15. Dezember 2010, 18:44 Uhr

Flurbereinigung und Renaturierung der Nidder

Nidderau (pm). Es handelt sich um die größte Tausch- und Kaufbörse in der Geschichte Nidderaus. Beteiligt sind die Stadt, das Amt für Straßen- und Verkehrswesen (ASV) Gelnhausen, vertreten durch das Amt für Bodenmanagement Büdingen, und weit über 500 Grundstückseigentümer. Das Stichwort lautet Flurbereinigung. Auslöser der Tauschbörse ist der Bau der Ortsumgehung der Bundesstraße 45.
15. Dezember 2010, 18:44 Uhr

Für die Eingriffe in die Natur müssen ASV und Stadt möglichst naturnahe Ausgleichsflächen, so genannte Entwicklungskorridore für die Natur, schaffen. Zudem will die Stadt den Hochwasserschutz verbessern, indem die Nidder und ihre Zuflüsse mehr Freiraum erhalten. Retentionsraum schaffen, lautet die Maxime.

Während der Bau der B 45-Ortsumgehung Millioneninvestitionen erfordert, wird in der Tausch- und Kaufbörse Flurbereinigung sozusagen nur Kleingeld bewegt. Deutlich unter 500 000 Euro sind erforderlich, damit Stadt und ASV über das Amt für Bodenmanagement Ausgleichsflächen erwerben können. »Es ist ein Puzzle von mehr als 1000 Teilen, die am Ende zu wenigen großen Teilen zusammengefügt werden«, erklärt Projektleiter Onno Diddens vom Amt für Bodenmanagement. Die Gesamtfläche zur Neuordnung umfasst knapp 900 Hektar Ackerland, Brachflächen und Wiesen rund um Heldenbergen und Windecken. Für die neue Trasse der B 45 muss allein das ASV rund 55 Hektar ankaufen - zu Preisen zwischen zwei und fünf Euro je Quadratmeter. Für knapp 53 Hektar sind die Kaufverträge bereits unterzeichnet.

1800 Flurstücke

Flurbereinigung bedeutet, dass die Eigentumsverhältnisse bis hin zum Grundbucheintrag neu geordnet werden. Im konkreten Fall handelt es sich um über 1800 Flurstücke. Das Amt für Bodenmanagement als Behörde, die alle Beteiligten an einen Tisch bringt, genießt den Vorteil, dass sie allein den Ankauf ohne Notar durchführen kann. Zudem sollen alte, nicht mehr benötigte Wege beseitigt und neue, optimierte Verbindungen für Landwirte und Spaziergänger angelegt werden. Im Verbund mit der Nidderrenaturierung entsteht ein neues Wege- und Gewässernetz. Doch das alles braucht Zeit: Der Prozess Flurbereinigung ist auf zwölf Jahre angesetzt. Begonnen wurde in Nidderau 2008, aber allein vier Jahre sind als Planungszeitraum angesetzt. Vor 2013, so Onno Diddens, wird sich an Wegen und Routen wenig ändern. Schließlich müssen die Verbesserungsvorschläge der eingeschalteten Gutachter für Wegenetz und Renaturierung nicht nur mit den Trägern öffentlicher Belange wie den Naturschutzbehörden abgestimmt werden, auch die Gesetze für Natur- und Artenschutz gilt es zu beachten. »Werden Lebensräume von Wachteln, Feldhamster und Lärchen zerschnitten, werden vom Wegebau bedrohte Pflanzen zerstört, lauten die Fragen, die wir beantworten müssen«, sagt der zuständige Landschaftspfleger Johannes Fischer vom Amt für Bodenmanagement.

Die Nidder und ihre Zuflüsse im Blick hat die Stadt bei der Renaturierung. In der Gemarkung Heldenbergen sind drei, in Windecken zwei große Maßnahmen projektiert. Größte Einzelmaßnahme ist die Nidder nordöstlich von Heldenbergen in Richtung Eichen, an einer Stelle, in der das Flüsschen sich in einem markanten S-Bogen windet. Dort möchte die Stadt rund sieben Hektar Wiese ankaufen, einen »Schutzstreifen« entlang des Ufers schaffen und bestehende Dämme abtragen, damit die Nidder bei Hochwasser schneller ihr Wasser auf die angrenzenden Wiesen verteilen kann. Zusätzlich sollen auf den Wiesen Mulden und temporäre Tümpel entstehen, um den »Natura 2000«-Status zu erreichen, das höchste Gütesiegel der EU, erklärt Jürgen Hartenfeller vom Fachbereich Stadtentwicklung und Bauwesen im Rathaus. Zweitens soll der Landwehrgraben auf der kompletten Länge von seinem Ursprung an der Ortsrandlage zu Kaichen und durch die Baugebiete Allee Mitte und Süd eingebremst werden. Statt eine bessere Flutrinne zu sein, soll sich der Landwehrgraben in ein Bächlein mit Schleifen, so genannten Mäandern, und flachen Buchten verwandeln. Drittens erhält der nördlich von Heldenbergen gelegene Krebsbach vom Naturschutzgebiet Krebsbachtal bis zur Mündung in die Nidder an beiden Ufern einen jeweils zehn bis 30 Meter breiten »Schutzstreifen«, der der Natur überlassen wird.

»Zweistromland«

In Windecken, jenseits der künftigen Ortsumgehung der B 45 in Richtung Kilianstädten, wollen die Planer die Nidder auf einige Dutzend Meter wieder zu einem »Zweistromland« machen. Ein neuer Altarm soll entstehen. Auch im Uferrandbereich der Nidder Richtung Kläranlage ist beabsichtigt, Flächen anzukaufen und damit unter anderem das bestehende Vogelschutzgebiet zu vergrößern. Fünfte Maßnahme der Renaturierung ist der Sirzbach, der südlich von Windecken an der Gemarkungsgrenze zu Roßdorf entspringt und ab dem Baumarkt unterirdisch in die Nidder weitergeleitet wird. Eine Möglichkeit wäre, den Durchlass zu reduzieren, wodurch sich der Sirzbach bei Starkregenfällen jenseits der Ortsgrenze in einen See auf Zeit verwandeln könnte.

Doch auch bei der Schaffung für mehr Freiraum für die Nidder gilt wie bei der Flurbereinigung »Gut Ding will Weile haben«. Rund 30 000 Euro stehen pro Jahr für den Grunderwerb zur Verfügung. Bürgermeister Gerhard Schultheiß rechnet bei der Renaturierung mit einem Zeitraum von mindestens zehn Jahren.



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