Wettenberg

Italienische Nacht auf Burg Gleiberg

Wettenberg (mlu). Ein rundum sinnliches Vergnügen bescherte am Freitag die »Italienische Nacht« etwa 700 Besuchern auf Burg Gleiberg: das Panorama schmeichelte dem Auge, der Gaumen ergötzte sich am südländischen Gusto, indes das Gehör sich an einer feinen Auswahl schönster Melodien italienischer Opernkunst delektierte.
11. Juli 2010, 16:22 Uhr
Protagonisten eines bezaubernden Abends auf Burg Gleiberg: (von links) Gabriel Urrutia, Eltleva Shemai, Lothar Fritsch, Rainer Z
Protagonisten eines bezaubernden Abends auf Burg Gleiberg: (von links) Gabriel Urrutia, Eltleva Shemai, Lothar Fritsch, Rainer Zagovec, Enny Kim, Emilio Ruggerio und Stefan Ottersbach sowie (dahinter) die Frankfurter Sinfoniker.

Und zu alle dem entspannte sich der Wettergott, nachdem er den ganzen Tag über mit einem Gewitter kokettiert hatte, als die Frankfurter Sinfoniker unter dem Dirigat von Stefan Ottersbach (Universitätsmusikdirektor an der Justus-Liebig-Universität Gießen) mit der Ouvertüre zur Oper »La Forza del destino« von Guiseppe Verdi den Auftakt gaben.

Eine echte Herausforderung für Genießer. Wer sich der hohen Kunst zu Ehren livriert hatte, um fortan unter der Bedrängung des feinen Zwirns ein wenig zu leiden, wer sich auch an den dienstbeflissenen, aber wirklich äußerst dezent agierenden Kellern störte, offenbarte damit nichts anderes als Unfähigkeit zur Dekadenz. Denn nichts stand dieser Veranstaltung ferner als der elitäre Nimbus, unter dem das sogenannte Bildungsbürgertum seiner klassischen Tradition gern zu begegnen pflegt.

Die legere Aufmachung war in jeder Hinsicht Teil des Konzeptes, das nun eben auch ein dreigängiges Menü für all jene bereit hielt, die nicht auf den Stuhlreihen im Innenhof saßen, sondern für einen Platz auf der Terrasse etwas tiefer in die Tasche gegriffen hatten. In Wahrheit wurde der Tradition durch diesen Einfall erst eine historisch authentische Referenz erwiesen: »Das ist wie in den alten italienischen Theatern des 15. und 16. Jahrhunderts, wo man in der Loge tafelte und sich was vorsingen ließ«, schwärmte Rainer Zagovec im Vorfeld der Veranstaltung, die er in Zusammenarbeit mit den Burggastronomen Kerstin und Theo Friedrich zum dritten Mal organisiert hatte und durch deren Programm er anekdotenreich zu geleiten verstand.

Gemessen an dem dankbaren Sonderapplaus, den er für seine so leidenschaftliche wie gewitzte Moderation erhielt, konnte er sich erneut in seiner Einstellung bestätigt fühlen, derzufolge die Oper »kein Heiligtum« ist. Man freut sich schon aufs nächste Jahr.

Einen würdigen Rahmen bot die Kulisse auf Burg Gleiberg trotz aller volkstümlichen Avancen allemal. Wie sich das sommerliche Grün der Linden im Innenhof gegen das Blassblau des abendlichen Juli-Himmels abzeichnete und mit dem illuminierten Gemäuer des steil aufragenden Burgfrieds kontrastierte, das ist nicht anders anzusprechen als romantisch-pittoresk. Eine optimale Szenerie also für die Arien und Duette verzweifelter Liebhaber, gemeiner Intriganten und wahnsinniger Adelstöchter, wie sie in den Rollen des Rodolfo aus »Luisa Miller«, des Banco aus »Macbeth« oder der Principessa aus »Adriana Lecouvreuer« zu Gehör kamen. Und das auf hohem Niveau.

Schwalbenschwärme trugen im Tiefflug zu diesem formidablen Opernabend bei

Dafür bürgten die hochkarätigen Sängerinnen und Sänger, die Branchen-Iintimus Zagovec engagiert hatte: sein alter Kollege Lothar Fritsch, Bass seines Zeichens an den Opernhäusern von Zürich und Köln; der mimisch starke Bariton Gabriel Urrutia; die bezaubernde Mezzosopranistin Eltleva Shemai, das tenorale Geburtstagskind Emilio Ruggerio aus Mexiko; schließlich die Sopranistin Enny Kim, die in ihren entzückenden Koloraturen mit den Soubretten der Natur im Wettstreit zu liegen schien. Denn begleitet wurde die erste Hälfte der Vorstellung vom schrillen Pfeifen hektisch um den Turm kreisender Schwalbenschwärme, die - eingedenk manch gezeichneten Schulterpolsters - im Tiefflug nicht nur akustisch ihren ganz besonderen Teil zu diesem formidablen Opernabend beitrugen. Den Geist des genialen und nicht umsonst vom sarkastischen Schopenhauer hochgeschätzten Gioachino Rossini dürften solche Begleiterscheinungen köstlich amüsiert haben, sofern er sich denn im kollegialen Kreis von Verdi und Donizetti, Cilea, Bellini und Puccini eingefunden hatte. Denn aus deren Meisterwerken bestand das Programm, das in einer ersten Zugabe nach bald drei Stunden eben mit Rossini endete. In einer dem Genius dieses Komponisten angemessenen Bearbeitung erklang der Schluss des ersten Finales aus der Oper »Die Italienerin in Algier«, an dessen Inszenierung sich alle Sänger beteiligten. Selbst Zagovec verfiel an dieser Stelle für einen Moment in die Rolle des Spieltenors, als der er seinerzeit in Venedig, Barcelona oder Bayreuth gastierte. Über ihnen allen aber glänzte in der Schlusssequenz das von Kim lang ausgehaltene hohe C nun doch wie ein Heiligenschein. Da verstummten sogar die Schwalben.

Und in einem Wort lässt sich das gesamte, letztlich mit »Libiamo Ne’ Lieti Calici«, dem Trinklied aus Verdis »La Traviata«, endende, Geschehen so zusammenfassen: Bravo!

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