19. Oktober 2008, 21:10 Uhr

Ein singender Geschichtenerzähler findet keine Ruhe

Wetzlar (chl). Er ist schon ein bunter Hund, dieser Reinhard Mey, zumindest im Geiste. Deutschlands wohl bekanntester Liedermacher steht zwar mit »eisgrauer Schnauze«, aber »gesundem Gebiss«, dem üblichen Stoppelbart, in schwarzem Hemd und Jeans ganz allein 4200 Zuhörern in der ausverkauften Wetzlarer »Rittal-Arena« gegenüber, doch bekennt sich der 65-Jährige als Straßenköter und Vagabund. So zumindest in dem Lied »Bunter Hund«, das seiner aktuellen Herbsttournee und seinem aktuellen, nunmehr 24. Studioalbum den Namen gegeben hat. Zeilen wie »Überall steck' ich meine Nase rein« oder »Ich schnüffel ungeniert in allen Winkeln« stehen programmatisch für den inhaltlichen Rundumschlag, den sich Mey - nach drei Jahren wieder auf Tour - vor seinen Fans leistet. Sozialkritisch, das Leben resümierend, liebend, alltägliche Unarten filetierend, melancholisch, frech und auch politisch sinnt der Ton. »Da bin ich wieder«, begrüßte er sein Publikum am Freitag, glücklich darüber, dass sie ihn nicht vergessen haben, und allen Skeptikern zum Trotz, dass die alte Schule der deutschen Liedermacher längst nicht klein zu kriegen ist.
19. Oktober 2008, 21:10 Uhr
Begeisterte über drei Stunden sein Publikum: Reinhard Mey (Foto: chl)

Wetzlar (chl). Er ist schon ein bunter Hund, dieser Reinhard Mey, zumindest im Geiste. Deutschlands wohl bekanntester Liedermacher steht zwar mit »eisgrauer Schnauze«, aber »gesundem Gebiss«, dem üblichen Stoppelbart, in schwarzem Hemd und Jeans ganz allein 4200 Zuhörern in der ausverkauften Wetzlarer »Rittal-Arena« gegenüber, doch bekennt sich der 65-Jährige als Straßenköter und Vagabund. So zumindest in dem Lied »Bunter Hund«, das seiner aktuellen Herbsttournee und seinem aktuellen, nunmehr 24. Studioalbum den Namen gegeben hat. Zeilen wie »Überall steck' ich meine Nase rein« oder »Ich schnüffel ungeniert in allen Winkeln« stehen programmatisch für den inhaltlichen Rundumschlag, den sich Mey - nach drei Jahren wieder auf Tour - vor seinen Fans leistet. Sozialkritisch, das Leben resümierend, liebend, alltägliche Unarten filetierend, melancholisch, frech und auch politisch sinnt der Ton. »Da bin ich wieder«, begrüßte er sein Publikum am Freitag, glücklich darüber, dass sie ihn nicht vergessen haben, und allen Skeptikern zum Trotz, dass die alte Schule der deutschen Liedermacher längst nicht klein zu kriegen ist.

Doch Mey setzte bei seinem dreistündigen Konzert nicht etwa auf krakelerische Parolenrufe - das ist nicht Mey. Nur mit seiner Gitarre im Anschlag, stimmte er seine seit über 40 Jahren gewohnten leiseren, nachdenklichen, aber auch gar bissigen und humorvollen Töne an. Während des Vortrags blieb es mucksmäuschenstill, auch wenn irgendwo mal ein Baby quakte, ein leerer Trinkbecher auf den Boden schepperte.

All zu gerne war das Publikum bei den beschwingteren Liedern aber zum Mitklatschen bereit, was Mey sogar einmal aus dem Takt brachte. Denn als singender Geschichtenerzähler lässt er sich nicht von einem programmierten Rhythmus antreiben. Seine eher dahinplätschernde Gitarrenbegleitung, die mitunter auch mal jazzige und bluesige Phrasen einschob, war dem ausdrucks- und gefühlsbestimmten Gesang mit seiner textlichen Tiefe untergeben.

Einer andächtigen Kundgebung gleich war die Atmosphäre bei dem wohl bewegendsten Stück des Abends: Bei »Drei Jahre und ein Tag«, das von der Handwerkertradition der Walz und der Verbreitung freiheitlichen Ideale seit der französischen Revolution erzählt, stimmte der gesamte Saal gemeinsam den Refrain »Wir seins alle Brüder, wir seins alle gleich« an. Eine besondere Betonung legte Mey auf die Zeilen: »Dann, brave Christen, ehe ihr vorbeifahrt, denkt daran: Der Herr, zu dem ihr betet, war auch ein Zimmermann!« Dieses Lied gehörte wie rund die Hälfte des Konzertrepertoires aus dem aktuellen Album »Bunter Hund«. Eher bedächtiger und selbstironisch zurückblickender Natur: Der Antikriegssong »Kai«, die Kindheitserinnerungen (»Drei Kisten Kindheit«), das humorvolle, von bewahrten Dummheiten berichtende »Danke, liebe gute Fee« oder die tragisch-brüderliche Geschichte der Wachhunde »Wotan und Wolf« vom Ruhrpott-Autofriedhof, die ihre Hoffnungen nicht aufgeben: »Ja, ja, auch alte deutsche Schäferhunde träumen noch von einer Schäferstunde.« Mit sanfter, adretter Stimme leitete er mit teils spitzfindigen Anekdoten von Lied zu Lied über. Aus seinem Fundus von über 300 Liedern hatte Mey für langjährige Fans auch alte Possenreißer mitgebracht. Da outete er sich als Gesäßfetischist, hob augenzwinkernd das »Arschgeweih« zum »Meisterwerk der Natur« und stellte in »Pöter« seinen Katalog an beobachteten Hinternformen auf. Ausblick auf die nächste Tour in drei Jahren: Dann soll es Ansichten von vorn geben. Auch die Anti-Spießbürger-Lieder »Irgend ein Depp mäht immer« und »Bei Hempels untern Bett« oder das Lied der ersten Mey-Stunden, »Ich wollte wie Orpheus singen«, durften nicht fehlen.

Als sich der Liedermacher nach knapp drei Stunden verabschiedete, holte das begeisterte Publikum ihn dreimal mit stehenden Ovationen zurück. Auf den übersättigten Schinken »Über den Wolken« konnten manche aber vergeblich warten. Dafür hatte Mey ganz ofenfrische Ware in petto. Da erntete er mit seinem ehrlichen »Männer im Baumarkt« rege Zustimmung auch bei den weiblichen Zuhörern. »Wir woll'n doch nur spielen«, klärte er im Stile von Annett Louisan auf und setzte für die immer noch »Wolken-Hoffenden« im Originalton »Für Männer im Baumarkt muss die Freiheit wohl grenzenlos sein« nach. Nach dem »Abendpantoletten«-Lied holte er abschließend für das ältere »Die Zeit des Gauklers ist vorbei« als Schmankerl noch seinen Akkordeon-spielenden Produzenten und Komponisten Manfred Leuchter auf die Bühne.



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