27. April 2021, 21:23 Uhr

Offener Brief

Kinocenter nicht abreissen, sondern anpassen

In einem offenen Brief an Besitzer und Betreiber des Kinocenters haben sich zahlreiche Vertreter der Kulturszene für den Erhalt des Kinos eingesetzt. Dafür schlagen sie aber Veränderungen vor.
27. April 2021, 21:23 Uhr
Die Kulturszene zeigt sich bestürzt über den geplanten Abriss des Kinocenters. FOTO: SCHEPP

In einem offenen Brief haben sich Vertreter der Gießener Kulturszene in großer Zahl an die Adam Henrich Lichtspiel GmbH als Eigentümer und das Kinopolis-Management als Betreiber des Kinocenters gewandt und ihre Bestürzung über den geplanten Abriss des Kinocenters zum Ausdruck gebracht. »Kulturräume von der Qualität und Größe des Kinocenters« seien wichtig, betonen sie. Die Lage »im Zentrum einer Vorzeigestadt junger, städtischer Dynamik mit einem der höchsten Studierendenanteile deutschlandweit« sei nicht nur prädestiniert für einen erfolgreichen Kulturstandort mit passgenauem Profil, sondern es herrsche bereits jetzt schon ein eklatanter Mangel an Kultur-, Ausgeh- und Veranstaltungsorten dieser Qualität und Größe in Gießen. Es zeichne sich das dystopische Bild einer reinen Wohn- und Einkaufsstadt ab, in der Orte des Zusammenkommens, des sozialen Austauschs und des gemeinsamen Kulturgenusses verdrängt würden. Dies bedrohe nicht zuletzt auch die mittelfristige Attraktivität des Immobilienstandorts, denn für ansprechenden Wohnraum seien nämlich auch Kulturdarbietungen in Laufnähe von essenzieller Bedeutung.

Kinosäle umnutzen?

Dass nun auch Unternehmen der Kulturbranche - wie die beiden Adressaten - diese Entwicklung vorantrieben, sei für die Stadt und ihre Bewohner fatal. »Denn wer wenn nicht sie soll künftig Flächen für diese menschlichen Grundbedürfnisse, die nicht zuletzt auch prägend für den urbanen Charakter eines Gebiets sind, anbieten?« Dass aufgrund der Entwicklungen rund um den Online-Streaming-Markt ein eigenständiges Programmkino in Gießen grundsätzlich nicht mehr betrieben werden könne, wird »im höchsten Maße« bezweifelt. Bundesweit zeigten viele Kinos in zum Teil kleineren Städten als Gießen, dass »mit einem anspruchsvoll kuratierten Programm, einem liebevoll und engagiert gestalteten Ort und öffentlicher Förderung weiterhin dauerhaft attraktive und gut frequentierte Kulturkinos betrieben werden können.« Dennoch würde man eine Anpassung der Programm- und Infrastruktur des Kinocenters an die besonderen Kulturbedürfnisse in Gießen begrüßen. Ergänzend zu einem verkleinerten Kinobetrieb in einem bis zwei Sälen wird die Umnutzung der verbleibenden Kinosäle für kulturelle Veranstaltungen verschiedener Art (Konzerte, Kabarett, Lesungen etc.) angeregt. Ein solcher Veranstaltungsort gehöre gewissermaßen zur Grundausstattung jeder Stadt, »wäre in Gießen in dieser Größe jedoch bislang konkurrenzlos«. Idealerweise würde eine Gastronomie im Eigenbetrieb (Café oder Bar) die Wirtschaftlichkeit ergänzen.

Die Unterzeichnenden bieten Unterstützung bei Konzeption und Programmgestaltung einer solchen kulturellen Veranstaltungsstätte an. Sie sind überzeugt, »dass aus dieser Zusammenarbeit ein florierender Ort städtischen Lebens entstehen kann«. Des Weiteren seien sie bereit, sich bei der Stadt und anderen geeigneten Förderstellen für finanzielle Strukturförderung eines solchen neuen Kinocenters einzusetzen. Sie bitten eindringlich, vom Abriss des ältesten und damit geschichtsträchtigsten Kinos der Stadt abzusehen.

Unterschrieben ist der Brief von einem breiten Spektrum der Gießener Kulturszene, darunter Schauspieler, Musiker, bildende Künstler, aber auch kulturelle Initiativen und Vereine wie das Literarische Zentrum, die Galerie 23, die Kulturloge oder der Neue Kunstverein.

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