15. Juni 2020, 21:56 Uhr

Mahnwache

Gießener setzen Zeichen gegen Rassismus

350 Menschen haben sich in Gießen an einer Mahnwache gegen Rassismus beteiligt. Auch hier wurden die Rufe lauter, den Begriff »Rasse« im Grundgesetz zu streichen.
15. Juni 2020, 21:56 Uhr
Rassismus sei auch in Deutschland ein alltägliches Phänomen, sagen die Vorsitzenden der Ausländerbeiräte, Zeynal Sahin (2. v. r.) und Tim van Slobbe (r.). FOTO: CSK

Rechtsextreme Anschläge häufen sich. Halle, Hanau, Kassel: Der Tod des schwarzen Amerikaners George Floyds in Minneapolis vor drei Wochen, verursacht durch einen weißen Polizisten, lieferte nur den jüngsten Anlass für die Mahnwache der Ausländerbeiräte von Stadt und Landkreis Gießen am Samstagnachmittag auf dem Kirchenplatz.

»Kein Platz für Rassismus« hieß das Motto der halbstündigen Kundgebung - und gut 350 Menschen folgten dem Aufruf, öffentlich Flagge zu zeigen. Die Redner erinnerten zwar an die Gewalttat in den USA. Vor allem aber richteten sie den Blick auf Rassismus hierzulande. »Morde durch Rechtsextremisten sind in Deutschland nicht mehr außergewöhnlich«, sagte zum Beispiel Tim van Slobbe, der Vorsitzende des Kreisausländerbeirats.

Die Spur des Fremdenhasses verfolgte er bis nach Mittelhessen. Auch »in und um Gießen« machten Ausländer immer wieder »Erfahrungen der rassistischen Diskriminierung«. Das einzige wirksame Mittel dagegen sei Zivilcourage: »Wehrt euch gegen die Ideologien der Ungleichwertigkeit, gegen Rassismus, gegen Rechtsextremismus, gegen Faschismus!«, forderte van Slobbe. »Steht zusammen in Solidarität!«

In Gießen: Einstehen gegen Rechtsextremismus und Faschismus

Ähnlich wie sein Vorredner brandmarkte auch Zeynal Sahin, Vorsitzender des städtischen Ausländerbeirats, besonders die AfD als politischen Arm der extremen Rechten. In den Parlamenten mache die Partei »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit salonfähig« und biete dieser so eine »Lobby«, kritisierte Sahin in seiner kurzen Rede.

»I can’t breathe«, die letzten Worte George Floyds, taugten auch als Metapher für das Problem insgesamt. Denke man das Bild weiter, »dann ersticken Menschen eigentlich täglich bei ihrem Versuch, an der westlichen Welt teilzuhaben«. Konkret nannte Sahin jene 1319 im Jahr 2019 im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge, die in offiziellen Daten der UN stünden. »Rassismus kennt keine Grenzen«, folgerte er. Und: »Rassismus tötet.«.

In Gießen: Demonstranten erinnern an Opfer des Terroranschlags von Hanah

Etliche Teilnehmer der Mahnwache, zum Beispiel Aktivisten von Amnesty International, der Alevitischen Gemeinde Gießen, der Jusos und der Grünen Jugend, verliehen ihren politischen Botschaften auf Plakaten Ausdruck. Mit dem Hashtag «#Saytheirnames« erinnerten manche namentlich an die zehn Opfer des Terroranschlags von Hanau. Außerdem waren Slogans wie »White Silence is Violence« zu sehen. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) plädierte nachdrücklich für eine Neuerung in Artikel 3 Grundgesetz, der die Gleichheit vor dem Gesetz festschreibt. Das Wort »Rasse« müsse aus dem Text gestrichen werden, erklärte sie. Eine entsprechende Debatte hatten auf Bundesebene unlängst die Grünen angeschoben. Hintergrund: Bereits die Begrifflichkeit, die die »Rasse« als Merkmal eines Menschen in der Verfassung nenne, habe als fremdenfeindlich zu gelten. Der Rassismus selbst, sagte Grabe-Bolz, sei »nicht nur ein politisches, sondern ein gesellschaftliches Problem«. Seine Denkweisen fänden sich »in allen Teilen der Gesellschaft«. »Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus dürfen aber keinen Platz bei uns haben«, betonte die Oberbürgermeisterin.

Weitere Redebeiträge kamen von der Eritreischen und der Jesidischen Gemeinde sowie den »Omas gegen rechts«. Die Ordnungspolizei nutzte eine kurze Pause, um die alles in allem sehr disziplinierten Teilnehmer auf die Sicherheitsabstände und die Mundschutzpflicht hinzuweisen.

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