06. April 2017, 19:56 Uhr

Die unheimliche Krankheit

06. April 2017, 19:56 Uhr
Der Weltgesundheitstag steht im Zeichen der Krankheit Depression. (Foto: dpa)

Die Online-Seiten mit Scheidungstipps hat Dorothea Möller gespeichert. Damals, mitten im Winter, ging nichts mehr. Ihr Mann zahlte eine horrende Büromiete, ging aber nie in seine Anwaltskanzlei. »In drei Monaten verlor er fast zehn Kilo, stand lautstark um vier Uhr morgens auf und wich jeder Nachfrage oder Berührung aus«, erinnert sich die 52-jährige Berlinerin. Als er davon redete, sich am liebsten vor die S-Bahn zu werfen, ging Dorothea Möller mit ihrem Mann zum Hausarzt. Dort sprach sie ihren Verdacht auf eine Depression aus. »Warten Sie drei Monate, dann wird das besser«, sagte der Arzt. Für alle Fälle gab er dem Paar die Nummer einer Psychologin.

Nichts wurde besser. Der Hausarzt vermutete Sauerstoffmangel im Schlaf. Die Psychologin brauchte zehn Sitzungen, um kein Job-, sondern ein Partnerschaftsproblem in Betracht zu ziehen. Da war Dorothea Möller schon ausgezogen. »Ich habe jede Form von Partnerschaft vermisst«, sagt sie. Gesprächsangebote habe er abgelehnt. Es dauerte ein Jahr, bis ihr Mann Hilfe beim Psychiater suchte und die Diagnose »mittelschwere Depression« erhielt. Da war er bankrott.

Es ist ein Beispiel von vielen, für das am 7. April der Weltgesundheitstag unter dem Motto »Depression – Let’s talk« steht. Reden scheint nötig. Denn noch immer sind Depressionen vielfach mit einem Tabu belegt – besonders bei Männern.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Im Laufe eines Jahres erkranken nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mehr als 5,3 Millionen Bundesbürger daran. Depressionen seien die häufigste Ursache der jährlich rund 10 000 Suizide.

Nach einer Analyse des Robert-Koch-Instituts (RKI) zählen Depressionen zu den häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Sie machten weder Halt vor dem Alter noch vor dem sozialen Status. »Psychische Erkrankungen haben etwas Unheimliches«, sagt Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Leipzig. Es verändere sich nicht nur ein Organ oder Körperteil, sondern das Innerste. Das sei für die Betroffenen kaum erträglich.

Eine Depression ist keine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, Stress oder Probleme. »Es ist eine schwere Erkrankung«, betont Hegerl. Viele verwechselten Depression mit »schlecht drauf sein«. Oft treffe sie Menschen, die als Gesunde sehr verantwortlich und leistungsorientiert seien.

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