27. Juni 2019, 22:01 Uhr

Messerattacke

12 Monate Haft für Messerstich vor Haarlem in Gießen

Alkohol in rauen Mengen, Gedächtnislücken, ein Schlag mit einer Bierflasche und ein Stich mit einem Messer: Es war eine dramatische Nacht, die das Haarlem im Dezember 2017 erlebte.
27. Juni 2019, 22:01 Uhr
Den Tatort gibt es bald nicht mehr. Das Haarlem wird abgerissen. (Archivfoto: Schepp)

Das Haarlem ist Geschichte, seit Anfang des Jahres ist der Musikkeller geschlossen. Viele Gießener haben positive Erinnerungen an den Laden in der Schanzenstraße. Auf den jungen Mann, der am Donnerstag im Amtsgericht auf der Anklagebank saß, trifft das nicht zu. Der 22-jährige Gießener musste sich wegen schwerer Körperverletzung und Angriff auf Vollstreckungsbeamte vor dem Schöffengericht verantworten. Und auch seine beiden Opfer werden sich gewünscht haben, jene verhängnisvolle Nacht vor eineinhalb Jahren woanders verbracht zu haben. Die Wunde am Kopf und der Messerstich in den Bauch wären ihnen erspart geblieben.

Es ist der 6. Dezember 2017: Drei junge Männer stoßen auf dem Weihnachtsmarkt auf ihre Abschlussprüfung an. Es bleibt nicht bei einem Glühwein. Nicht weit entfernt, in einer Kneipe in der Frankfurter Straße, schüttet sich währenddessen der Angeklagte zusammen mit Bekannten Bier und Schnaps in den Magen. »Es war eine Druckbetankung«, betonte sein Verteidiger vor Gericht. Kurz nach Mitternacht kreuzen sich dann die Wege der beiden Gruppen. Im Haarlem kommen sie ins Gespräch, trinken zusammen - und dann eskaliert es.

Was genau geschehen ist, konnte der Angeklagte nicht mehr sagen. Er könne sich weder an den Hieb mit der Flasche noch an den Messerstich erinnern. Bei der Blutentnahme hatte der Gießener 1,63 Promille Alkohol im Blut, auf den Tatzeitpunkt hochgerechnet wären das etwa 2 Promille gewesen. Sein Rechtsanwalt betonte jedoch, dass die Vorwürfe im Kern zutreffend seien.

Die Staatsanwältin hatte kurz zuvor die Anklageschrift verlesen. Demnach hat der Angeklagte seinen Gesprächspartner im Haarlem grundlos eine Bierflasche gegen das Auge geschlagen. Vor der Tür soll es dann zu einem Wortgefecht gekommen sein. Daraufhin habe der Angeklagte ein Messer gezückt und einem der anderen Männer in den Bauch gestochen. Laut Untersuchungsbericht des Krankenhauses war die Wunde einen Zentimeter tief. Nach der Attacke soll der 22-Jährige vor der Polizei geflohen sein. Als die Beamten ihn dann stellten, hätte er einen Polizisten angegriffen und leicht verletzt.

Der Auslöser für den Flaschenschlag? Der Angeklagte sagte, er sei sich nicht sicher, womöglich habe ihn sein Gegenüber aber an den Hals gegriffen. Das Opfer bestritt dies, seine Begleiter wollten ebenfalls nichts gesehen haben. Auch drei weitere Haarlem-Besucher, die als Zeugen geladen waren, konnten kein Licht ins Dunkel bringen. Sie sagten allesamt aus, den Schlag selbst und einen möglicherweise vorangegangenen Streit nicht wahrgenommen zu haben.

Gründe bleiben unklar

Was sich dann draußen vor der Tür im Detail abgespielt hat, bleibt wohl ebenfalls ungeklärt. Die Beteiligten gaben an, dass es ein heftiges Wortgefecht gegeben habe. Offenbar wollte jener junge Mann, der zuvor die Bierflasche an den Kopf bekommen hatte, dem Angeklagten draußen eine Abreibung verpassen. Auf eine diesbezügliche Frage des vorsitzenden Richters Jürgen Seidler entgegnete er: »Er hatte es nicht anders verdient.«

Warum der Angeklagte dann aber einen anderen Mann mit dem Messer angriff, konnte nicht geklärt werden. Erinnerungslücken. Der Rechtsanwalt äußerte die Vermutung, sein Mandant - klein und schmächtig - könnte sich von den eher großen und muskulösen Männern bedroht gefühlt haben.

Eine entscheidende Frage stellte einer der Schöffen: Woher stammte das Messer? Der Rechtsanwalt wusste, dass diese Frage kommen würde, und er hatte keine zufriedenstellende Antwort, wie er selbst einräumte. Demnach habe der Angeklagte das Messer mitgebracht. »Messer sind offenbar zu Modeaccessoires geworden. Ein Statussymbol wie ein Handy.«

Ein dummer Fehler, wie der Angeklagte sagte. Seit den Vorfällen im Haarlem trage er kein Messer mehr bei sich, er trinke auch kaum noch Alkohol. »Ich traue mich gar nicht mehr.« Er sei schockiert gewesen, als er aus den Akten von den Vorfällen erfahren habe. »Es tut mir leid, ich schäme mich sehr.« Der 22-Jährige entschuldigte sich neben den Opfern auch bei den Polizisten: »Sie haben nur ihren Job gemacht.«

Die Staatsanwältin nahm den Angeklagten die Reue ab, sie forderte dennoch eine Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten - ohne Bewährung. Sie sprach von einem Geschehen, das von äußerster »Aggressivität und Brutalität« geprägt gewesen sei. Es sei pures Glück gewesen, dass den Opfern nichts Schlimmeres passiert sei. Eine verminderte Schuldfähigkeit wegen des Alkoholpegels zog sie nicht in Betracht.

Der Verteidiger kam zu einer fundamental anderen Einschätzung. Er forderte eine Geldstrafe und brachte sogar die Möglichkeit ins Spiel, das Verfahren einzustellen. Selbstverständlich sei in diesem Fall von einer verminderten Schuldunfähigkeit auszugehen, sagte der Jurist und untermauerte seine Forderung unter anderem damit, dass sein Mandant so betrunken gewesen sei, dass er sich bei der Festnahme in die Hose gepinkelt und eingekotet habe. Zudem vertrat er die Meinung, der Angeklagte habe bei seinem Messerstich womöglich aus Notwehr gehandelt. Nicht zuletzt habe er den Polizisten nicht absichtlich verletzt.

Das Schöffengericht entschied sich für die Mitte. Wegen schwerer Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckuingsbeamte wurde der Angeklagte zu einer Haftstrafe von zwölf Monaten auf Bewährung verurteilt. »Sie haben gesagt, sie schämen sich. Dann sehen Sie zu, dass so etwas nie wieder vorkommt«, gab ihn der Richter mit auf den Weg. Zumindest im Haarlem wird das nicht passieren. Das Gebäude, in dem sich die Diskothek befand, wird bald abgerissen.

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