09. Februar 2009, 13:34 Uhr

Die Sprache der Ahnen wird nach wie vor in Ehren gehalten

Wettenberg (m). »Rate mal, wie viel Hinkel wir haben«. Tiago Becker richtete die Frage nahezu akzentfrei an Bürgermeister Gerhard Schmidt, der sich zunächst kräftig verschätzte. Nein, nicht 20, sondern 20 000 Stück Federvieh sind es auf der elterlichen Farm in Brasilien. Von dort kommt er, wie seine neun Kommilitonen, deren Vorfahren alle aus dem Hunsrück stammen, und dort heißen die Hühner eben Hinkel. In Sao Leopoldo landete 1824 die erste Gruppe deutscher Einwanderer. Das ist gut sieben Generationen her, und umso erstaunlicher, das die zehn jungen Leute aus dem Land des Zuckerhuts, in dem portugiesisch gesprochen wird, den Dialekt noch beherrschen.
09. Februar 2009, 13:34 Uhr
Studenten aus Brasilien werden von Bürgermeister Gerhard Schmidt empfangen. Edmund Wild war jahrelang Dozent in Brasilien. (Foto: m)

Wettenberg (m). »Rate mal, wie viel Hinkel wir haben«. Tiago Becker richtete die Frage nahezu akzentfrei an Bürgermeister Gerhard Schmidt, der sich zunächst kräftig verschätzte. Nein, nicht 20, sondern 20 000 Stück Federvieh sind es auf der elterlichen Farm in Brasilien. Von dort kommt er, wie seine neun Kommilitonen, deren Vorfahren alle aus dem Hunsrück stammen, und dort heißen die Hühner eben Hinkel. In Sao Leopoldo landete 1824 die erste Gruppe deutscher Einwanderer. Das ist gut sieben Generationen her, und umso erstaunlicher, das die zehn jungen Leute aus dem Land des Zuckerhuts, in dem portugiesisch gesprochen wird, den Dialekt noch beherrschen.

Aber die Großeltern sprechen ihn noch und auch die Namen der Gäste aus Südamerika lassen Rückschlüsse auf ihre Abstammung zu: Caroline Kuhn, Jaqueline Bourscheidt, Marluce Maldaner, Tatiani Fiegenbaum, Paula Päetzhold, Deizi Habitzreiter, Varla ten Kathen, Eliza Bublitz, Helder John und Tiago Becker. Es sind Studenten, die überwiegend aus den südlichen, durch deutsche Einwanderer geprägten, Staaten Brasiliens kommen und sich im Rahmen ihres Studiums für zwei Monate in Deutschland aufhalten. Davon verbrachten sie vom 31. Januar bis zum vergangenen Samstag auch einige Tage im hiesigen Gefilden und wurden auch von Bürgermeister Gerhard Schmidt empfangen. Vier hatten Unterkunft in der Dom- und Goethestadt Wetzlar, in der auch die Phantastische Bibliothek beheimatet ist, die seit Jahren Verbindungen nach Brasilien pflegt, und die übrigen hatten in Wettenberg Quartier genommen - dort auch bei Klaus Schwarz, dem ehemaligen Forstdirektor, und Edmund Will. Er ist die Schlüsselfigur dieses Austausches. Viele Jahre bildete er am IFPLA-Institut (Instituto de Formação de Professores de Língua Alemã) Deutschlehrer aus. Dieses Institut gehört zur UNISINOS (Universidade do Vale do Rio dos Sinos) in Sao Paulo. Seit der Gründung 1976 wurden bereits 281 Lehrer ausgebildet, die in Grund- und Mittelschulen der Städte, der Bundesstaaten sowie in Privatschulen in Rio Grande do Sul, Santa Catarina, Paraná und São Paulo unterrichten. Das IFPLA arbeitet mit dem Goethe-Institut und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Köln zusammen. Allein im Staate Rio Grande do Sul wird Deutsch in ca. 200 Schulen gelehrt. Die deutschen Sprachberater stehen den Lehrern mit pädagogischer Beratung zur Seite. Das IFPLA ist das einzige Ausbildungsinstitut für Deutschlehrer in Brasilien.

Der Deutschlandaufenthalt ist jenen Studenten mit guten Studienleistungen vorbehalten und erfolgt nach dem 6. Semester. Das Studium dauert vier Jahre . Mit dem Abschluss »Licenciatura Plena« besitzen die Absolventen die Lehrbefähigung für Portugiesisch und Deutsch in der Mittel- und Oberstufe . Am 27. Februar geht es zurück in die Heimat. Bis dahin haben die IFPLA-Studenten einiges erlebt und erfahren vom Land ihrer Vorfahren und seinen Menschen. Vor allem haben sie aber auch den Menschen hierzulande, mit denen sie Kontakt hatten, viel zurück gegeben. Ihre Spontaneität, Lebensfreude und ihre ansteckende Herzlichkeit und Fröhlichkeit hatten vielfache Ausdrucksformen. So auch durch das Ständchen für den Bürgermeister, als Tiago Becker zur Gitarre griff und die Gruppe hell und froh die Lieder »Isto aqui o que é« und »Querencia amada« im Sitzungszimmer der Bürgermeisterei und anschließend auch auf dem Wochenmarkt auf dem Sorgues-Platz erklingen ließ.

Zuvor hatte der Wettenberger Bürgermeister die Gemeinde und ihre Verwaltung vorgestellt sowie das Vereinsleben skizziert. So ganz fremd kam das den jungen Brasilianern nicht vor. Auch sie kommen alle aus Städten, die nur unwesentlich mehr Einwohner zählen als Wettenberg. Gleiberg, Vetzberg, Dünsberg gehörten zum Pflichtprogramm beim Aufenthalt im Gleiberger Land. Das Projekt des landeskundlichen Deutschlandaufenthaltes, das unterstützt wird durch die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen im Bundesverwaltungsamt in Köln sowie durch das Gustav-Adolf-Werk der evangelischen Kirche in Deutschland und durch ehemaligen IFPLA-Dozenten und Fachberater, umfasst mehr. So beispielsweise je ein einwöchiger Aufenthalte bei Gastfamilien in Bremen, Berlin, Leipzig und weiteren Orten in den neuen Bundesländern und natürlich im Hunsrück. Überall werden Sprachkurse, Schulhospitationen, fachdidaktische Seminare und landeskundliche Informationen angeboten.

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