Lahnau

Warum die Atzbacher »Krautkepp« heißen

Lahnau (mo). Die Fotofreunde Lahnau hatten zu einem Dorfabend mit dem Thema: »Wäi’s froier woar...« in das Atzbacher Bürgerhaus eingeladen. Die Dokumentation des heimischen Raums in seiner gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung nimmt bei einer speziellen Arbeitsgruppe der Fotofreunde einen breiten Raum ein.
16. April 2012, 19:18 Uhr
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Kohlernte, im Einsatz das Pferdefuhrwerk von Ludwig Geier (Foto: pm)

Die dadurch geknüpften Kontakte zur Bevölkerung ließen ein großes Interesse an den historischen Archiv-Bildern erkennen. Schließlich hat man das eine oder andere Bild aus der eigenen Familie hervorgeholt und den Fotofreunden für Archivzwecke zur Verfügung gestellt.

Einen Teil der gesammelten historischen schwarz-weißen Dorfbilder, 188 an der Zahl, die seinerzeit reproduziert wurden und jetzt digitalisiert vorliegen, wurden nun aus dem Archiv hervorgeholt und in einer digitalen Diaschau dem zahlreich erschienenen Publikum vorgestellt. Das Interesse überraschte sogar die Fotofreunde selbst. Nicht nur der große Saal war proppenvoll, es musste der kleine Saal dazu geöffnet werden, um den Andrang zu bewältigen. War die Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden, Horst Krug, noch in Hochdeutsch, ging es danach in Mundart weiter.

Wie macht man aber aus den unterschiedlichsten historischen Fotografien, die vorwiegend vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, eine durchgängige Diaschau?« fragten sich die Fotofreunde.

Die Landwirtschaft prägte

Beim Sichten kam man zum Ergebnis, dass Atzbach doch in erster Linie von Landwirtschaft geprägt wurde. Auch wenn die Arbeiter des Dorfes mit dem Zug nach dem Abendstern, Lollar oder Wetzlar fahren mussten, um dort ihr Brot zu verdienen, so hatten doch die meisten noch ein kleines Äckerchen, ein Gärtchen oder halfen bei den Bauern abends aus. Natur und Landwirtschaft bestimmten damals den Tagesablauf. Dazwischen gab es aber Feste, wie zum Beispiel die feierliche Einsegnung bei der Konfirmation, Heirat, Silberhochzeit, Kindersegen, Schulzeit – immer dargeboten in entsprechenden historischen Bildern.

Waren allein schon die Dorfbilder es wert, die digitale Diaschau anzusehen, so erhielt das ganze noch die Würze durch die Mundart-Texte. Ob zur Kirmes, zu den Burschenschaften, Dorfvereinen, Spinnstuben immer kamen dazu die entsprechenden Kommentare. Authentischer noch durch die Dorfnamen, die kleinen eingestreuten Begebenheiten, Gedichte, Geschichten, Anekdoten und Dorflieder. Da waren Vorsitzender Horst Krug und in historischer Bekleidung Werner Blum, Helga Eule, Hilde Scheel, Maria Reichard, Reinhold Götz, Margot Reinstädtler, Elke Schmidt, Horst Agel und Christel Schleenbecker-Schick im Einsatz.

Das Pferdefuhrwerk »Geiermoastersch Ludwich« vor »Kliee Schauer« (Scheune) und der »aale Gemoa-Woch« (Gemeinde-Waage) verdeutlicht zum Beispiel den Uznamen »Krautkepp«, mit dem die Atzbacher gefoppt werden. Denn im Herbst wurde das angebaute Kraut geerntet und in ganzen Wagenladungen vom Feld ins Dorf gefahren und auf dem Markt verkauft.

Alles in allem eine gelungener Abend, das Publikum dankte es mit langanhaltendem Beifall. »So etwas müsste es öfters geben«, das war immer wieder zu hören.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/lahn-dill/lahnau/art633,69724

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