08. November 2012, 19:03 Uhr

Suche nach Wegen und Formen des Erinnerns in Wettenberg

Wettenberg (so). Wie soll mit dem Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus iumgegangen werden? Wem soll in welcher Form gedacht werden? Wer soll wie öffentliche Würdigung erfahren? Aktuell ist es Dieter Bender von der Freireligiösen Gemeinde, der das Thema aufgegriffen hat und mahnt, es gebe da noch aufzuarbeiten.
08. November 2012, 19:03 Uhr
Demnig

,Es gelte, vor dem Vergessen zu bewahren, und es gelte auch öffentlich Raum zum Gedenken zu schaffen. Verdienstvoll da das Engagement der evangelischen Kirchengemeinde und weiterer, die mit einer Gedenktafel an der Kirchhofsmauer 2008 ein Zeichen setzten und so dort dauerhaft und jedes Jahr erneut am 9. November an das Schicksal der Krofdorfer jüdischen Familien erinnern. Nicht minder verdienstvoll, dass nun erneut die Initiative ergriffen wird, um an weitere Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Bender hatte am Dienstag nach Gleiberg eingeladen, um den Prozess neu anzustoßen. Dem Auftakt sollen weitere Treffen folgen. Der Abend zeigte zugleich, dass die Thematik durchaus emotional besetzt ist.

Prominenter Gast des Abends: der heute nahe Köln lebende Künstler Gunter Demnig, dessen Lebensaufgabe das Verlegen von »Stolpersteinen« geworden ist. Rund 38 000 Pflastersteine mit Messingtäfelchen erinnern in vielen Ländern Europas an Opfer des Nationalsozialismus – verlegt immer im Gehweg an den letzten Wohnorten der Menschen, bevor sie verhaftet, deportiert, zur Flucht gezwungen, ermordet wurden. Solche Steine, die zum Innehalten und Erinnern anhalten, liegen in der Region unter anderem in Gießen, in den Staufenberg-Dörfern, in Butzbach. .. Ein jeder Mensch ein Stein – Juden, Euthanasie-Opfer, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Sinti und Roma, Freimaurer, Zwangsarbeiter. »Wer die Steine lesen will, muss sich vor den Steinen und damit vor den Opfern verbeugen«, machte Demnig deutlich, der in einem gut 45-minütigen Vortrag sein bewegtes Leben als Spuren-Leger vorstellte. Mitte der 90er Jahre dann hatte er mit den Stolpersteinen eine Aufgabe gefunden, die zum Lebenswerk wird: 280 Tage im Jahr ist er unterwegs, um Steine zu verlegen, deren Messingtafeln individuell und immer von Hand gefertigt werden.

Klar aber auch, dass das Verlegen dieser erinnernden Steine eigentlich am Ende eines womöglich längeren Prozesses von Spurensuche und Aufarbeitung steht. Klar des weiteren, dass eben diese Stolpersteine eine, aber eben nicht die einzige Form des Erinnerns sind.

Die Freireligiöse Gemeinde hatte sich damit auch angesichts der eigenen Geschichte befasst: So wurde die Gemeinde im »Dritten Reich« zwei Male verboten, erinnerte der Initiator des Abends, Dieter Bender, der im Rahmen seiner etwas provokanten Einladung bereits Namen von Opfern des Nazi-Terrors zur Diskussion gestellt hatte, darunter etwa des jungen Wilfried Bender, der, weil krank, ermordet wurde. Benannt wurde zudem der aus Gleiberg stammende Kommunist Gustav Würtz oder der nach Paraguay ausgewanderten Ludwig Schleenbecker. »Wir werden intensiv diskutieren müssen, an wen wir wie erinnern wollen«, regte Bender an.

Gemeinsames Vorgehen angestrebt

Pfarrer Christoph Schaaf gab zu bedenken, dass einer öffentlichen Ehrung ein breiter gesellschaftlicher Konsens vorausgehen müsse, da sein jeweils viel aufzuarbeiten, sei sorgfältig zu recherchieren, mit Angehörigen und Nachfahren in Dialog zu treten.

Auch er würde es begrüßen, »wenn wir zu einem gemeinsamen Vorgehen kommen können«, griff er Dieter Benders Einladung auf, die dieser am Abend zwei Male formulierte mit der Bitte um Mitarbeit auch der evangelischen Kirchengemeinde. Dies halte er, Bender, für wichtig. Damit gab er ein klares Signal, ebenso wie auch der Pfarrer und weitere, die der Einladung zu der Auftaktveranstaltung gefolgt waren.

Wie geht es nun aber weiter? Bender wird zu einer weiteren Runde einladen. Wichtig ist dabei, dass auch die Menschen in Wißmar und Launsbach in die Arbeiten und Recherchen eingebunden werden. Dr. Jürgen Leib, in der Gesichte seiner Heimatgemeinde mehr als bewandert, regte an, möglichste alle gesellschaftlich relevanten Gruppen in eine Arbeitsgemeinschaft einzubinden – wobei es der Freireligiösen Gemeinde um Dieter Bender zudem wichtig ist, möglichst breit interessierte Bürger mitzunehmen auf dem Weg der Aufarbeitung.

Die weiteren Schritte

Beim nächsten Treffen ist dann Raum, das weitere Vorgehen zu erörtern: Jürgen Leib skizzierte zu gehende Schritte: Es seien zuerst einmal Daten, Namen, Biografien zu sammeln. Dann seien diese Informationen einer Analyse und Bewertung zu unterziehen, daraus Konsequenzen abzuleiten. Und erst dann sei über jeweils angemessene Formen des Erinnerns und Gedenkens – wie etwa Stolpersteine – zu befinden.

Denn diese Stolpersteine mögen auch nicht immer jedem das rechte Zeichen sein: So wies der seit Jahren mit den Nachfahren der aus Krofdorf stammenden Familie Rosenthal in Kontakt stehende Manfred Schmidt, der das Feld der Lokalgeschichte intensiv bestellt, darauf hin, dass ihm deutlich signalisiert wurde, man wolle eben keine Stolpersteine: »Ich möchte nicht auf meinem Namen herumgetrampelt haben«, hatte der betagte Siegfried Rosenthal dargelegt – und vielmehr die Bronzetafel an der Mauer des Kirchgartens angenommen als Ort des Gedenkens. Jene Gedenktafel, die auch Dieter Bender ausdrücklich begrüßt hat - über die hinaus nach seinem Dafürhalten aber weitere Erinnerungs-Marken gesetzt werden sollten.

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