09. November 2009, 21:08 Uhr

20 Jahre Mauerfall: »Gießen hat deutsche Geschichte geschrieben«

Gießen (kw). Zum Abschluss eines Festakts aus Anlass des 20. Jahrestags des Mauerfalls wurde am Montag im Kulturrathaus die Ausstellung »20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit ... als die Flüchtlinge aus der DDR nach Gießen kamen« eröffnet
09. November 2009, 21:08 Uhr

Gießen (kw). Wer war Erich Honecker? Wann wurde die Mauer gebaut? Und wann fiel sie wieder? Als sich die Auszubildenden von Stadt- und Kreisverwaltung im Frühjahr 2008 einem DDR-Quiz stellten, offenbarten sich »sehr große Wissenslücken«, berichteten zwei von ihnen gestern im Konzertsaal des Rathauses. Inzwischen sind die knapp 20 jungen Frauen und Männer Experten für deutsch-deutsche Geschichte: Sie haben die Ausstellung »20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit ... als die Flüchtlinge aus der DDR nach Gießen kamen« zusammengestellt. Der Eröffnung ging am Montagvormittag ein Festakt voraus. Dabei würdigte Hessens Innenminister Volker Bouffier, dass sich die etwa 20-Jährigen in das ihnen fremde Thema eingearbeitet haben. »Wer Zukunft gewinnen will, muss seine Herkunft kennen«, sagte der Festredner.

Mit »Gänsehaut« hätten sie den Mauerfall am 9. November 1989 erlebt, berichteten Bouffier, Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann und Landrat Willi Marx. Monika Klosok und Christoph John erinnerten dagegen im Namen der Ausstellungs-Macher daran, dass junge Deutsche wie sie die Wiedervereinigung nicht bewusst erlebt haben. Andererseits standen die Ereignisse zu ihrer Schulzeit noch nicht in den Geschichtsbüchern. Von einem »weißen Jahrgang« sprach Marx. Die Azubi-Gruppe gibt demnächst unter dem Motto »von Jugendliche für Jugendliche« das neu erworbene Wissen an andere weiter: Die Ausstellung soll im kommenden Jahr durch Schulen in Stadt und Kreis wandern.

Den »deutschen Schicksalstag« 9. November führte Bouffier den rund 100 Gästen in seiner ausführlichen Festrede vor Augen: Auch die Ausrufung der Weimarer Republik 1918, Hitlers ersten Putschversuch 1923 und die Reichspogromnacht 1938 müsse man vor Augen haben, um zu »verstehen, wie es zur deutschen Teilung kam und was die Wiedervereinigung bedeutet hat«. Gießen mit seiner Erstaufnahmeeinrichtung für Übersiedler sei ein »Symbol der Freiheit« gewesen, das beispielsweise Menschen Kraft gegeben habe, die in Bautzen oder anderswo im Stasi-Gefängnis saßen. »Das ist eines der besten Stücke unserer Stadtgeschichte«, betonte der Gießener CDU-Politiker.

Bouffier würdigte die Menschen in der DDR und in anderen Ostblockstaaten - namentlich in Polen und in der Tschechoslowakei -, die über vier Jahrzehnte lang immer wieder mit viel Mut für Meinungs-, Bewegungs- und persönliche Freiheit auf die Straße gingen. Dass die »Bürgerbewegung im besten Sinne des Wortes« 1989 schließlich Erfolg hatte und zur historischen Umwälzung führte, habe vor allem auch zu tun mit dem »weltgeschichtlichen Klimawandel«. Der damalige Sowjetführer Michail Gorbatschow habe Weitsicht bewiesen, George Bush sen. als US-Präsident die Chance zum Dialog ergriffen, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl schließlich die Ängste der europäischen Nachbarn beschwichtigt. Nach einem Jahrhundert der Diktaturen und Kriege biete sich nun die Chance, es besser zu machen; dazu sei Geschichtsbewusstsein nötig.

Haumann nannte in seiner Begrüßung auch den früheren deutschen Kanzler Willy Brandt (SPD) mit seiner Ostpolitik in den siebziger Jahren als einen der Wegbereiter der friedlichen Revolution. »Gießen hat deutsche Geschichte geschrieben«, sagte der Christdemokrat ebenso wie der SPD-Politiker Marx. Der Landrat wies schmunzelnd darauf hin, dass die Bundesstiftung Aufarbeitung das Ausstellungsprojekt mit 5000 Euro unterstützt hat - damit stamme der Großteil der Finanzierung wesentlich aus ehemaligem SED-Vermögen. Das Vorhaben habe überregional Interesse geweckt.

Die Jugendlichen dankten besonders ihren vier Projektleitern Thomas Knoblauch (Fachdienstleiter Personalentwicklung beim Landkreis), Thomas Euler (Leiter des Büros der Kreisorgane), Reinhard Himmelreich (städtischer Ausbildungsleiter) und Dieter Knoth (Leiter des Stadtverordnetenbüros). Sie führten dann die Gäste durch die Ausstellung, die reich bebildert die Vorgänge vor 20 Jahren in der DDR und in Gießen erklärt. Unter anderem kommen eigens interviewte Zeitzeugen zu Wort, es sind Auszüge aus Stasi-Akten zu lesen. Ein »Trabi«, der eine Mauer durchbricht, macht schon im Rathaus-Foyer auf die Ausstellung aufmerksam, die bis 18. Dezember im zweiten Stock des Rathauses zu sehen sein wird.

Die musikalische Umrahmung - samt Nationalhymne - übernahm das Kammerorchester der Liebigschule unter Leitung von Sabine Schuppe.

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