen. Toilettengänge werden nur selten bewilligt, viele Passagiere heben aber gar nicht erst die Hand. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Die Frauen haben keinen Zugang zu Binden oder Tampons, die Menstruation sickert in die Sitze. Und erst die Hitze: Die Klimaanlage ist ausgefallen, an Bord herrschen 60 Grad. Es riecht nach Schweiß, Blut und Fäkalien. Der Anführer des Terrorkommandos, der 23-jährige Zohair Youssif Akache, der sich »Captain Mahmud« nennt, will weiterfliegen, doch die verantwortlichen Personen im Tower weigern sich, die Maschine  aufzutanken. Also schnappt er sich Müll und zerrt sie an die offene Flugzeugtür. »Ich zähle bis zehn. Wenn bis dahin nicht aufgetankt wurde, werde ich Diana, 19 Jahre alt, aus Gießen, erschießen«, brüllt er in das Funkgerät. Nichts passiert.

In Gedanken Abschied genommen

Dann startet Mahmud seinen Countdown. In Gedanken nimmt Müll Abschied von ihrer Familie. Als die »zehn« ertönt, blickt sie in den blauen Himmel. Noch einmal etwas Schönes sehen. Müll wartet auf den Schuss – stattdessen
ertönt ein Knarzen aus dem Funkgerät: »Stopp! Wir tanken auf! Wir tanken auf!« Mahmud schaut gönnerhaft auf Müll hinab: »Glück gehabt.« Für Pilot Jürgen Schumann gilt das nicht. Nur wenige Stunden nach dem Start in Dubai muss die »Landshut« auf einer Sandpiste im südjemischen Aden notlanden. Weil Schumann für die anschließende
Inspektion des Fahrwerks zu lange braucht, schießt ihn »Captain Mahmud« ins Gesicht. Mehrere Stunden liegt der tote Pilot auf dem Flur. Als der Verwesungsgestank unerträglich wird, müssen zwei Passagiere die Leiche wegschaffen. Anschließend beseitigen die Terroristen die Reste des Gehirns mit einer Kehrschaufel. »Die Dicke« isst dabei genüsslich einen Apfel. »Es war einfach nur widerwärtig«, erinnert sich Müll.

Die befreiten Geiseln treffen  auf Flughafen in Frankfurt ein. Foto: dpa

Es sollte noch einen weiteren Tag dauern, bis die Geiseln endlich befreit werden. Nach fünf Tagen Odyssee stürmt die Eliteeinheit GSG 9 in Mogadischu das Flugzeug. Drei der vier Terroristen werden bei der »Operation Feuerzauber« getötet, lediglich »die Dicke« überlebt. Pilot Schumann ist das einzige Todesopfer aufseiten der Geiseln. In ihrem Heimatort Daubringen wird Müll frenetisch empfangen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Doch für die 19-Jährige ist es nur eine physische Befreiung, psychisch wird sie noch lange unter der Geiselhaft leiden. »Ich kam traumatisiert aus der Maschine und habe zu Hause keine Erleichterung gefunden. Die Entführung hat mir fünf Tage meines Lebens geraubt, die Zeit danach hat mich zehn Jahre gekostet«, sagt Müll.

Angegafft und belagert

Die Menschen auf der Straße hätten sie angegafft, Fremde hätten ihr nachgerufen, das Haus ihrer Familie sei von Journalisten belagert worden. »Das war ein Albtraum. Vor allem für meine Eltern.« Erika und Dieter Müll mussten die Odyssee ihrer Tochter am Fernseher mitverfolgen. Unwissend, wie es ihrer Tochter geht, machtlos, etwas an ihrer Situation zu verändern. »Das hat mir im Nachhinein am meisten zu schaffen gemacht. Ich konnte auch nicht mit ihnen reden. Ich wollte nicht erzählen, was an Bord alles passiert ist.« Also fraß sie das Erlebte in sich hinein. Doch dadurch wurde es nur schlimmer. »Ich litt unter Angstzuständen und Verfolgungswahn. Wenn ich nach Hause kam, habe ich in den Schränken nachgeschaut, ob da jemand sitzt.« Müll muss lachen: »Das klingt total verrückt, es wurde aber noch schlimmer.«

Günter Eckhold zeigt Bundeskanzler Helmut Schmidt und "Ben Wisch" (stehend), wie die "Köln" im Sturzflug Mogadischu anflog. (Foto: dpa)

Die Gießenerin fühlte sich nicht mehr sicher, blickte vorm Schlafen unters Bett, vorm Autofahren auf die Rückbank. Fast jede Nacht eilte sie schweißgebadet zu einer Freundin, auf deren Sofa sie dann schlief. »Sie hat  dann irgendwann gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Also habe ich mir professionelle Hilfe gesucht.« Mit einem Psychologen schaffte es Müll, das Trauma zu verarbeiten. Dafür war sie danach heillos verschuldet. »Die Krankenkasse hat die Sitzungen nicht bezahlt. Das ist 40 Jahre her, damals ging man davon aus, nur ›Verrückte‹ würden zum Psychologen gehen.« Heutzutage würde sich die Gießenerin vor Unterstützern und Spendenaufrufen wohl kaum retten können. Aber damals? Neben der Krankenkasse bot auch die Lufthansa keinerlei Hilfe, die Verantwortlichen verwiesen auf »höhere Gewalt«.

Staat verweigert Hilfe

Auch der Staat habe seine Hilfe verweigert, sagt die Gießenerin. »Lediglich die Kärntener Landesregierung hat uns Geiseln zu einem Skiurlaub nach Österreich eingeladen.«  Während Müll erzählt, weht im Zentrum ihres Gartens eine große Deutschlandfahne. Heute ist Müll eine selbstbewusste starke Frau. Sie hat nicht vergessen, was im Bauch der »Landshut« passiert ist, das wird sie wohl auch nie. Aber sie konnte das Erlebte verarbeiten. »Ich habe die Stärke besessen, wieder gesund zu werden.«
Die Gießenerin schweigt einen Moment. Dann sagt sie: »Heute habe ich ein tolles Leben.«

Brasilien, Fortaleza: Neben Müll stehen auch der einstige Co-Pilot Jürgen Vietor,Passagierin Birgitt Röhll und GSG9-Mitglied Dieter Fox im Bauch der »Landshut«. »Da lag nichts in der Luft, da waren keine Bilder«, erinnert sich die 59-Jährige. Erst als sie mit den anderen Zeitzeugen neben der Maschine in einem Pavillon Platz genommen hatte, sprang das Kopfkino an. Vietor erzählte, wie knapp die Maschine einem Absturz entgangen ist, Fox nannte Details der heiklen Befreiungsaktion. Und die beiden Frauen Röhll und Müll berichteten über den Horror in der Kabine. Die Todesangst, das Hoffen und Bangen. »Erst als wir draußen zusammensaßen, kamen die Bilder wieder hoch«, sagt Müll. Es ist eben nicht Metall, das die Erinnerung am Leben hält.

Fotos: dpa / Grafik: Dengl, Reschke & Brühl, Redaktion: J. Schneider / M. Beils

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