07. November 2019, 21:26 Uhr

»Politik repräsentiert untere Schichten nicht«

07. November 2019, 21:26 Uhr
Preisträgerin Dr. Lea Elsässer (2. v. l.) mit OB Dietlind Grabe-Bolz (l.), Prof. Dr. Armin Schäfer (Laudator und Doktorvater) sowie Annette Wiese (Urenkelin von Wilhelm Liebknecht).

In einer öffentlichen Feierstunde hat der Magistrat der Universitätsstadt Gießen den Wilhelm-Liebknecht-Preis an Dr. Lea Elsässer verliehen.

Mit dem Preis wird ihre hervorragende Dissertation zum Thema »Wessen Stimme zählt? Soziale und politische Ungleichheit in Deutschland« gewürdigt.

Der Magistrat folgt mit dieser Entscheidung dem Auswahlgremium, das aus Vertreterinnen und Vertretern der Justus-Liebig-Universität, des Oberhessischen Geschichtsvereins, Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und von den in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien benannten Personen besteht.

Grabe-Bolz stellte in ihrer Rede fest, dass auch 150 Jahre nach Wilhelm Liebknechts leidenschaftlichem Einsatz für die Rechte der Arbeiterbewegung die Forderung nach einer Verbindung zwischen politischer und sozialer Gleichheit noch hochaktuell ist. Warum dies so sei, darauf könne die Arbeit von Elsässer Schlaglichter werfen, lobte Grabe-Bolz. Die Autorin zeige in ihrer Arbeit auf, dass die politische Gleichheit per Wahlgesetz zwar gewahrt sei, dass aber »Politik die Interessen der Wähler der unteren Schichten im Handeln nicht repräsentiert«; dass dadurch die soziale Schere weiter auseinander klaffe; und dass damit, so sagt es Elsässer, »das Gleichheitsversprechen der Demokratie verletzt wird«. Aus Sicht von OB Grabe-Bolz lohnt es sich, sich mit diesem Untersuchungsergebnis auseinanderzusetzen - besonders für die politischen Verantwortungsträger.

In der Laudatio betonte Professor Armin Schäfer den besonderen Verdienst der Preisträgerin, die Responsivitätsforschung auf Deutschland übertragen zu haben. In diesem Feld wird der Frage nachgegangen, in wie weit sich die Entscheidungen der Politik an den Meinungen und Interessen von Wählern orientieren. Mit hohem Aufwand habe Elsässer das bestehende Meinungsbild in der Bevölkerung, wie es sich in Umfragen ausdrückte, mit den Entscheidungen des Bundestages verglichen. Als Ergebnis stellt sie eine Schieflage der Entscheidungen zuungunsten sozioökonomisch Benachteiligter fest.

»Der Verlust von Vertrauen in die Politik ist dem Umstand geschuldet, dass die eigenen Interessen und Meinungen eben nicht zählen. Nicht gefühlt, sondern real«, sagte Elsässer in ihrer Rede zur Preisverleihung. Wenn sich das Auseinandergehen der Schere zwischen arm und reich in den Entscheidungen des Bundestages als Benachteiligung der prekären Bevölkerungsgruppen wiederfinde, sei dies eine Gefahr für die Demokratie. Ein Schluss, der auch Wilhelm Liebknecht interessiert hätte. (Foto: pm)

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