24. Februar 2017, 19:36 Uhr

Die vermutete Gesinnung entscheidet

24. Februar 2017, 19:36 Uhr
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Aus der Redaktion

Zu: »Rechte Tendenzen im MT machen mir Angst« von Volkmar Heitmann, WZ vom 10. Februar und »Das geht an die christliche Wertesubstanz« von Edmund Bonnert, WZ vom 18. Februar

Ich hatte in meinem Leserbrief von 27. Januar die CDU davor gewarnt, dass sie durch die Übernahme rot-grüner Positionen zulasten des Rechtsstaates ihre konservativen Stammwähler verliert, ohne neue rot-grüne Wähler zu gewinnen. Die letzten Umfrageergebnisse bestätigen dies.

Herr Heitmann nennt mich einen »Fundamentalisten«, der insgeheim einen Gottesstaat anstrebt, weil mein Fundament die Wahrheit der Bibel ist. Damit bin ich jedoch an das Wort Jesu »mein Reich ist nicht von dieser Welt« gebunden, das jeden »Gottesstaat« verbietet. Allerdings ist auch Herr Heitmann ein Fundamentalist, völlig davon überzeugt, im Besitz der politischen Wahrheit zu sein. Da aus seiner Sicht ein Rechts-staat offenbar »rechts« ist, hätte er wohl lieber einen »Linksstaat«. Beide Varianten entstanden fast gleichzeitig: Die erste moderne Demokratie in Amerika wurde von Christen gegründet, die Herr Heitmann heute »fundamentalistisch« nennen würde. Sie ist geprägt durch die Gebote vier bis zehn, auf denen die Menschenrechte beruhen. Der erste »Linksstaat« wurde von Atheisten in der Französischen Revolution gegründet. Während die USA dank einer christlichen »Sperrminorität« bis heute ein freies Land sind, schlug der »Linksstaat« sofort in eine Gesinnungsdiktatur um. Seit Robespierre versuchten alle sozialistischen Machthaber von Lenin bis Pol Pot, ein »Reich der Freien und Gleichen« herbeizuzwingen. Diese völlig misslungenen Experimente haben allein im 20. Jahrhundert weitaus mehr Menschen das Leben und die Freiheit gekostet als alle »Gottesstaaten« der Geschichte zusammen.

Der Grund für das totalitäre Regime der »Linksstaaten« ist Rousseaus Idee einer »Zivilreligion«, die jeden Bürger bei Androhung der Todesstrafe auf die »richtige« Gesinnung verpflichtete.

Heute heißt die Zivilreligion Political Correctness. Den Unkorrekten, so sah es Alexis de Tocqueville voraus, droht nicht mehr die Guillotine, sondern die gesellschaftliche Ächtung. Dabei entscheidet nicht die tatsächliche, sondern die vermutete Gesinnung, sodass jeder jeden als »Rechten« verdächtigen kann. Was ein als solcher Identifizierter schreibt, kann nur bösartig oder dumm sein und ist zudem gefährlich. Um die »Gefahr« abzuwenden, fühlt sich der politisch korrekte Herr Heitmann legitimiert, mir alles Üble, vom Antisemitismus bis hin zur Gründung eines »pseudochristlichen IS«, zu unterstellen. Der Angriff richtet sich nicht gegen die Argumente, sondern auf die Zerstörung der Person, ihrer Glaubwürdigkeit, ihres Rufs, ihrer Würde.

Und natürlich erwartet Herr Heitmann von der WZ, die Veröffentlichung solch »rechter Tendenzen« künftig zu unterbinden. Als Christ habe ich das Privileg, Herrn Heitmann trotz seiner Diffamierungen nicht als meinen Feind zu sehen und ihn sogar zu segnen. Allerdings wird diese Art der politischen Auseinandersetzung umso mehr unsere politische Kultur prägen, je weiter selbst in der CDU das christlich-bürgerliche Element zurückgedrängt wird.

Deshalb sollte uns nicht ein imaginärer »Gottesstaat« Angst machen, sondern die Verwandlung unseres Rechtsstaates in einen Gesinnungsstaat.

Prof. Wolfgang Leisenberg , Bad Nauheim



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