01. März 2018, 20:11 Uhr

150 Jahre Ökologiegeschichte

01. März 2018, 20:11 Uhr
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Von Dr. Hans-Wolfg. Steffek
Auch im Gießener Labor von Justus Liebig wurden mit revolutionären Entdeckungen zur Pflanzenernährung schon früh ökologische Weichen gestellt. (Fotos: Schepp/has)

»Die Arten verschwinden schneller von unserem Planeten, als wir sie beschreiben können« und »In der Geschichte der Ökologie war Gießen immer ganz vorn dabei, hat es aber nie so richtig gemerkt« – dies sind nur zwei der bemerkenswerten Sätze aus dem Vortrag von Prof. Volkmar Wolters (Universität Gießen), mit dem der Oberhessische Geschichtsverein seine Vortragsreihe 2017/18 im Netanyasaal des Alten Schlosses beendet. Müßig zu erwähnen, dass dem Veranstalter damit noch einmal ein echter Höhepunkt glückte, was Carsten Lind bei der Vorstellung Wolters andeutete. Das Thema ist aktueller denn je, widmen sich doch die Medien intensiv dem drohenden Dieselverbot und dem Rückgang der Wildbienen.

Nicht zuletzt das aufschlussreiche Bildmaterial, das Wolters in seinen Vortrag miteinbezog, machte deutlich, dass 150 Jahre Ökologie den Zustand des blauen Planeten nicht nachhaltig sichern konnten. Wolters bescheinigte Ernst Haeckel, der 1866 den Begriff Ökologie erstmals verwendete, eine neue biologische Disziplin geschaffen zu haben und damit einen echten »Knaller« in einer Zeit, in der »die Lehre von den Beziehungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt« allenfalls den Sozialwissenschaften zugeordnet worden sei und überhaupt nicht in das Bild der Zeit gepasst habe. Man müsste bei der Suche nach den Wurzeln der Ökologie nicht unbedingt gleich in die Steinzeit zurückgehen, da man doch in Gießen seit 1609 den ältesten Botanischen Garten Deutschlands und den zweitältesten Europas besitze. Dessen erster Leiter Ludwig Jungermann, in Gießen von 1609 bis 1625 wirkend, habe nicht nur Gießens erste Lokalflora verfasst, sondern mitten in der Zeit des 30-jährigen Krieges Pflanzen gesammelt und einen wichtigen Beitrag zur Biodiversitätsforschung geleistet. Wolters: »Das ist, als ob heute jemand zum Botanisieren nach Afghanistan geht.«

Eine besondere Rolle wies der Hochschullehrer auch den Gießener Forstwissenschaften zu, wobei er auch auf die Lehre der Physiokraten einging (»Allein die Natur kann Werte hervorbringen«) und Gießen bescheinigte , das erste forstwissenschaftliche Institut seiner Art geschaffen zu haben.

»Phänologe« Hermann Hoffmann

Wolters sprach auch über den von 1842 bis 1891 in Gießen tätigen Leiter des Botanischen Gartens, Hermann Hoffmann, den er als »Begründer der systematischen Phänologie« bezeichnete und der heute Namensgeber der Hermann-Hoffmann-Akademie für junge Forscher ist. Justus Liebigs Beitrag zur Agrikultur hatte weltweite Folgen für die Landschaft und trug zur Erkenntnis bei, dass eine Population nur so weit anwachsen könne, wie es die Ressource zulasse, die am weitesten vom Optimum entfernt sei. Der in Gießen geborene Carl Vogt, meist als Revolutionär bekannt, sei auch überzeugter Verfechter der Lehre Darwins gewesen, wonach besser angepasste Arten einen Reproduktionsvorteil hätten.

Als »Lichtgestalt unserer Universität« bezeichnete Wolters Dietrich von Denffer, den Leiter des Botanischen Gartens (1951–2007), er hob die Verdienste von Wulf Emmo Ankel hervor und bezeichnete Lore Steubing als »ein Wunder«. Für sie wurde eine ordentliche Professur für Pflanzenökologie geschaffen, ein Amt, das sie von 1969 bis 1988 innehatte. Sie habe »immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, den Umweltgedanken zu verfolgen«. Sonst könne der von Rachel Carson gefürchtete »stumme Frühling« drohen.

Wolters, Vorsitzender »Gesellschaft für Ökologie«, wurde für seinen Vortrag mit reichem Beifall bedacht.



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