03. Dezember 2008, 18:40 Uhr

»Besser als wie nix«: Mittelhessen-Revue ist startklar

Wetzlar (pm). Unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wurde der Videoclip »Ich bin von der Wetterau« der heimischen Gruppe »Zuckerstein« zum Renner: In der ersten Woche hatte der vierminütige Streifen bereits mehr als 100 000 Besucher auf dem Internet-Video-Portal »Sevenload« zu verzeichnen. Der Hessische Rundfunk wurde auf die Gruppe aufmerksam und adelte ihre erste CD mit dem Titel »Waselebe« (»Was für ein Leben«) zur »kultverdächtigen Trekker-Romantik vom Feinsten«. Am Samstag, 6. Dezember, tritt »Zuckerstein« erstmals live auf - mit »Besser als wie nix«, einer Mittelhessen-Revue in zwei Akten.
03. Dezember 2008, 18:40 Uhr
Ritchie und Charly Weller (Foto: pm)

»Zuckerstein«, Anfang 2007 gegründet, hat sich vorgenommen, der Region Mittelhessen mit Liedern und Szenen eine kulturelle Identifikation zu liefern. Frontleute der Truppe sind die Folk-Sängerin Ritchie und der Filmregisseur Charly Weller, die beide in Wetzlar zur Schule gegangen sind. Charly Weller, dessen Filme (wie bereits ausführlich berichtet) neben anderen Auszeichnungen den Adolf-Grimme-Preis, den »Prix du Jury« der Filmfestspiele in Cannes und den Max-Ophüls-Förderpreis erhielten, hatte als Erstlingswerk fürs ZDF eine Hommage an seine Heimatstadt - den Streifen »Wetzlar ist nicht Washington« - realisiert, in dem er auch selbst die Hauptrolle spielte.

Zur Musik fand er erst vor drei Jahren: »Irgendwann lag ich im Bett und überlegte, ob ich in diesem Leben noch ein Instrument würde lernen können oder nicht. Mein Favorit war damals Akkordeon. Und wie durch ein Wunder bin ich eine Woche später im Kino ‘Traumstern’ in Lich Helmut Fischer begegnet, dem wohl besten Akkordeonisten hier in der Gegend. Schon eine Woche später hat er begonnen mir Unterricht an dem Instrument zu geben.«

Irgendwann hatte Helmut Fischer ihm dann eine CD mit irischer Musik vorgespielt, die er mit seinem Akkordeon begleitet hatte. »Da hat eine Frau so toll drauf gesungen, dass ich mich total und auf der Stelle in diese Stimme verliebt habe«, erklärt Weller seinen damaligen Eindruck, und: »Als der Helmut dann gesagt hat, das wäre die Ritchie, die ich ja kannte, weil sie auf der Lotteschule eine Klasse unter mir war, konnte ich das zuerst echt nicht glauben.«

Es dauerte nicht lange, da war Weller nicht nur in die Stimme verliebt, die er da auf der CD gehört hatte, sondern auch in die Frau, der diese wunderbare Stimme gehörte. Und weil es auch bei ihr vom ersten Moment ihres Wiedersehens nach -zig Jahren gefunkt hatte, wurden Ritchie und Charly Weller bald darauf ein Paar.

Bald nahm die Musik einen festen Platz im Leben der beiden ein. Es entstanden erste Lieder mit eigenen Texten, die bei privaten Festen zum Besten gegeben wurden und rasch Anklang fanden. Und irgendwann wollte man nicht mehr alleine vor sich hin musizieren, sondern eine Band gründen.

»Die ‘Bundesband’ war unsere erste Adresse«, erklärt Weller. »Wir hatten sie im ‘Irish Pub’ in Gießen gesehen und fanden sie richtig gut. Deshalb haben wir sie angerufen und gefragt, ob sie sich vorstellen könnten neben der Bundesband auch mit uns Musik zu machen.«

So kam es zu einem ersten Treffen im »Kesselbach-Studio« in Grünberg-Lumda, dem Übungsraum der »Bundesband«, an das sich Gitarrist Martin Bandt wie folgt erinnert: »Irgendwie war da von Anfang an eine Mischung von Kraft und Originalität - sowohl in den Texten als auch in der Musik, die von den beiden ausging, dass wir keine Sekunde gezögert hatten uns darauf einzulassen. In diesen Liedern wurden sehr grundsätzlich Gefühle des Alltags auf eine Art und Weise besungen, wie ich sie lustiger und intelligenter und auf unsere Region bezogen zuvor nie gehört hatte.«

»Ich hatte ja nur in der Kindheit manchmal deutsch gesungen; danach immer nur englisch«, so Ritchie Weller zu den »Zuckerstein«-Anfängen. »Deshalb fiel es mir am Anfang nicht gerade leicht, mich auf deutsche Texte einzulassen. Aber als ich dann die tollen Reaktionen der Leute mitbekam, die uns gehört hatten, ist mir klar geworden, was für ein Reichtum in unserer Sprache steckt. Den vermag man gar nicht zu ermessen, weil er einen ständig umgibt.« Den ersten Auftritt hatte »Zuckerstein« im vergangenen Jahr, als Ritchie und Charly sich ihr Jawort gaben. »Zu dem Zeitpunkt hatte der Charly noch sehr mit der Musik zu kämpfen, weil er nicht auf einen musikalischen Hintergrund zurückgreifen konnte wie wir anderen«, erinnert sich Drummer Georg Victor. »Weil er aber als Regisseur einfach ein guter Beobachter ist, hat er ganz andere und meist sehr verblüffende Orientierungsmuster aktiviert. Zudem hat er wirklich sehr an sich gearbeitet . . »

»Am meisten Muffe hatte ich vor den Spielszenen«, beschreibt Bassist Michael Muth (Mitbetreiber des Tonstudios Kesselbach) seine Erfahrung in der Gruppe. »Aber als ich mitgekriegt habe, wie wir unseren Videoclip zu dem Lied »Ich bin von der Wetterau« gedreht haben, hatte ich keinen Zweifel, dass wir das auch hinkriegen würden. Wir hatten gerade mal zwei Stunden Zeit für den Dreh. Obwohl niemand die Location zuvor gesehen hatte, lief alles wie am Schnürchen. Wir hatten zwischendurch ausgesprochen wenig Durchblick, was der Charly da alles vor und besonders hinter der Kamera veranstaltete. Erst im Nachhinein bekam alles einen Sinn und ließ erkennen, dass Charly eine 100-prozentige Vorstellung hatte, wie das fertige Video mal aussehen sollte.«

Keyboarder Manni Klein, der auch Saxophon und Akkordeon spielt, beschreibt den musikalischen Hintergrund der Gruppe folgendermaßen: »Manchmal hatte ich echt Gänsehaut, wenn Charly und Ritchie auf ihre einzigartige Weise die erste Fassung von einem Lied vorgetragen hatten. Bei »Gegesse wird dahaam« ging mir das zum Beispiel so. Da habe ich sofort gemerkt, dass da ein Potenzial an Witz, Klarheit, Allgemeinverständlichkeit, Gefühl und was weiß ich noch alles drin steckt, dass dieses Lied alle Qualitäten für einen Hit hat. Da läuft einem schon mal die Gänsehaut den Rücken runter und signalisiert, wie toll es ist ein Teil dieser Formation zu sein.«

»Zuckerstein« verspricht als Chronist der Region intelligente Unterhaltung rund um die Anarchie des mittelhessischen Alltags. In der abendfüllenden Revue »Besser als wie nix« erzählen die Lieder und Szenen mal liebevoll, mal augenzwinkernd, mal bissig von den Ängsten und Wünschen, die das Leben der Menschen in Mittelhessen bestimmen.

Die sechs musikalischen Akteure leisten kulturhistorische Aufklärung- etwa dahingehend, dass das Jodeln nicht aus den Alpen, sondern vom »Hoherodskopp« stammt. Sie beleuchten das Wesen des »homo sapiens gasskehris«, besingen in »Wetzlar« (»Du mein Viagrar«) die Leica als das Herz ihrer Heimatstadt. Sie warnen vor den Folgen, wenn eine Frau »Nix an zum ziehen« hat, oder beschreiben was es bedeutet, wenn« . . . ein Opel aus Niederkleen einen glatt hat überseh’n«. Und mit ihrem Lied »gleich, gleich, . . .« (der mittelhessischen Antwort auf »Je t’aime . . . moi non plus«) offenbaren sie schonungslos, was in den Schlafzimmern dieses Landes wirklich abgeht.

 

Revue-Premiere und CD-Vorstellung am Samstag, 6. Dezember, 20 Uhr, im »Harlekin« in Wetzlar (Güllgasse 9, Tel. 06441-45035; Eintritt 12 Euro; <%LINK auto="true" href="http://www.zuckerstein.de" text="www.zuckerstein.de" class="more"%>).



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