27. November 2020, 16:04 Uhr

Leidenschaft gefragt

27. November 2020, 16:04 Uhr
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Aus der Redaktion
Neben einer den Leistungen angemessenen Vergütung geht es auch darum, die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte zu verbessern. FOTO: OBS/SWR

Der Personalmangel in der Pflege ist seit Jahren spürbar und hat sich in Zeiten der Covid-19-Pandemie noch weiter zugespitzt. Was kann getan werden, damit sich die Pflegenden in ihren Berufen wohlfühlen, damit sie motiviert sind und auch von motivierten Kollegen unterstützt werden? Wie können Selbstvertrauen und Eigeninitiative von Pflegekräften gestärkt werden?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines von dem Unternehmen Servier unterstützten Symposiums im Rahmen des Deutschen Pflegetages, der in diesem Jahr aufgrund der Pandemie in einem innovativen Online-Format durchgeführt wurde.

Vertreter aus Politik, Ärzteschaft und Pflege beleuchteten jeweils aus ihrer Perspektive die Herausforderungen im Bereich der Pflege und erörterten potenzielle Lösungsansätze. Dabei wurde eines deutlich: Die Säulen für ein modernes, tragfähiges Pflegekonzept sind Fortbildung und Qualifikation der Pflegekräfte, flache Hierarchien und Teamarbeit im klinischen Alltag, Übertragung von Verantwortung durch Delegation bestimmter Leistungen von Ärzten an Pflegende, Anerkennung des Berufsbildes und eine angemessene Vergütung. All das zusammen könnte die Motivation der Pflegekräfte steigern, stimmten die Referenten überein.

Schon vor der Corona-Pandemie wurde zunehmend klar, dass Veränderungen in der Pflegebranche unabdingbar sind. Den Pflegenotstand habe die Politik versucht, mit dem Pflegestärkungsgesetz zu verbessern, berichtete Erich Irlstorfer (MdB), der als Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags maßgeblich an der Gesetzgebung beteiligt war. Als nächstes habe man sich darauf fokussiert, Rahmenbedingungen für pflegende Angehörige, für Betroffene und Pflegekräfte zu schaffen. Anerkennung allein reiche nicht aus.

»Pflegekräfte sind keine ›kleinen Helden‹, sondern gut ausgebildete Menschen, die einen enorm wichtigen Beruf ausüben«, konstatierte Irlstorfer. »Mit Applaus von Balkonen kann man keine Miete zahlen und auch nicht die Arbeitsplatzbedingungen verbessern.« Hier brauche es schon andere Maßnahmen und »Geld, das man in die Hand nehmen muss.« Eine adäquate Vergütung sei Basis und Voraussetzung einer besseren Wertschätzung von Pflegekräften. Das erhöhe auch die Motivation. »Da brauchen wir keinen Applaus, sondern Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die das ordentlich verhandeln.« Das gelte nicht nur für den öffentlichen Dienst, sondern auch für den privaten Bereich der Pflege. Auch hier sei tarifliche Entlohnung und Bezahlung zu fordern.

Aufstiegschancen müssen reell sein

Neben einer den Leistungen von Pflegekräften angemessenen Vergütung gehe es aber auch darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, ergänzte Irlstorfer. Das Berufsbild sei geprägt von hoher Fachkompetenz. Diese könne nur durch Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung und reellen Aufstiegschancen sichergestellt werden. Deshalb müsse alles darangesetzt werden, entsprechende Qualifizierungsmöglichkeiten zu schaffen. Parallel dazu sei es erforderlich, Planbarkeit für die Einrichtungen zu schaffen. »Für die Menschen, die in der Pflege arbeiten, brauchen wir verlässliche Arbeitspläne mit festen Pausen. Wir brauchen ein solides Personalmanagement und professionelle Teams, die personell gut ausgestattet sind.« Hierarchien sollten möglichst flach gehalten werden. »Wir sollten die Menschen, die in der Pflege arbeiten, stärken durch Wissen«, postulierte Irlstorfer. Zudem dürfe nicht versäumt werden, die Chancen durch die Digitalisierung sinnvoll zu nutzen. In diesem Zusammenhang forderte er, dass Zeitgewinne, die durch die digitale Dokumentation von Patientendaten erreicht werden, direkt den Pflegekräften zugutekommen. »Es reicht nicht, den Einrichtungen Geräte und Programme zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen die zeitlichen Ressourcen zum Lernen.« Außerdem plädierte er dafür, dass das ärztliche Personal einen Teil seiner therapeutischen und medizinischen Aufgaben an gut ausgebildete Pflegekräfte zu delegieren. Verantwortung abzugeben beweise Vertrauen und fördere wiederum die Motivation. Die Umsetzung dieser wegweisenden Veränderungen und Strukturen bedeute einen Motivationsschub für das Personal und sei eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft.

Am Beispiel der Onkologie erläuterte Dr. Manfred Welslau, Chefarzt der Hämatologie und internistische Onkologie und Leiter des onkologischen Zentrums am Klinikum Aschaffenburg, die aktuellen Probleme in der Patientenversorgung. Die Zahl der Patienten mit Krebserkrankungen nimmt stetig zu - zum einen wegen der demografischen Entwicklung, zum anderen aber auch wegen der präziseren Diagnostik und der besseren Therapiemöglichkeiten. Krebs wird immer mehr zu einer chronischen Erkrankung und es herrscht Konsens darüber, dass Patienten mit einer unheilbaren Tumorerkrankung frühzeitig eine palliative Begleitung angeboten werden sollte. Die längeren Behandlungs- und Überlebenszeiten stellen Ärzte und Pflegende vor neue Herausforderungen, vor allem im Hinblick auf die in Deutschland favorisierte wohnortnahe palliative Versorgung. In Bezug auf die Digitalisierung seien mittlerweile Fortschritte zu verzeichnen. »Deutschland ist das erste europäische Land, wo digitale Gesundheitsanwendungen rezeptfähig geworden sind«, hob Welslau hervor. Patienten, die digitale Gesundheitsanwendungen nutzen, müssten aber weiterhin auch ärztlich betreut werden - eine weitere Herausforderung. Dem stehe ein Mangel an Fachärzten und ein eklatanter Mangel an Pflegekräften gegenüber. (ots)



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