08. Mai 2008, 23:40 Uhr

2000-mal schon: »Können Sie mir raten?«

»Ich möchte meine Krankenkasse wechseln ist das möglich?« Seitdem ihre Beratungsstelle im Februar vorigen Jahres im VdK-Haus in der Liebigstraße 15 offiziell eröffnet worden ist, sind die Mitarbeiter der »Unabhängigen Patientenberatung Deutschland« (UPD), die Juristin Anne Katrin Olischläger, die Diplom-Sozialpädagogin Daniela Poppe und der Diplom-Psychologe Dr. Friedhelm Meyer, nahezu 2000-mal meist telefonisch mit solchen und ähnlichen Fragen konfrontiert worden.
08. Mai 2008, 23:40 Uhr

Behandlungsfehler 2006 in Hessen

Im Jahr 2006 hat die Schlichtungsstelle bei der Landesärztekammer Hessen 39 Behandlungsfehler im Zusammenhang mit Operationen, 43 im Zusammenhang mit der Diagnose und vier Fehler bei der Indikation bestätigt. In einem Fall wurde eine falsche Überweisung konstatiert, sechsmal war die Dokumentation fehlerhaft, und in acht Fällen ging es um die mangelnde oder fehlerhafte Aufklärung. 814 neue Anträge wurden gestellt. »Hinter diesen Zahlen«, so heißt es im Jahresbericht der Schlichtungsstelle, »verbergen sich die wenigsten spektakulären Fälle. Zumeist handelt es sich um Unaufmerksamkeit und Nachlässigkeit«. (if)

Gießen (if). »Meine Zahnbehandlung ist nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen, was kann ich jetzt unternehmen?« Oder: »Mein Arzt hat mir statt des bisherigen Originalmedikaments ein Nachahmerpräparat verordnet -muss ich das akzeptieren?« Eine andere Frage: »Ich möchte meine Krankenkasse wechseln - ist das möglich?« Seitdem ihre Beratungsstelle im Februar vorigen Jahres im VdK-Haus (Liebigstraße 15) offiziell eröffnet worden ist, sind die Mitarbeiter der »Unabhängigen Patientenberatung Deutschland« (UPD), die Juristin Anne Katrin Olischläger, die Diplom-Sozialpädagogin Daniela Poppe und der Diplom-Psychologe Dr. Friedhelm Meyer, nahezu 2000-mal- meist telefonisch - mit solchen und ähnlichen Fragen konfrontiert worden. Die Beratungsstelle - die einzige dieser Art in Hessen - verdankt ihr Zustandekommen der Gesundheitsreform: Nach Paragraph 65b des Sozialgesetzbuches V eingerichtet in einer Zeit, in der im zunehmend unübersichtlichen »Dschungel« des Gesundheitswesens dem oft verunsicherten Patienten immer mehr Eigenverantwortung abverlangt wird, soll neutrale Beratung dessen Rechte stärken, seine Selbsthilfekompetenz fördern und das »Beschwerdemanagement« verbessern.

Zwar ist es der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, der inzwischen insgesamt 22 Einrichtungen im Bundesgebiet finanziert, die in unterschiedlicher Trägerschaft neuerdings auch mit dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg, dem Zentrum »Allergie und Umwelt« sowie einer Stelle für Fragen zu Arzneimittel-Nebenwirkungen an der Uni Dresden kooperieren. Doch: »Wir sind unabhängig, neutral, kostenfrei, und jeder kann sich an uns wenden und Fragen stellen«, betont Anne Katrin Olischläger.

Im Rahmen einer Vortragsreihe, in deren Verlauf häufig auftauchende Patientenfragen zur Sprache kommen, ging die Volljuristin im VdK-Haus dieser Tage auf Patientenrechte bei fehlerhafter Diagnose, Aufklärung oder Behandlung ein. Unter Hinweis auf das »Aktionsbündnis Patientensicherheit«, mit dem Ärzte selbst in die Öffentlichkeit gingen, erwähnte sie die unterschiedlichen Zahlenangaben: Während Versicherer von 20 000 Fällen im Jahr sprächen und ein »Qualitätsmanagement der Gesundheitsforscher« 17 000 Todesfälle nenne, berichteten die »Schlichtungsstellen« bei den Landesärztekammern nach jüngsten Angaben über bundesweit 10 280 Verfahren im Jahr 2006, bei denen sich in 4747 Fällen das Vorliegen eines Behandlungsfehlers nicht bestätigt habe. Olischläger: »Andererseits hat sich bei mehr als der Hälfte der Fälle dieser Verdacht bestätigt.« In jedem Fall müsse man mit einer erheblichen Dunkelziffer rechnen. Ob überhaupt ein Behandlungsfehler vorliegt, ob dabei von Vorsatz oder Fahrlässigkeit ausgegangen werden muss, ob es um Schmerzensgeld oder Schadensersatz geht - beim Patienten liege die Beweislast, warnte die Juristin. Eine »Beweisumkehr« gebe es nur bei Vorliegen grober Behandlungsfehler. Ein sofortiges »In-den-Prozess-Gehen« bezeichnete sie als »hochriskant«. Bei solchen Prozessen müsse man »einen langen Atem« haben und außerdem bedenken, dass die unterlegene Partei die nicht zuletzt durch die erforderlichen Gutachten entstehenden erheblichen Kosten zu tragen habe, falls kein Rechtsschutz bestehe.

Alternativen zu einem juristischen Vorgehen bieten in vielen Fällen beispielsweise Beschwerden bei den Schlichtungsstellen der Landesärztekammern, die, meist unter hochkarätiger juristischer Leitung stehend, gewöhnlich nach Gutachten entscheiden, die wiederum für den Beschwerdeführer einen kostenfreien Anhaltspunkt über die Aussicht eines möglichen weiteren Vorgehens bieten. Über ihren Medizinischen Dienst bieten auch die meisten Kassen solche kostenlosen - auf den verfügbaren Unterlagen beruhende - Gutachten an. Während der Schlichtung ist die auf drei Jahre bemessene Verjährung gestoppt.

»Braucht man einen Rechtsanwalt und wann?«, fragte einer der Hörer des Vortrags. »Ich hatte hier Patienten, die ihr Verfahren allein durchgezogen haben bis zur Haftpflichtversicherung«, antwortete Olischläger. Unbekannt sei vielfach, warum Ärzte nach einem vermuteten Behandlungsfehler »schweigsam wie eine Auster« seien: Jedes Wort könne den Versicherungsschutz kosten. Bei weiteren Vorträgen geht es um Impfung, um die Frage nach dem »richtigen Arzt« und um eine Übersicht über die verschiedenen Formen psychotherapeutischer Behandlung. Träger der UPD-Beratungsstelle Gießen ist der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen. Kontakt: Tel. 06 41/3 01 33 45, Fax: 06 41/3 01 94 29, Liebigstraße 15. Sprechzeiten: montags von 15 bis 19 Uhr, dienstags von 9 bis 12 Uhr, donnerstags von 9 bis 15 Uhr, freitags von 9 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung.

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