19. August 2008, 15:12 Uhr

Caritas baut betreutes Wohnangebot für Teenager-Mütter aus

Wetzlar (wv). »Muckel« ist nicht die Bezeichnung für ein Tiefdruckgebiet oder Kuscheltier, sondern der Projektname für ein ambulant betreutes Wohnprojekt, des Wetzlarer Caritasverbandes, in dem junge Mütter mit ihren Kindern wohnen und begleitet werden.
19. August 2008, 15:12 Uhr
Ein glückliches Team: Sandy mit ihrer Tochter Alhya und Projektleiterin Bethina Jahnke.

Wetzlar (wv). »Muckel« ist nicht die Bezeichnung für ein Tiefdruckgebiet oder Kuscheltier, sondern der Projektname für ein ambulant betreutes Wohnprojekt, des Wetzlarer Caritasverbandes, in dem junge Mütter mit ihren Kindern wohnen und begleitet werden. Dank einer 5200-Euro-Spende aus der Caritasstiftung der Diözese Limburg und dem Bischof-Kamp-haus-Fonds für junge Mütter kann der katholische Sozialverband sein in Mittelhessen einmaliges Projekt jetzt ausbauen. Geschäftsführer Heinrich Arndt berichtet von einem steigenden Bedarf an solchen Wohnangeboten.

Sie sind 16 oder 17, manche aber auch erst 14 Jahre alt. Über 10000 minderjährige Mädchen werden jährlich in Deutschland schwanger; mehr als die Hälfte der Teenager unter 18 Jahren entscheidet sich für das Kind. Damit nehmen viele der jungen Mütter und auch Väter die Verantwortung an, obwohl sie nicht immer wissen, was auf sie zukommt. Beim Wetzlarer Standesamt wurden im Jahre 2007 sechs Geburten minderjähriger Mütter registriert. Doch wenn Kinder Kinder kriegen steht die Welt auf dem Kopf. Auch im Elternhaus wird den jungen Müttern oft jede Hilfe verweigert und zur Abtreibung geraten. Dabei ist nicht zu übersehen, dass bei vielen Schwangeren der soziale Abnabelungsprozess von Zuhause längst stattgefunden hat.

Dazu gehört auch Sandy. Bis zum fünften Monat hatte die damals 17-Jährige überhaupt nicht gewusst, dass sie schwanger war. Erst der Arzt hatte ihr die frohe Nachricht verkündet, die bei Sandy einen großen Schreck auslöste »Natürlich wollte ich kein Kind, deswegen habe ich ja verhütet«, erzählt die heute 20-Jährige, während sie ihre Tochter Alhya mit Keksen füttert. »Abbruch der Schule, Trennung von meinen Pflegeeltern und der enge Kontakt zu einem sozialkritischen, ja gefährlichen Milieu«: So beschreibt Sandy ihr persönliches Umfeld, als ihre Schwangerschaft festgestellt wurde. Zu dieser Zeit hatte sich der Erzeuger schon aus dem Staub gemacht und später auch die Vaterschaft geleugnet. Aber ein Vaterschaftstest hatte schnell für Klarheit gesorgt.

Da das zuständige Jugendamt bis zur Volljährigkeit der Mutter die »Vormundschaft« für das Kind übernimmt, hatte die Behörde auch sehr schnell den Kontakt zu Sandy und dem Neugeborenen gesucht. »Wiederholt standen die vor meiner kleinen Wohnung in einem Wetzlarer Stadtteil, aber ich war verschwunden, untergetaucht bei Freundinnen oder den Pflegeeltern« beschreibt die junge Mutter ihre damalige Situation, und: »Ich hatte einfach Angst, sie würden mir das Kind wegnehmen, zumal ich beim Jugendamt bestens bekannt war.«

Aber das Versteckspiel hatte schnell ein Ende. Das Jugendamt fand sie und zeigte Sandy, die auch Berührungsängste zu dem Säugling hatte, zwei Perspektiven auf: Intensive, soziale und hauswirtschaftliche Betreuung - oder das Kind wird ihr weggenommen. »Natürlich wollte ich mein Kind behalten, und so habe ich, wenn auch schweren Herzens, das betreute ‘Mutter-Kind-Angebot' der Caritas angenommen.«

Die Sozialeinrichtung, die heute neben den Gemeinschaftsräumen vier abgeschlossene Wohnbereiche sowie zwei Appartements in der Wetzlarer Altstadt bietet, geht auf die intensive Schwangerschaftskonfliktberatung der Caritas um das Jahr 2000 zurück, als sich auch der da-malige Limburger Bischof Franz Kamphaus intensiv für die Schwangeren engagierte. »‘Wir lassen euch nicht allein' - mit diesem Slogan hatten wir dafür geworben, sich für die Schwangerschaft zu entscheiden«, beschreibt der Caritasgeschäftsführer Arndt die Anfänge des Projektes. Die Investition hat sich gelohnt, denn bis heute konnte man mit dem Projekt »Muckel« über 20 jungen Müttern den Start ins Leben erleichtern. Dabei lobt Arndt den engen Kontakt zu dem zuständigen Jugendamt der Stadt Wetzlar.

Auch die inzwischen 20-jährige Sandy ist froh und dankbar, dass sie trotz einer strengen Hausordnung und festen Spielregeln das Angebot zum betreuten Wohnen angenommen hat. Heute hat sie eine starke Bindung zu ihrer Alhya. Zwischenzeitlich durfte sie in ein betreutes Appartement beziehen und hat ihren Hauptschulabschluss nachgeholt. Auch dabei wurde sie von den Mitarbeiterinnen der Caritas und der Kindertagesstätte der Katholischen Domgemeinde aktiv unterstützt. Ihr größter Wunsch ist jetzt eine Ausbildungsstelle als »Altenpflegehelferin«.

»Sandy hat es geschafft, aber bis hierhin war es ein weiter, steiniger Weg«, beschreibt Projektleiterin Bethina Jahnke die Situation der jungen Mütter, die meist aus einem sozial schwierigen Milieu stammen. Viele Mädchen bekommen ihre Aufgabe als Mutter nicht geregelt. »Die sozialen Beziehungen wie wickeln, füttern und spielen, müssen in kleinen Schritten aufgebaut werden, hier gibt es viele Berührungsängste«, erklärt Jahnke die Notwendigkeit der fachlichen Betreuung durch erfahrene Sozial- und Hauswirtschaftlerinnen, die oft rund um die Uhr im Einsatz sind. Natürlich gab es auch den berüchtigten »Zickenalarm«, gibt Sandy auf Befragen zu. »Da ging es oft heiß her. Wir haben ja den ganzen Tag auf Tuchfühlung zusammengehockt und hatten nur wenig Abwechslung. Aber unsere Betreuerinnen haben uns immer wieder auf den Boden geholt. Bis heute gibt es für solche Attacken oder bei Problemen mit den Kindern ein Notfallhandy, das rund um die Uhr besetzt ist.

Die Kosten für Mutter und Kind bezahlen die staatlichen Stellen nach festen Regelsätzen. Aber für viele Zusatzleistungen der Betreuerinnen zur alltäglichen Entwicklungsförderung von Mutter und Kind oder die Hilfe bei Krankheit und Notfällen gibt es keine Unterstützung. »Hier ist die Caritas auf Spenden angewiesen. Da kommen schon 20 000 Euro im Jahr zusammen«, beschreibt Arndt die finanzielle Seite des Mutter-Kind-Projektes. Mutterglück und Zukunftsangst - das ist auch für die junge Wetzlarerin Sandy ein Thema, das sie beschäftigt. »Aber seit ich die Hilfe der Caritas spüre, fühle ich mich nicht mehr allein gelassen«. (Foto: wv)

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