12. Oktober 2011, 09:43 Uhr

Über Wißmar hinaus Trauer um »Hanjer« Helmut Best

Wettenberg (no). Wißmar trägt Trauer, und auch andernorts im Oberhessischen weinen Menschen um Helmut Best, der am Freitag im Alter von 67 Jahren ganz plötzlich einem Infarkt erlegen war. Die Trauerfeier für den langjährigen Rektor der örtlichen Grundschule findet am 13. Oktober von 14 Uhr an in der Wißmarer Friedhofskapelle statt.
12. Oktober 2011, 09:43 Uhr
Helmut Best †

 

Es war längst nicht die Rolle des am Ort verwurzelten Pädagogen allein, die diesem Menschenfreund durch und durch eine geradezu eingeschränkt erscheinende Zuneigung zuteil werden ließ. Über all seinen vielschichtigen Talenten, mit denen er zu keiner Zeit seines Daseins geizte, standen die Empathie, ein verbindliches, zielorientiertes Auftreten sowie die Befähigung, dem Leben und seinen Herausforderungen gelassen, intelligent und mit gescheitem Witz begegnen zu können. Davon profitierten – neben der Familie und den Freunden – eine ganze Generation Wißmarer Kinder, das Dorf im Sinne eines ganzheitlichen Gemeinwesens, darüber hinaus die Menschen, denen er, zum Teil über Jahrzehnte, im Sport und als Sportler verbunden war.

Wo beginnt man bei dem Versuch, ein so reichhaltiges Leben zu beschreiben? Bei dem wissbegierigen Knaben, der Tauben hielt, Hühner züchtete und am liebsten am Bahndamm spielte, wo er jedes Vogelnest kannte? Der Hochdeutsch als »meine erste Fremdsprache« bezeichnete und eigentlich »Moos« werden wollte, wie der Schuster hieß, der nebenbei ein Pferd besaß? Der es dann zielstrebig zum Abitur brachte und zunächst einmal jenseits der Ortsgrenzen erfolgreich war?

Im Licht der Öffentlichkeit war da zunächst der Fußballer Helmut Best, den Spielfreude und Kondition schnell neue Herausforderungen suchen ließen – damals in den 1960ern beim VfB 1900 Gießen, in der Mannschaft mit Jürgen Himmelmann, Arno Reeh, Egon Fritz und anderen. Größter Erfolg: die Hessenmeisterschaft. Später war Best ein Führungsspieler beim TSV Krofdorf-Gleiberg. Und überhaupt der Sport, neben Mathe und Bio eines seiner Studienfächer: Der Basketball lag ihm als Spieler am Herzen, als Ausdauersportler absolvierte er in dreieinhalb Stunden die Marathondistanz, mit dem Tennisschläger stand er noch wenige Tage vor seinem plötzlichen Tod auf dem Platz.

Die erste Stelle als Lehrer trat Best 1970 in Eibelshausen im Dillkreis an, vier Jahre später folgte die Versetzung an die Wettenbergschule. Und im Januar 1982 wurde er, wofür er wie kein zweiter geschaffen schien: Rektor der rund 200 Kinder zählenden Volksschule in Wißmar, seinem Heimatort. Spätestens in diesem Moment war er wieder ganz innen angekommen. Wie buchstäblich innig dieses Verhältnis zum Dorf und seinen Menschen war, zeigte sich in einer bis dahin fast beispiellosen Mundartinitiative: Best lehrte – abseits des Regelunterrichts und für die Schüler auf Freiwilligenbasis – die von ihm perfekt beherrschte Wißmarer Mundart. Schnell bildete sich daraus ein Ensemble, das über viele Jahre öffentliche Auftritte bestritt: die »Wissemere Hanjer«, benannt nach dem Uuznamen des Ortes respektive seiner Alteingesessenen. Paradestücke der sich stets mit jungen Kräften erneuernden Gruppe, die übrigens Mitte der 1990er mit dem erstmals verliehenden Kultur-Förderpreis der Gemeinde Wettenberg bedacht wurde: Peter Geibels »De Hannes woar en Ruudlaafsfänger …« und – aufgeführt in der Kirche – die Weihnachtsgeschichte, geboten als Krippenspiel in Dialektsprache.

Helmut Best wäre nicht er selbst gewesen, hätte er dieses Potenzial nicht ausgereizt. Zum ersten Wißmarer Krämermarkt 1995 regte er einen vorabendlichen Mundartabend an – mit besonderen Gästen wie etwa Emil Winter oder der in der ganzen Region umjubelten Mundart-Musik-Formation »Fäägmeel« und mit Verleihung der »Hanjer«-Ehrenbürgerschaft an jeweils einen verdienten (Neu-)Bürger, der dem Gemeinwesen und seiner Mundart zugetan war und ist. Selbstredend war es der Dorfschulmeister selbst, der den Abend moderierte und dabei auch zur erheiternden Sprachprüfung bat. Gerade wegen des Lamdazismus im »Wissemere Platt« konnte dies für die Probanden ein Drahtseilakt werden: »Ean se sahle, se hälle den Geckeler met de rule Aache metsamt de Feällern gebroole. Ean dann hälle se sich bloulich gehaache.«

Helmut Best und »sein« Wißmar. Das waren ehedem die Ortssporttage (»Stimmungsbarometer fürs Wir-Gefühl«) und die 1225-Jahr-Feier, die er an exponierter Stelle mitverantwortete. Das waren Gründung und Fortbestand des Tennisvereins sowie das Mittun im Reit- und Fahrverein.

Wer Helmut Best gekannt und – mehr noch – ihn gemocht hat, wird sich seiner gern erinnern. Auch der oberhessischen Mantras wegen, die er gern in seine Worte einflocht. »Vo’ naud kimmt naud!« Von ihm indes kam immer viel. Wißmar nimmt Abschied von einem Mann, der ein Gewinn war für das Dorf, ein Glücksfall. Er war eben »simply the best«! Umso schwerer wiegt der Verlust.

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